Der Herr des Geldes

  • Burkhard Bräuning
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Hans Horn ist ein Mensch, der warten kann. Und das muss(te) er auch - in seinem Berufsleben, aber auch heute, als Rentner, noch manchmal. Wer das Geld einer Gemeinde verwaltet, der muss Geduld haben, bis alle ihre Wünsche angemeldet haben. Und dann muss man sich ja noch eng mit dem Bürgermeister abstimmen. Das kann dauern. Wer als Hobby Brieftauben züchtet, der muss auch gelassen bleiben.

Meist kommen die Tiere ja zurück in den »Schlag«, aber manchmal später als erhofft. Also wartet Horn.

Wir treffen uns im Garten der Familie Horn am Ortsrand von Pohlheim-Watzenborn-Steinberg. Zwei Stühle stehen auf dem Rasen. Horn ist ein gastfreundlicher Mann, aber diese Stühle sind nicht für uns. Horn hat sie platziert, weil »Flugtag« ist. Einige seiner Brieftauben sind auf dem Weg zurück nach Pohlheim. Wie schnell sie unterwegs sind, das hängt von den Umständen ab, vor allem vom Wetter: Gegenwind bremst die Tiere aus, Regen auch, Rückenwind allerdings treibt sie flott nach vorn. Unter optimalen Bedingungen sind die Tauben mit bis zu 120 km/h unterwegs. Ab zwei Uhr, so hat Horn ausgerechnet, könnten die Schnellsten eintreffen. Dann wird er mit dem Fernglas auf einem der Stühle sitzen und den Himmel im Blick haben. Mit Begeisterung erzählt er von früheren Wettbewerben, beschreibt den Alltag mit den Tieren, redet über das Futter und die technische Ausstattung, die heute in den meisten Ställen zu finden ist. Stolz erläutert er Details des Taubenschlags. Die Ankunft der Vögel werde heutzutage elektronisch gestoppt und gleich weitergemeldet. »Früher mussten wir alles notieren«, sagt er. Am Nachmittag ruft Horn bei dem Redakteur der Zeitung an und meldet Vollzug: Die Vögel sind zurück.

Angefangen hat »das mit den Tauben«, da war er noch ein Kind. Ein Schulfreund, der einen Taubenschlag hatte, weckte damals Horns Interesse. Bald baute er sich im Haus der Eltern unterm Dach seinen eigenen Taubenschlag. Seitdem widmet er diesem Hobby viel Zeit. Seit 1988 nimmt er auch an Flugwettbewerben teil.

Horn wohnt in dem Singenden Dorf. So wird Watzenborn-Steinberg oft genannt. Kein Wunder, die Sängerdichte ist hoch, auch wenn die Glanzzeit bei einigen Chören wohl vorbei ist. An Horn liegt es nicht. Er war 60 Jahre aktiver Sänger, 30 Jahre Schriftführer und wurde nach seinem Ausscheiden aus diesem Amt zum Ehrenvorstandsmitglied ernannt.

Watzenborn-Steinberg ist sein Zuhause. Hier fühlt er sich wohl. Er ist gerne im Ort und in der Gemarkung unterwegs, trifft sich mit Freunden, Taubenzüchtern und Sängern. »Früher waren wir oft auf Sylt, haben dort wunderbare Urlaube verbracht. Diese Zeit ist vorbei. Aber hier ist es ja auch schön.«

Horn arbeitete (fast) sein ganzes Berufsleben lang im Rathaus in Watzenborn-Steinberg. Erst bei der damals noch selbstständigen Gemeinde, später dann, nach der Gebietsreform, bei der Stadt Pohlheim. Horn leitete zeitweise das Hauptamt und vollzog als Standesbeamter auch Trauungen. Ab 1964 war er dann Chef der Finannzabteilung. »Die Arbeit in der Stadtverwaltung war für mich eine Berufung, ich hätte mir keinen anderen Beruf vorstellen können.« Dabei hatte der Zufall ihn ins Rathaus geführt. Weil er sich bewerben wollte, brauchte er beglaubigte Kopien. Die wollte er sich in der Gemeindeverwaltung anfertigen lassen. Im Flur traf er auf den damaligen Bürgermeister Karl Brückel. »Als ich ihm mein Anliegen vortrug, sagte er: ›Ei Hans, du kannst dich auch hier bewerben.‹ Das habe ich getan. Und wurde eingestellt.« Mit Anfang 20 sei er auf zur Führerscheinstelle in der Kreisverwaltung gewechselt. »Schon nach wenigen Tagen spürte ich: Das ist nichts für mich.« Horn kehrte zurück und arbeitete bis zur Pensionierung im Jahr 2003 im Pohlheimer Rathaus. »1964, da war ich 24 Jahre alt, habe ich meinen ersten Haushalt geschrieben, den letzten im Herbst 2002. Insgesamt waren es 39. Dazukommen noch die Nachtragshaushalte. Ich kümmerte mich um die Liegenschaften und 30 Jahre war ich Geschäftsführer im Abwasserverband Kleebachtal.«

