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Die Unfallstelle auf der B 457, rechts der Pkw der Verursacherin.

Eigenen Ehemann bei Unfall getötet –Haft auf Bewährung

Gießen (sha). Der 29. April ist der Geburtstag ihres Ehemannes. Doch die Frau kann ihn nicht feiern, denn der Mann ist tot, gestorben bei einem Verkehrsunfall. Und sie trägt die Schuld.

Es ist eine bittere Ironie des Schicksals, dass die 37-Jährige sich gerade an diesem Tag vor einem Schöffengericht des Gießener Amtsgerichts für jenes tragische Unglück verantworten muss. Die Anklage lautet auf fahrlässige Tötung, fahrlässige Körperverletzung in drei Fällen und vorsätzliche Gefährdung des Straßenverkehrs. Denn: Die Gießenerin war alkoholisiert Auto gefahren.

Ihre beiden Kinder, die bei dem Unfall – wie sie selbst – verletzt wurden, sitzen im Zuschauerraum. Die Tochter verlässt den Gerichtssaal bereits nach kurzer Zeit. Auch der Mutter fällt es schwer, über das zu sprechen, was am 24. November vergangenen Jahres auf der B 457 in der Nähe des Europaviertels passiert ist.

"Ich schäme mich sehr", bringt sie mit tränenerstickter Stimme heraus. Sie wisse, dass sie "das nie mehr gutmachen" könne und diese Schuld ihr "ganzes Leben" tragen müsse, sagt die Angeklagte. Sie entschuldigt sich nicht nur bei ihren Kindern, sondern auch bei anderen Familienangehörigen, die im Zuschauerraum sitzen. Und bei der Nebenklägerin. Diese Frau saß allein in dem entgegenkommenden Fahrzeug. Sie erlitt einen Oberschenkelbruch, bekam eine Titanplatte eingesetzt. Weil sich in dem Bein eine Thrombose gebildet hatte, muss die 19-Jährige zwei Jahre lang einen Kompressionsstrumpf tragen. 5000 Euro Schmerzensgeld hat sie bereits erhalten.

Als Ursache für die Kollision "verbleibt nur das Verhalten der Angeklagten", unterstreicht ein Sachverständiger. Zwar sei es dunkel gewesen, als der Unfall sich gegen 2 Uhr nachts ereignete. Aber die an dieser Stelle "schnurgerade" Straße war trocken, es gab keine Sichtbehinderungen und auch nichts, was auf einen Wildunfall hindeutet.

Mit 1,85 Promille am Steuer

Die Angeklagte und ihre Kinder waren angeschnallt. Der Ehemann auf dem Beifahrersitz nicht. Auch nicht die Nebenklägerin, wie der Sachverständige berichtet. Ein Rechtsmediziner teilt aber mit, dass "die schweren Folgen auch mit Gurt bei den Opfern so oder so ähnlich eingetreten" wären.

Verteidiger Peter Conradi schildert, dass seine Mandantin mit der Familie auf dem Rückweg von einer Silberhochzeit in einer Kreiskommune war. Die Angeklagte und ihr Mann hätten geplant gehabt, mit anderen Gästen heimzufahren. Als sich dies nicht ergab, hätten beide entschieden, doch den eigenen Pkw zu nutzen. Die Angeklagte, bei der ein Blutalkoholwert von mindestens 1,85 Promille gemessen worden war, habe sich für weniger betrunken gehalten als ihren ähnlich stark alkoholisierten Mann und sich ans Steuer gesetzt. Warum sie später auf die Gegenfahrbahn geriet, weiß die 37-Jährige nicht mehr. Sie erinnert sich nur, auf der Fahrt mit ihrem Mann über die geplante eigene kirchliche Hochzeit geredet zu haben.

Verteidiger Conradi plädiert auf eine Bewährungsstrafe von weniger als einem Jahr. Dann kann das Gericht im Falle besonders schwerer Tatfolgen für den Angeklagten selbst ganz von der Strafe absehen. Das Leben habe seine Mandantin härter bestraft, als ein Gericht dies könne, sagt Conradi.

Vorsitzender Richter Wolfgang Hendricks verhängt eineinhalb Jahre Haft auf Bewährung gegen die nicht vorbestrafte Frau, die auch "keine Punkte in Flensburg" hat. Für zwei Jahre darf die Gießenerin zudem keine Fahrerlaubnis mehr bekommen. Die Vertreterin der Staatsanwaltschaft hatte auf ein Jahr und vier Monate zur Bewährung plädiert. Wegen der "besonders schweren Schuld" könne das Gericht nicht von einer Strafe absehen, betont Hendricks. Tragisch aus Sicht des Richters: "Es gab keinen Grund für diese Fahrt". Die Eheleute hätten ein Minicar bestellen können. Anders als Nebenklagevertreter Carsten Marx hält Hendricks die Angeklagte zwar nicht für alkoholkrank. Dennoch muss die Frau wegen hoher Alkoholtoleranz "unverzüglich" eine Beratungsstelle für Suchtgefährdung aufsuchen.

B 457: Familienvater stirbt bei Unfall

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