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Auffordernd: Deniz Yücel hielt eine emotionale Festrede. Dabei fand er klare Worte. So gelte es auch in ausweglosen Situationen niemals aufzugeben und immer, wenn es angebracht sei, Widerstand zu leisten.

Plädoyer für die Freiheit

Deniz Yücel zur Eröffnung der Bad Hersfelder Festspiele: Verfassungsschutz  gefährlichste Behörde

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  • Karl Schönholtz
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Deniz Yücel hat in seiner Festrede zur Eröffnung der Bad Hersfelder Festspiele den Verfassungsschutz in Deutschland scharf kritisiert.

Bad Hersfeld – Mit einem flammenden Appell für die Meinungsfreiheit haben am heutigen Freitag die Bad Hersfelder Festspiele begonnen.

Intendant Joern Hinkel und Teile des Ensembles zitierten beim Festakt aus dem Grundgesetz. Zuvor hatte Hinkel an den ermordeten Regierungspräsidenten Walter Lübcke erinnert und die Besucher erhoben sich für eine Schweigeminute. 

Intendant Joern Hinkel: Freiheit ist kein Freifahrtschein

Hinkel äußerte seine Sorge darüber, wie in eigentlich demokratischen EU-Mitgliedsländern gegen missliebige Menschen vorgegangen wird. „Freiheit ist kein Freifahrtschein“, sagte der Intendant, sondern sie erfordere auch viel Verantwortung des Einzelnen. „Wir müssen uns genauer informieren und dürfen nicht alles glauben, was man hört“, so Joern Hinkel weiter. 

Yücel: Verfassungsschutz gehört aufgelöst

Die Festrede hielt der deutsch-türkische Journalist Deniz Yücel, der darin seine eigene zwölfmonatige „Geiselhaft“ in der Türkei mit dem Inhalt des Premierenstücks „Der Prozess“ verglich. Er leitete daraus sieben Ratschläge an Josef K., Protagonist des Stücks, ab, fand aber auch deutliche Worte der Kritik. So bezeichnete er den Verfassungsschutz als „gefährlichste Behörde Deutschlands, die aufgelöst gehört“. 

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Auch Yücel erinnerte in diesem Zusammenhang an das Schicksal von Walter Lübke. „Jeder Mensch ist verantwortlich für sein Tun“, sagte er und bezog darin seine Gefängniswärter ebenso ein, wie die italienische Küstenwache, die Flüchtlinge abweist. 

Bad Hersfelds Bürgermeister Thomas Fehling attestierte Intendant Joern Hinkel, mit Kafkas „Der Prozess“ ein Stück von „erschreckender Aktualität“ auf den Spielplan gesetzt zu haben. „Es ist paradox, dass gerade stolz 70 Jahre Grundgesetz gefeiert werden und gleichzeitig die Maßstäbe dieser Verfassung: Nämlich Menschenwürde, Demokratie und Anstand im Alltag in den Hintergrund geraten“, sagte Fehling. 

Die eigentliche Eröffnung des bis zum 1. September dauernden Festivals oblag Hessens Ministerpräsident Volker Bouffier. Er widersprach zwar Yücels Meinung zum Verfassungsschutz, attestierte ihm aber eine meinungsstarke, gute Rede und äußerte zugleich Hoffnung für die Türkei. Im Anschluss an den Festakt ließen sich prominente Ehrengäste und Ensemble auf dem Roten Teppich sehen, ehe am Abend Joern Hinkels Spielfassung von „Der Prozess“ Premiere hatte.

Hier gibt es die Fotostrecken zum Auftakt auf dem roten Teppich - Teil 1 und Teil 2.

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