Das drei Stockwerke hohe Atrium lässt Sonnenlicht in das Jüdische Museum fluten. Am 20. Oktober soll das neue Museum eröffnet werden. FOTO: PETER JÜLICH
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Das drei Stockwerke hohe Atrium lässt Sonnenlicht in das Jüdische Museum fluten. Am 20. Oktober soll das neue Museum eröffnet werden. FOTO: PETER JÜLICH

Einmischen und Haltung zeigen

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Dieses Haus macht es den Menschen nicht leicht. Es fordert sie auf, selbst aktiv zu werden. Nicht nur passiv den Schrecken und das Schöne zu konsumieren. Und doch zeigt das neue Jüdische Museum in Frankfurt dem Publikum erst einmal seine hermetische Flanke.

Wer aus Richtung Innenstadt durch die Untermainanlage auf die Gebäude zugeht, der stößt auf einen geschlossenen Riegel, in dem sich nur ein großes Fenster öffnet. Wer dann den Berta-Pappenheim-Platz betritt, der sieht, wie harmonisch sich der Kubus des Neubaus und das alte Rothschildpalais, beide in strahlendem Weiß, ineinanderfügen. Fünf Jahre nach dem ersten Spatenstich und nach zwei Terminverschiebungen will die Stadt ihr neues Museum jetzt endlich am 20. Oktober festlich eröffnen.

Und Direktorin Mirjam Wenzel, die durch die Häuser führt, bekennt sich zu einem ehrgeizigen Ziel. "Wir wollen die Schwelle für den Museumsbesuch senken, wir wollen ihn selbstverständlich machen." Das ist gerade bei einem Jüdischen Museum eine Herausforderung in Zeiten eines wachsenden, auch gewalttätigen Antisemitismus. Nach dem Anschlag auf die Synagoge in Halle vor einem Jahr mussten die sichtbaren und unsichtbaren Sicherheitsvorkehrungen noch einmal verstärkt werden. Zugleich kämpft die 48-jährige Literaturwissenschaftlerin darum, das Geschaffene nicht in einer Festung zu verbarrikadieren, sondern damit in die Gesellschaft hineinzuwirken. "geschützte Offenheit" heißt deshalb ihre Formel.

Wer die Sicherheitsschleuse passiert hat, dem öffnet sich der Neubau in verblüffender Weise. Ein hohes Atrium über drei Stockwerke hinweg lässt Sonnenlicht die Räume fluten. "Lichtbau" heißt programma-tisch der neue Teil nach dem Entwurf des Berliner Architekturbüros Staab. Konsequent setzen die Planer auf den spannungsreichen Gegensatz von kühlem Beton und warmem Eschenholz. Das Jüdische Museum ist das älteste Deutschlands, im Altbau 1988 eröffnet. Zwei Jahre zuvor hatte die Jüdische Gemeinde ihr neues Zentrum im Frankfurter Westend seiner Bestimmung übergeben. "Wer ein Haus baut, der will bleiben", hatte der Vorsitzende der Jüdischen Gemeinde, Salomon Korn, damals gesagt. Knapp 35 Jahre später ist der Anspruch gewachsen: Die Juden in Deutschland wollen nicht mehr nur zurückblicken auf die Schrecken des Holocaust, sondern selbstbewusst das Gemeinwesen der Gegenwart und Zukunft mitgestalten.

Genau das demonstriert der Neubau. Er führt vor, wie das Haus sich einmischt und Haltung zeigt. Etwa durch die "Literaturhandlung" von Rachel Salamander im Untergeschoss. Alle Neuerscheinungen, aber auch Antiquarisches sammelt die Georg-Heuberger-Bibliothek im ersten Stockwerk, benannt nach dem Gründungsdirektor des Museums.

Zur Bibliothek mit ihren 269 Quadratmetern gehören kleine, abgeschlossene Forschungsräume für Wissenschaftler aus aller Welt. Wenn die Corona-Pandemie einmal überwunden ist, will das Museum 100 000 Besucher im Jahr aus der ganzen Welt anziehen. Wer angekommen ist, erhält eine Chipkarte, mit der sich an Stationen viele zusätzliche Informationen abrufen lassen: Filme, O-Töne, Animationen. Und zum Neubau gehört ein Deli, in dem Florian Große neue Maßstäbe setzen will für koschere Küche.

Im Erdgeschoss werden auf 634 Quadratmetern künftig Wechselausstellungen gezeigt; die erste unter dem Titel "Die weibliche Seite Gottes" will die Direktorin in Kürze vorstellen.

Wir gehen in den Altbau hinüber, in dem die jüdische Bankiersfamilie der Rothschilds im 19. Jahrhundert lebte. Hier wirft die Chefkuratorin Sabine Kößling in der Dauerausstellung unter dem Titel "Wir sind jetzt" auf drei Etagen Schlaglichter auf jüdisches Leben von der Aufklärung bis zur Gegenwart. Sehr verdichtet, Themen oft nur anreißend und doch Emotionen weckend.

"Geschichte und Gegenwart" im dritten Stockwerk führt durch die jüdische Geschichte des 19. und 20. Jahrhunderts in Frankfurt. Gezeigt wird auch großbürgerliche Emanzipation im 19. Jahrhundert am Beispiel der Rothschilds. In den ehemaligen, prachtvoll restaurierten Räumen der Bankiersfamilie ist viel Platz den Gemälden von Moritz Daniel Oppenheim (1800-1882) gewidmet.

Im zweiten Stockwerk ist die Dauerausstellung "Tradition und Ritual" zu sehen. Im Raum "Ask the Rabbi!" können die Besucher in einen fiktiven Dialog treten mit den fünf Rabbinerinnen und Rabbinern der Jüdischen Gemeinde in Frankfurt. Zwei Jahre lang hat Timm Ringewald an dieser Videoinstallation gearbeitet.

Das erste Stockwerk breitet unter dem Motto "Familie und Alltag" das Leben dreier jüdischer Familien aus Frankfurt aus - neben den Rothschilds die Franks mit der ermordeten Tochter Anne und die kommunistische Familie Senger.

Am Ende hat der Besucher den Anfang von vielen Geschichten erlebt, die fesseln, bestürzen, einen so schnell nicht loslassen.

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