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Flaschensammeln und Betteln lohnt sich für Obdachlose in den aktuell leeren Innenstädten kaum. Für sie müsste es jetzt mehr Wohnraum geben, fordert der Sozialmediziner Gerhard Trabert.

»Die Lage ist sehr prekär«

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Menschen mit geringem Einkommen haben keine Lobby, sagt Gerhard Trabert. Deshalb leiden sie in der Pandemie ganz besonders. Der Sozialmediziner schildert die dramatische Lage von Wohnungslosen und erinnert die Politik an ihre Verantwortung.

Der Sozialmedizin-Professor Gerhard Trabert, der in Wiesbaden lehrt, hat schon zahlreiche Initiativen zur Versorgung bedürftiger Menschen gestartet. Die Corona-Pandemie bringt dabei neue Herausforderungen und zeigt bekannte Probleme deutlicher als je zuvor.

Herr Trabert, wie stark trifft die Corona-Pandemie die armen Menschen?

Sie trifft diese Menschen sehr stark. Es ist so, dass soziale Ungleichheiten in unserer Gesellschaft jetzt wie unter einem Brennglas noch deutlicher hervortreten. Sozial benachteiligte Menschen sind mehr auf öffentliche Verkehrsmittel angewiesen. Ihr Wohnraum ist oft wesentlich enger. Die finanziellen Ressourcen sind begrenzter. Die Versorgung der Kinder mit Laptops oder Internetzugang ist reduziert. All das führt dazu, dass die Menschen noch mehr betroffen sind - auch, was das Risiko einer Erkrankung betrifft.

Gibt es Erkenntnisse darüber, wie sich die Infektionsraten in verschiedenen Milieus unterscheiden?

Es gibt noch nicht so viele Studien in Deutschland dazu. Alles Mögliche ist im Fokus, aber gerade die Situation der Menschen, die von Einkommensarmut betroffen sind, wird kaum untersucht. Es gibt eine Studie aus Düsseldorf. Da konnte man nachweisen, dass Bezieher von Arbeitslosengeld II, also Hartz IV, eine höhere Infektionsquote haben. Was ich auch erschreckend finde: Sie müssen deutlich häufiger stationär behandelt werden als andere, und es gibt deutlich häufiger schwerere Verläufe von Covid-19.

Was müsste geschehen, um die Gruppe der Hartz-IV-Empfänger besser zu unterstützen?

Seit Monaten fordern die Wohlfahrtsverbände und die Armutskonferenz, dass der Hartz-IV-Satz um mindestens 100 Euro erhöht wird. Das hat die Bundesregierung bisher immer abgelehnt, was ich als skandalös empfinde. Es mag notwendig sein, Lufthansa mit neun Milliarden Euro zu unterstützen. Aber auch da wird klar: Die Menschen mit geringem Einkommen haben keine Lobby, und man denkt zu wenig an deren Lebenssituation. Man muss sich das mal vorstellen: Wenn ich Empfänger von Hartz IV bin, dann habe ich für meine dreijährige Tochter nicht einmal drei Euro pro Tag für Frühstück, Mittagessen und Abendessen zur Verfügung. Es gibt keinen Etat, um Masken zu kaufen. Wenn jetzt sogar FFP-2-Masken getragen werden müssen, im öffentlichen Nahverkehr oder beim Einkaufen, dann muss man die Menschen auch mit den notwendigen finanziellen Ressourcen ausstatten. Wir wissen auch, dass sich der Preis für bestimmte Lebensmittel in der Corona-Zeit um 15 bis 20 Prozent erhöht hat. Der Hartz-IV-Satz dafür aber nicht.

Gibt es auch eine Benachteiligung bei der Bildung?

Ja, die gibt es. Jetzt wird erwartet, dass die Kinder und Jugendlichen über Laptops verfügen, um in der Schule mitzukommen. Mehrere Sozialgerichte haben entschieden, dass das ein Mehrbedarf ist, den die Familien geltend machen können. Aber viele Kommunen und Jobcenter lehnen das ab. Außerdem fehlt beim Essen jetzt die Schulspeisung. Zu Hause ist der finanzielle Aufwand in der Regel höher.

Wie sieht die Situation für wohnungslose Menschen aus?

Die Lage ist sehr prekär. Wir wissen ohnehin, dass es in der Wohnungslosenhilfe zu wenige Plätze für wohnungslose Frauen gibt. Das gilt auch für wohnungslose Menschen mit einem Hund. Die Einrichtungen sagen jetzt, dass die Menschen länger bleiben können. Sonst müssen sie in der Regel nach acht bis zehn Tagen die Einrichtungen wieder verlassen. Ich finde es sinnvoll, dass sie über den Winter dort bleiben dürfen. Aber man muss zusätzlichen Wohnraum zur Verfügung stellen. Das geschieht in manchen Kommunen. Aber man müsste meines Erachtens sehr viel stärker auf leer stehenden Wohnraum zurückgreifen, auf Hotels oder Jugendherbergen.

Wie sieht es mit der Lebensmittelversorgung über die Tafeln aus?

Es sind viele Mitarbeiter weggefallen, weil sie selbst zur Risikogruppe gehörten. Es wäre gut, wenn sich mehr jüngere Menschen an solchen Hilfsangeboten beteiligen würden. Aber es ist natürlich ein Skandal, dass es überhaupt Angebote wie Tafeln geben muss. Das zeigt, dass der Staat sich zu stark zurückgezogen hat.

Andere Versorgungsmöglichkeiten sind auch schwieriger geworden: Das Flaschensammeln lohnt sich weniger, auch Betteln hat in leeren Einkaufsstraßen wenig Sinn.

Da haben Sie vollkommen recht. Das ist alles weggebrochen in den Innenstädten. Das macht die Situation noch prekärer. In manchen Kommunen wurden sogar die öffentlichen Toiletten geschlossen, da haben wir interveniert. Sonst hätten die Menschen überhaupt keine Möglichkeit mehr, auf die Toilette zu gehen oder an Wasser zu kommen. Es gibt viele Menschen aus Osteuropa, dem Armenhaus Europas. Die Menschen dürfen hier sein. Aber sie haben keinen Anspruch auf finanzielle Unterstützung. Auch gerade für sie bedeutet die Corona-Situation eine dramatische Verschlechterung. Sie brauchen dringend Hilfe und auch Übernachtungsmöglichkeiten.

Das Hessische Sozialforum bündelt viele verschiedene Institutionen. Welchen Impuls würden Sie sich dort wünschen?

Wir müssen die Verantwortlichen auf kommunaler, auf Landes- und auf Bundesebene immer wieder sensibilisieren und mit den Lebensrealitäten von Menschen, die von Armut betroffen sind, konfrontieren. Ich habe oft das Gefühl, dass politisch Verantwortliche zu weit entfernt sind von dieser Lebensrealität. Wir dürfen nicht zulassen, dass sich Politiker immer mehr dieser sozialen Verantwortung entziehen.

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