Von Dorf zu Dorf klingt’s anders

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"Wie die Alten sungen, so zwitschern auch die Jungen" - das Sprichwort gilt nicht mehr. Ursprüngliche Dialekte werden meist nur noch von der älteren Generation gepflegt. Die Jüngeren sprechen Hochdeutsch, manchmal freilich mit einem gewissen lokalen Einschlag. Für viele Nicht-Hessen ist das sogenannte Fernsehhessisch die Sprache unseres Bundeslandes. Doch Hessen hat mehr an Dialekt zu bieten als das typische Rhein-Main-Babbeln.

Für einen Großteil der hiesigen Bevölkerung ist die alte Volkssprache Mittelhessens heute ein Buch mit sieben Siegeln. Menschen der älteren Generation beherrschen noch die ländliche Mundart mit ihren lautlichen Besonderheiten. Der mittelhessische Großdialekt wird auch als Platt bezeichnet, womit eigentlich die Sprache des platten Landes der norddeutschen Tiefebene gemeint ist. Demzufolge bezieht sich dieser Begriff nicht auf eine Sprachform sozialer Schichten, sondern auf den Dialekt einer Region.

Die Sprechweise auf dem Lande ist keine Fachsprache der Landwirtschaft. Als die Mehrheit der Bevölkerung in der Zeit vor der Industrialisierung aus Bauern und Landarbeitern bestand, waren die Grundmundarten die Alltagssprache der Bauern und Tagelöhner. Auch später nach der Umwandlung in einen Industriestaat änderte sich an der Verbreitung als Muttersprache der Bevölkerung auf dem Lande lange Zeit nichts. Seit etwa 1955 ist eine breite Abkehr von den alten Dialekten in ganz Hessen zu beobachten.

Der mittelhessische Großdialekt besitzt ein komplexes Vokalsystem, das sich in seinem Kern schon im Spätmittelalter herausbildete. Als landestypisch für die Sprachlandschaft in der Mitte Hessens gilt die Verbreitung der Doppellaute äi, ou, oi, die in der deutschen Schriftsprache fehlen. Beispiel-hafte Wörter sind läib (lieb), goud (gut), Broirer (Brüder), die gebeugt läiwe goure Broirer lauten.

Das Wort Brourer (Bruder) dient als Abgrenzungsmerkmal für die formale Dialektgrenze des Großdialektes, der vor einem Jahrhundert noch bis zum Main reichte, im Rodgau sogar darüber hinaus.

Oberhessen ist ein Teil Mittelhessens und umfasst die Landkreise Marburg-Biedenkopf und Gießen sowie den Vogelsbergkreis und den Wetteraukreis. Das Gebiet der drei zuletzt genannten Kreise bildete früher die Provinz Oberhessen im Lande Hessen, das vor 1945 nur Hessen-Darmstadt umfasste.

Dialektgrenze bei Schellnhausen

Da die Dialektgrenze des Großdialektes bei Schellnhausen an der B 49 verläuft, gehört das oberhessische Gebiet von Alsfeld/Lauterbach nicht zur mittelhessischen Sprachlandschaft. Es wäre Unsinn, zu behaupten, dass in Groß-Felda und Kestrich kein Oberhessisch gesprochen würde, weil diese Orte östlich der formalen Dialektgrenze liegen und daher die Doppellaute äi, ou, oi fehlen. Das Beispiel zeigt auf, warum innerhessische Dialektgrenzen bloß als Anhaltspunkte gelten sollten. Angesichts dessen darf die Behauptung von der Existenz völlig unterschiedlicher Ortsdialekte nicht unwidersprochen bleiben. Wären die Dialekte alle verschieden, käme nie ein Gespräch auf Platt zwischen den Einwohnern benachbarter Orte zustande. Dabei spielt es eine wichtige Rolle, welche Wörter Verwendung finden.

