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Trommeln als völkerübergreifende Sprache haben knapp ein Dutzend Musikinteressierte aus Deutschland auf den Kapverdischen Inseln erlebt, darunter fünf Aktive des Gießener Percussion-Ensembles "Bloco Baiano".

Eine ungewöhnliche Idee nimmt rasante Fahrt auf

Staufenberg/Gießen. - Neuland betreten im wahrsten Sinne des Wortes haben knapp ein Dutzend Musikinteressierte, als sie sich kürzlich unter der Leitung von Markus Leukel (Treis) auf eine Reise der etwas anderen Art begaben. Unter ihnen: fünf Aktive des Gießener Percussion-Ensembles "Bloco Baiano". Ihr Ziel: ein kleiner Inselstaat im Atlantik, rund 450 Kilometer westlich vor Senegals Küste gelegen - die Kapverden (Kap Verde, Cabo Verde).

Staufenberg/Gießen. - Neuland betreten im wahrsten Sinne des Wortes haben knapp ein Dutzend Musikinteressierte, als sie sich kürzlich unter der Leitung von Markus Leukel (Treis) auf eine Reise der etwas anderen Art begaben. Unter ihnen: fünf Aktive des Gießener Percussion-Ensembles "Bloco Baiano". Ihr Ziel: ein kleiner Inselstaat im Atlantik, rund 450 Kilometer westlich vor Senegals Küste gelegen - die Kapverden (Kap Verde, Cabo Verde). Schlagzeuger und "Mastermind" Leukel, der im vergangenen Jahr zusammen mit befreundeten Musikern aus der Region (namentlich Peter Herrmann, Daniela Werner und Gerd Stein) mit den "Estrelas do Fogo" für die Überraschung im "Kultursommer Mittelhessen" sorgte, ist kurz vor der Verwirklichung einer großen Idee. Auf der Insel Fogo soll im 20 000-Seelen-Städtchen Sao Filipe eine Musikschule entstehen - mit Unterstützung aus dem Gießener Land. Denn auf dem Archipel, das noch vor wenigen Jahren zu den ärmsten Ländern der Welt gehörte, ist die Musik ein wahrhafter Schatz - sie eröffnet den Einheimischen eine Erwerbsquelle. Und so hatte auch jene Reise eine besondere Mission.

Rückblende: Mit den "Estrelas" schwappte im Sommer 2009 kapverdisches Lebensgefühl bis nach Deutschland. Valdomiro Dias, "Chef-Trommler" der Insel Fogo, seine Coladeiras (Sängerinnen) Idalina, Maria und Joaquina und Sänger Michèl Montrond verzauberten das Publikum unter anderem in Lich, in Wetzlar und in Gießen. Und sie sorgten beim "Musikalischen Sommer" auf dem Schiffenberg für ein "volles Haus". Mehr als 1400 Menschen feierten die exotischen Gäste geradezu frenetisch. Schon damals hatte Leukel für die Musikschule auf Fogo geworben, hatte um Sach- und Geldspenden gebeten. "Die Gießener" öffneten ihre Herzen und ihre Geldbeutel; knapp 2000 Euro kamen zusammen.

Das Schiffenberg-Geld ist inzwischen investiert - in neue Türen für ein portugiesisches "Herrenhaus" im Zentrum von Sao Filipe; das ist der Sitz der künftigen Musikschule. Dieses "Sobrado" haben Peter und Carmen Pfaumann für die nächsten zehn Jahre mietfrei zur Verfügung gestellt. Die deutsch-kapverdischen Eheleute sind von Leukels Idee ebenso angetan wie die Teilnehmer der Reisegruppe, die sich nun im März vom Projektfortschritt ein Bild machen konnten.

Auch die öffentlichen Stellen in Sao Filippe haben ein großes Interesse an dem Vorhaben und ihre Unterstützung zugesagt. Leitgedanke der Initiative ist es schließlich, möglichst jedem das Erlernen eines Musikinstrumentes zu ermöglichen - vor allem Kindern und Jugendlichen aus armen Familien, die kaum in der Lage sind, die Kosten für den Musikunterricht aufzubringen.

Im Gegensatz zur Insel Sal, die fest im Programm der großen Reiseveranstalter verankert ist, ist der Tourismus auf der 476 Quadratkilometer großen Vulkaninsel Fogo noch ein zartes Pflänzchen. Umso bedeutender ist das Projekt Musikschule, das längst größere Dimensionen angenommen hat als ursprünglich geplant. Zahlreiche einheimische Musiker haben bereits ihr Interesse bekundet, als Lehrkräfte dabei zu sein. "Bom dia (guten Tag)!" schallt es Leukel unaufhörlich entgegen, wenn er heutzutage durch Sao Filippe geht. Wie der sprichwörtliche bunte Hund hastet der 43-Jährige von morgens bis abends über das heiße Kopfsteinpflaster der steilen Straßenzüge - jede Minute muss ausgenutzt werden.