Fast vier Jahrzehnte hat Horn also das Finanzielle der Stadt geregelt. Es habe gute und weniger gute Jahre gegeben. »Aber ich habe fast immer einen ausgeglichenen Haushalt vorgelegt. Einmal mussten wir einer Firma eine große Summe zurücküberweisen, weil das Unternehmen zu viel Gewerbesteuer gezahlt hatte.« Bürgermeister Hermann Georg habe daraufhin zu ihm gesagt: »Hans, wir müssen sparen. Du musst bei den freiwilligen Leistungen streichen.‹ Das war natürlich bitter.« Interna aus dem Rathaus erzählt der 81-Jährige im Interview nicht. Da ist er ganz der verschwiegene Beamte. Aber einiges Private gibt er gerne preis. Er sei im Haus der Großeltern aufgewachsen, besuchte den Kindergarten und die Volksschule im Ort, danach noch zwei Jahre die Vogt’sche (Firma Voko) Privathandelsschule. Horn beschreibt seine Kindheit als schön und behütet.

Von damals ist ihm ein Ereignis in Erinnerung geblieben, das ihn auch ein Stück geprägt habe. Zusammen mit einem Freund war er auf dem Weg in die Schule. Dabei kamen beide an einem Grundstück vorbei, auf dem ein Kirschbaum stand, an dem unzählige reife Früchte hingen. Eine Frau kam an die Straße und gab seinem Freund eine Handvoll Kirschen. »Ich bekam keine. So etwas würde ich nie tun. Wie kann man Kinder so frustrieren.«

1949 bauten Horns Eltern ein neues Haus. Die Familie zog um. 1962 heiratete Horn. Die Familie wuchs: Seine Frau Christel bekam zwei Kinder, Marco und Susanne. 1977 baute das Paar ein eigenes Heim. »Eine intakte Familie zu haben, das war das Schönste in meinem Leben,« erzählt Horn.

»Streit bin ich immer aus dem Weg gegangen. Ich habe versucht, mit allen Menschen gut auszukommen. In der Verwaltung hatte ich nie Konflikte.« Den politischen Dauerstreit, der heute im Parlament ausgetragen wird, kommentiert er kritisch. »So etwas hat es damals nicht gegeben. Persönliche Anfeindungen habe ich keine erlebt. Weder im Parlament, noch in der Verwaltung. Damals ging es nach der letzten Stadtverordnetensitzung im Jahr in die Volkshalle. Da haben wir gemeinsam gegessen und getrunken. das Jahr nett ausklingen lassen.« Man sei sich noch bewusst gewesen, dass man zum Wohle der Bürger arbeiten sollte. Für die Streitereien heute seien wohl persönliche Animositäten verantwortlich.

An der Kirche hat Horn Zweifel, gleichwohl sei er »christlich eingestellt«. Als der Vatikan mit den Worten »Gott möchte das nicht« es abgelehnt habe, homosexuelle Paare zu segnen, »da konnte ich das nicht glauben. Woher wollen die das wissen?« Horn hat keine Angst vor dem Tod, glaubt nicht an ein ewiges Leben. »Ich will das auch erklären, warum ich das so sehe. Vor einiger Zeit lag ich vor einer OP lange in der Klinik in meinem Bett auf dem Flur und hatte das Gefühl, das nichts passiert. Ich sprach schließlich eine Schwester an und fragte, wann ich denn dran sei mit der OP. Sie sagte: ›Sie wurden doch schon operiert.‹« Er habe also gar nichts mitbekommen von der Operation. »So, denke ich, ist das dann auch nach dem Tod: Wenn man die Augen schließt, ist da nichts mehr.«

Auf der Golden Gate Bridge in San Francisco.
Junger Mann mit Tatendrang.
Sein großes Hobby: Hans Horn vor seinem Taubenschlag.

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