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Wut und Forderungen: Protestaktion der Pflegekräfte am UKGM-Standort Marburg.

»Der freie Fall hört nicht auf«

Marburg - Die Klagen über die schlechten Arbeitsbedingungen am UKGM in Marburg reißen nicht ab. Gestern hatte die Gewerkschaft Verdi in der Mittagspause zu einer Protestaktion unter dem Titel »Pflegende machen sich Luft« eingeladen. Gewerkschaftssekretär Fabian Dzewas-Rehm erläuterte: »So, wie die Arbeitsbedingungen am Uni-Klinikum aktuell sind, können sie nicht bleiben.

Wir wollen strukturelle Verbesserungen« - und nicht nur ein »Ja, ich weiß, es gibt Probleme, ich nehme das mal mit«. Wie diese strukturellen Änderungen aussehen, das macht er auch gleich klar: »Wir wollen mehr Personal, wir wollen mehr Bezahlung, wir wollen Wertschätzung für unsere eigentlich schönen Berufe - und wir wollen das jetzt und nicht vertröstet werden.«

Die Situation mit der personellen Unterbesetzung sei nicht neu, doch breche sie sich gerade extrem Bahn. So musste eine HNO-Station wegen Personalmangels bereits im Sommer geschlossen werden - und sei weiter dicht. Eine Station sei »komplett geflüchtet« - auf der Chirurgie haben 15 von 16 Pflegekräften gekündigt. »Und wir haben den Brandbrief der Assistenzärzte aus der Kinderklinik, der unwürdigste Zustände anprangert«, sagte Dzewas-Rehm.

Alles dem Dienst untergeordnet

Wie die Überlastungen konkret aussehen, verdeutlichten einige Beschäftigte. So zum Beispiel Vera Böckler, Fachkrankenschwester für Psychiatrie, die seit fast 30 Jahren am Klinikum arbeitet. Bisher sei das Arbeitsleben immer mit einer Achterbahnfahrt vergleichbar gewesen - mal sei es bergab, aber dann auch wieder bergauf gegangen. »Doch leider haben wir seit einiger Zeit das Gefühl, wir sitzen in einem Freefall-Tower - und der freie Fall hört nicht auf«, so Böckler. Den Pflegekräften würden zahlreiche Zusatzaufgaben übertragen. »Immer mehr frage ich mich: Wozu sind meine fünf Jahre Ausbildung von Nutzen - denn ich muss putzen«, reimte sie. Eine professionelle psychiatrische Pflege sei aufgrund von Personalmangels auch nicht mehr möglich.

Die ehemalige Betriebsratsvorsitzende Bettina Böttcher sagte: »Niemand würde fordern, dass Polizei oder Feuerwehr schwarze Nullen schreiben oder Profite erwirtschaften müssen - warum also Krankenhäuser?« Der Hilferuf der Belegschaft »darf nicht länger ignoriert werden - denn gute Qualität im Krankenhaus gibt es nur mit genug Personal in allen Bereichen«. Der tägliche Personalmangel werde nur durch den hohen individuellen Einsatz kompensiert - »und am Ende mit der eigenen Gesundheit bezahlt«.

Ilona Kraft-Peil, freigestellte Betriebsrätin, sprach für die Pflegekräfte der Station 235, deren Massenkündigung einen Großteil der aktuellen Diskussion ins Rollen gebracht hatte. Durch zahllose Überlastungsanzeigen weit über ein Jahr hinaus hätten sie auf die Situation hingewiesen. Alles - auch die Familie - sei dem Dienst untergeordnet gewesen. Und bei Normalbesetzung der Station »sind wir in anderen Bereichen eingesetzt worden« - alle Hilferufe seien verhallt, »man hat uns nicht zugehört und nicht ernst genommen«. Die Kündigungen seien die Konsequenz gewesen.

Dramatisch sei auch die Situation an der Radiologie, wie eine Mitarbeiterin berichtet. Ständig habe man ein schlechtes Gewissen - weil man die Patienten nicht so versorgt habe, wie es sein müsste. »Und so geht es seit Monaten«, denn auch diese Station sei »völlig unterbesetzt«. Auch die Begleitung der Auszubildenden bleibe - wie auch die Praxisanleitung - auf der Strecke.

Auf die Mängelliste reagierte Dr. Sylvia Heinis, Kaufmännische Geschäftsführerin am UKGM Marburg. »Wir haben vor einigen Tagen gesagt, dass wir verstanden haben«, sagte Heinis - derzeit fänden mit ganz vielen Gruppen und Mitarbeitern im Haus Gespräche statt, »um zu schauen, wo es Probleme auch in den Abläufen gibt und was Ihnen das Leben hier bei uns schwer macht«, so Heinis an die Beschäftigten. Letztlich sei es das Entscheidende, gemeinsam Wege aus der Belastungssituation zu finden. Andreas Schmidt

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