"Crossover" ist das Leitthema, übergreifend denken und handeln. So kam es auch zu jener Reise, die Leukel zusammen mit dem Dortmunder Spezialreiseveranstalter "One World - Reisen mit Sinnen" ausgearbeitet hatte. Diese Tour gilt als "Prototyp" für weitere Angebote dieser Art.

Das Reise-Programm auf Fogo beschränkte sich nicht allein auf die Musik. Einen bleibenden Eindruck hinterließ der Aufenthalt in der Caldeira, so heißt das Innere des 25 Kilometer Durchmesser großen Vulkankraters. Nirgendwo sonst auf der Welt leben die Menschen in so großer Nähe zu einem noch aktiven Vulkan. Der hatte letztmals erst 1995 seine ganze Kraft demonstriert - rund 1300 Menschen mussten fliehen; wie durch ein Wunder kam niemand ums Leben.

Bei satten 30 bis 36 Grad Celsius im Schatten umfasste die mehrtägige "Eingewöhnungsphase" auf der Hauptinsel Santiago Abstecher in den Küstenort Tarrafal, ins Städtchen Cidade Vehlha (erste europäische Siedlung auf afrikanischem Boden; soll UNESCO-Weltkulturerbe werden) und Aufenthalte in der Hauptstadt Praia. Zudem gab es für Leukels Reisegruppe eine bemerkenswerte Begegnung mit dem Österreicher Florian Wegenstein, der in Tarrafal eine Fußballschule mit 120 kapverdischen Cracks leitet (), u. a. gefördert vom Arbeiter-Samariterbund.

Santiago gilt allgemein als die "afrikanischste" Insel der Kapverden. Tatsächlich sind die Menschen hier von ihrem ganzen Typus her afrikanischer als auf den Nachbarinseln. Dies gilt auch für die Musik auf Santiago. Die drei wichtigsten Genres sind Batuko, Funaná und Tabanka. Bei der österreichisch-kapverdischen Familie Wegenstein waren Leukel & Co.

"goldrichtig": Ehefrau Marissa leitet seit Jahren die Gruppe "Batucadeiras de Delta Cultura". Regelmäßig gegen 19 Uhr proben die etwa 15 jugendlichen Mädchen auf der Veranda des Hauses. Die deutsche Reisegruppe wurde eingeladen, sofort integriert und zum Mitmachen aufgefordert. Jeder bekam eine "Tchabeta" - eine mit Stoff gefüllte Plastiktasche. Die legte man sich über die Schenkel und schon ging’s los. Der Batuko-Groove ist eine Überlagerung von zwei Rhythmen.

Die "Bloco Baianos" und ihre Reisegefährten lernten die Rhythmen zunächst ganz langsam, brachten sie dann auf Tempo. Unglaublich, wie man mit einfachsten Mitteln einen derart tollen Groove erzeugen kann! Und dann begannen die Mädels zu tanzen - den Gästen war es ein Rätsel, wie es möglich ist, derart schnell die Hüfte zu bewegen.

Abgesehen von Markus Leukel, der sich sogar im umgangssprachlichen Kriolu verständigen kann, beherrschte die Reisegruppe aus Deutschland im Höchstfall ein paar Brocken Portugiesisch. Umso erstaunlicher, dass die Verständigung mit den gastfreundlichen Kapverdianern auf Anhieb funktionierte - ihre Sprache ist die Musik.

Musik ist der Türöffner, ein Wegbereiter für Weiteres. Parallel zur Musikschule in Sao Filipe hat Markus Leukel inzwischen auch verschiedene humanitäre Hilfsprojekte angestoßen. In Florian Wegenstein hat er einen weiteren "Verbündeten" auf den Kapverden gefunden. Spätestens durch die Reisegruppe und den erfolgreichen Verlauf der Tour wurde der Treiser in seinem Plan bestärkt, die verschiedenen Initiativen "unter einem Dach" zu bündeln. Nun soll bald ein Verein gegründet werden - davon wird man spätestens im "Kultursommer Mittelhessen 2010" hören.

Markus Leukel wird bis dahin nicht warten. Schon im Mai geht wieder auf die Reise.

Gabriele Krämer

Spenden kommen 1:1 an

Das ist garantiert: Jegliche Finanzhilfe für die Umsetzung des ehrgeizigen Vorhabens von Markus Leukel & Freunden auf den Kapverdischen Inseln kommt zu 100 Prozent an ihrem Bestimmungsort an.

Mit der Überweisung eines beliebigen Geldbetrages kann man das Projekt "Musikschule Fogo" unterstützen (Kontoinhaber Markus Leukel, Kontonummer 9605 738 866, Bankleitzahl 604 200 00, Wüstenrot Bank AG, als Verwendungszweck bitte "Escola").

Wer Musikinstrumente für die Musikschule in Sao Filipe zur Verfügung stellen möchte, meldet sich ebenfalls bei M. Leukel in Treis. Die Instrumente gelangen dann in Kooperation mit einer österreichischen Hilfsorganisation via Schiffscontainer nach Fogo.

Weitere Infos & Kontakt: Markus Leukel, Tel. 0 64 06/8 30 75 83 u. .

Ein Workshop mit exotischem Ambiente "Conjunto Creolo" & Sadia on Tour

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