Der Wortschatz einer Sprache gliedert sich in wichtige und weniger wichtige Wörter, weil sie unterschiedlich viel benutzt werden; daraus entsteht eine Rangfolge, die in Wortschatzlisten aufgeführt ist. Trotz aller Veränderungen im Wortschatz einer lebenden Sprache besitzt der Großdialekt Mittelhessens ein komplexes Vokalsystem, das außer den drei genannten Doppellauten noch andere lautliche Besonderheiten aufweist.

Dazu gehören jene schwachen Doppellaute, die an unbetonter zweiter Stelle mit dem Schwa-Laut gebildet werden: äesse (essen), Bòed (Bad), does (das), ïen (in/und), ïes (ist), Kïend (Kind), lèewe (leben), Mèel (Mehl), Nòes (Nase). Die aufgeführten Wörter machen deutlich, dass die Doppellaute unterschiedlich lang sind, was die Schreibung erschwert.

Neben dem unübersehbaren Weg zu Doppellauten gab es auch eine gegenteilige Entwicklung. Das Entstehen eines Einzellautes anstelle des hochdeutschen Doppellautes ei trennt den Großdialekt Mittelhessens in zwei Varianten. In der nördlichen Variante entstand ein langer e-Laut anstelle des Doppellautes: hém (heim), klé (klein), Sté (Stein). Diese Variante umfasst den südlichen Landkreis Marburg-Biedenkopf, den westlichen Vogelsbergkreis und den nördlichen Landkreis Gießen.

In der südlichen Variante trat zuerst der nasalierte lange a-Laut an die Stelle des hochdeutschen Doppel-lautes: hàm (heim), klà (klein), Stà (Stein). Aus dem nasalierten langen a-Laut entwickelte sich der lange offene o-Laut dieser Wörter in der Wetterau: hòm (heim), klò (klein), Stò (Stein).

Problem mit Doppellauten

Eine auffallende Besonderheit der ländlichen Dialekte in großen Teilen Hessens ist der Wechsel von d zu r inmitten der Wörter. Mittelhessens Musterwort lautet Brourer (Bruder). In den anderen hessischen Gebieten heißt es Brúrer oder Brurrer. Von dieser Erscheinung nicht betroffen sind die neuhessische Stadtsprache sowie der nördliche Teil des Niederhessischen in Nord- und die Dialekte in Osthessen.

Da das Vokalsystem des mittelhessischen Großdialektes und anderer deutscher Dialekte weit über das der deutschen Schriftsprache mit ihren drei Doppellauten hinausreicht, gestaltet sich die Verschriftlichung der gesprochenen Dialekte sehr schwierig. Nicht nur die schriftliche Wiedergabe der Doppellaute ist ein Problem für Mundartschreiber, auch die Darstellung der Vokallängen hat es in sich.

Das Wort Buch wird in der Schriftsprache mit langem u-Laut gesprochen, im hiesigen Dialekt auf dem Lande jedoch mit Kurzvokal wie auch in der neuhessischen Stadtsprache. Diesen Längenunterschied kann man mit Schreibregeln der deutschen Rechtschreibung nicht wiedergeben, weil weder das u noch das ch verdoppelt werden darf.

Vorreiter bei der Verschriftlichung gesprochener Dialekte war 1825 das Bayerische Wörterbuch. Dessen Schreibweisen verbreiteten sich im gesamten deutschen Sprachgebiet. Die eigentlich für Doppellaute vorgesehene Schreibweise oa wurde aber auch für Einzellaute verwendet, sodass diese Buchstabenfolge unterschiedliche Einzel- und Doppellaute wiedergibt. Erst einige Jahrzehnte später erfolgte die Erfassung für den Deutschen Sprachatlas im Fragebogen-Verfahren. Dadurch gelangten die Schreibweisen ea und oa in die Sammlung. In einem vokalreichen Dialekt wie in Mittelhessen dürfte daraus ein Problem entstehen, weil die Nachwelt nicht mehr nachvollziehen kann, welche tatsächlich gesprochenen Laute sich hinter den mehrdeutigen Buchstabenfolgen ea und oa verbergen.

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