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Nach dem Anschlag in Hanau stellen Menschen Blumen und Kerzen auf. Auch ein Jahr nach der schrecklichen Tat sitzt der Schock noch tief.

Entsetzen und Ratlosigkeit

  • vonDPA
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Der Anschlag von Hanau vor einem Jahr bewegt die Menschen in Hessen und ganz Deutschland. Zahlreiche Organisationen gedenken der Opfer - und mahnen mehr Engagement gegen rechts an.

Ein Jahr ist es her, dass der Deutsche Tobias R. in Hanau neun Menschen aus rassistischen Motiven erschoss - und noch immer sind Entsetzen und Ratlosigkeit über die Tat in der Stadt greifbar. Heute werden Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier und Hessens Ministerpräsident Volker Bouffier (CDU) das zu spüren bekommen, wenn sie zusammen mit dem Hanauer Oberbürgermeister Claus Kaminsky (SPD) und Angehörigen der Toten an der Gedenkfeier teilnehmen. Neben Trauer und Schmerz werden auch die drängenden Fragen der Opferfamilien den Jahrestag bestimmen. Doch ob und welche Antworten die Politik darauf finden wird, ist offen.

Vielfach hatten die Angehörigen in den vergangenen zwölf Monaten Konsequenzen aus der Tat gefordert - allen voran ein entschiedeneres Eintreten gegen rechts. Den Behörden warfen sie vor, »Warnsignale« nicht ernst genug genommen zu haben, zuletzt etwa Ajla Kurtovic, deren Bruder Hamza unter den neun Todesopfern des Anschlags war. Neben Pamphleten mit Verschwörungstheorien und rassistischen Ansichten, die der 43 Jahre alte Täter vor der Tat im Internet veröffentlicht hatte, gehört dazu auch ein von ihm verfasster, sehr wirrer Brief, der Monate zuvor beim Generalbundesanwalt eingegangen war.

Warum wurde dem nicht nachgegangen und warum durfte Tobias R. Waffen besitzen? Wie kann eine solche Tat künftig verhindert werden? Diese Fragen treiben nicht nur die Familien um. Schärfer formuliert es die »Initiative 19. Februar Hanau«, ein Zusammenschluss von Hanauer Angehörigen. In einem der Texte auf ihrer Homepage ist von einem »Versagen der Behörden vor, während und nach der Tat«, von »Schwerfälligkeit der Ämter bei der Unterstützung und Hilfe« und von »unverzeihlichem Fehlverhalten der Sicherheitskräfte in der Tatnacht« die Rede. Er zeigt, wie tief die Wunden und die Zerrissenheit in Hanau auch ein Jahr nach dem Anschlag noch sind.

Zum heutigen Jahrestag des rassistisch motivierten Anschlags von Hanau haben Organisationen aus Hessen und ganz Deutschland zu einem entschiedenen Eintreten gegen Rassismus und Rechtsextremismus aufgerufen. Die Türkische Gemeinde in Deutschland (TGD) und der Zentralrat der Juden mahnten am Donnerstag nachhaltige Unterstützung für die Hinterbliebenen der Opfer an. »Denn für Betroffene ist Hanau potenziell immer (noch) und überall«, sagte der TGD-Bundesvorsitzende, Atila Karabörklü. Rechtsextremismus und Rassismus würden auf politischer Ebene mittlerweile zwar ernster genommen - aber sie hätten immer noch einen zu geringen Stellenwert in Deutschland.

»Viele Betroffene leiden noch heute unter den Spätfolgen des Anschlags. Ihnen gilt unsere Solidarität und unser Mitgefühl«, sagte der Präsident des Zentralrates der Juden, Josef Schuster. Er forderte konkrete Maßnahmen gegen Rechtsextremismus, Rassismus und Antisemitismus.

In Wiesbaden gedachte Hessens Landtagspräsident Boris Rhein (CDU) der Opfer und sprach den Angehörigen der Ermordeten sein Mitgefühl aus. Er empfinde Zorn und tiefe Scham, sagte Rhein. Das Attentat sei »die Eskalation rassistisch und rechtsextremistisch motivierter Anschläge in Deutschland in jüngster Zeit«.

Auch Enis Gülegen, Vorsitzender des Landesausländerbeirats, sprach den Angehörigen der Todesopfer sein Mitgefühl aus. Zugleich zeigte er sich betroffen über ungeklärte Begleitumstände der Tat. »Der Polizeinotruf war überlastet und die Notrufzentrale in der Tatnacht unterbesetzt. Wäre dies anders gewesen, hätte der Täter womöglich gestoppt werden können. Die Landesregierung trägt eine Mitschuld an den Vorfällen.« Versäumnisse sollten offen auf den Prüfstand gestellt und Konsequenzen gezogen werden.

Derweil äußerte sich das zuständige Polizeipräsidium zum Umgang mit den Opferfamilien und Betroffenen nach dem Anschlag. Ergänzend zu Ermittlungen sei noch am Tatabend des 19. Februar 2020 ein Betroffenen-Informations-Zentrum (BIZ) als direkte Anlaufstelle für alle Betroffenen eingerichtet worden, erklärte der Präsident des Polizeipräsidiums Südosthessen, Eberhard Möller, auf Anfrage.

Den dort eingesetzten Beamten hätten die Migrationsbeauftragten des Polizeipräsidiums zur Seite gestanden. Auch fünf Seelsorger hätten die Betreuung der Betroffenen unterstützt. »Nachdem die gesicherten Informationen in Hinblick auf die Opfer vorlagen, überbrachten qualifizierte Mitarbeiter den Angehörigen die Todesnachrichten«, erklärte Möller.

Zuvor hatte die »Initiative 19. Februar Hanau«, ein Zusammenschluss von Angehörigen mehrerer Anschlagsopfer, den Sicherheitskräften unter anderem Fehlverhalten in der Tatnacht vorgeworfen. Auch Ajla Kurtovic, deren Bruder Hamza bei dem Anschlag getötet worden war, kritisierte vergangene Woche das Vorgehen der Polizei in der Tatnacht und erklärte, es habe bis heute kein Termin dazu mit der Polizei stattgefunden. So seien ihre Eltern, aber ebenso andere Angehörige in der Tatnacht stundenlang »hingehalten« worden, bis dann erst am Folgetag um kurz nach 6 Uhr morgens eine Liste mit den Todesopfern verlesen worden sei.

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