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Corona-Impfung und der Nocebo-Effekt: viele Nebenwirkungen nur eingebildet

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Von: Tanja Banner

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Viele Impf-Reaktionen nach der Corona-Impfung sind auf den Nocebo-Effekt zurückzuführen, sagen Forschende.
Viele Impf-Reaktionen nach der Corona-Impfung sind auf den Nocebo-Effekt zurückzuführen, sagen Forschende. © imago/Sven Simon

Personen, die mit einem Placebo geimpft wurden, melden Impf-Reaktionen. Forschende gehen davon aus, dass auch bei „echten“ Impfungen der Nocebo-Effekt eine Rolle spielt.

Boston – Die Liste möglicher Nebenwirkungen nach einer Corona-Impfung* ist lang, doch die meisten der Nebenwirkungen sind eher leichter Natur – Schmerzen an der Einstichstelle, Kopfschmerzen, Müdigkeit oder Unwohlsein. Trotzdem gibt es immer wieder Menschen, die die Impf-Nebenwirkung als Grund dafür nennen, weshalb sie sich nicht impfen lassen. Das berichtet auch eine Studie, die im Januar 2022 im Fachjournal JAMA Open Network veröffentlicht wurde. Die Studie geht Impf-Nebenwirkungen einer ganz bestimmten Gruppe auf den Grund: Menschen, die in klinischen Impf-Studien einen Placebo – also keinen wirksamen Impfstoff – erhalten hatten.

Dazu führten Julia Haas vom Programm für Placebo-Studien des Beth Israel Deaconess Medical Center (BIDMC) in Boston (USA*) eine Metaanalyse durch. Untersucht wurden die Impf-Reaktionen, die 45.380 Teilnehmende an randomisierten, placebo­kontrollierten Corona-Impfstudien* gemeldet hatten. Etwa die Hälfte der Teilnehmenden – 22.578 Personen – erhielt statt des Corona-Impfstoffs ein Placebo-Mittel. Weder die Teilnehmenden noch die Impfenden wussten, welche Personen das Placebo erhielten. Doch Impf-Nebenwirkungen meldeten beide Gruppen: Sowohl die Personen, die einen echten Corona-Impfstoff* verabreicht bekamen, als auch die Menschen, die ein Placebo erhalten hatten.

Corona-Impfung: Auch mit Placebo geimpfte Personen melden Nebenwirkungen

Nach der ersten Impfdosis meldeten 35,2 Prozent der mit einem Placebo geimpften Personen eine „systemische unerwünschte Arzneimittelwirkungen“, wie Nebenwirkungen in der Studie von Haas und ihren Mitautor:innen genannt werden. Am häufigsten wurden demnach Kopfschmerzen (19,3 Prozent) und Müdigkeit (16,7 Prozent) genannt. 16 Prozent der Placebo-Gruppe meldete mindestens ein lokales Ereignis wie Schmerzen, eine Rötung oder Schwellung an der Injektionsstelle. „Nach der zweiten Impfung meldete 31,8 Prozent der Placebo-Empfangenden systemische unerwünschte Nebenwirkungen“, heißt es in der Studie weiter. Der Effekt, dass nach der Verabreichung eines wirkstofffreien Scheinmedikaments eine Nebenwirkung auftritt, wird Nocebo-Effekt genannt.

Auch die Personen, die einen Corona-Impfstoff injiziert bekamen, meldeten in den untersuchten Studien Nebenwirkungen: 46,3 Prozent berichteten über mindestens eine systemische unerwünschte Arzneimittelwirkung, bei 66,7 Prozent gab es mindestens ein lokales Ereignis. Doch nach den zahlreichen Nocebo-Meldungen fragten sich die Forschenden, wie viele der gemeldeten Nebenwirkungen der Gruppe, die den echten Impfstoff erhalten hatte, ebenfalls auf einen Nocebo-Effekt zurückzuführen waren. „Das Verhältnis zwischen der Placebo- und der Impfstoff-Gruppe zeigte, dass Nocebo-Wirkungen für 76 Prozent der systemischen unerwünschten Arzneimittelwirkungen nach der ersten Impfdosis verantwortlich waren“, schreiben die Autor:innen in ihrer Studie. Nach der zweiten Dosis des Corona-Impfstoffs sei der Nocebo-Effekt noch für 51,8 Prozent der Nebenwirkungen verantwortlich, heißt es weiter.

Impfung gegen Corona: Sorge vor Nebenwirkungen als Grund für Zögern

„Unerwünschte Nebenwirkungen nach einer Placebo-Behandlung sind nicht unüblich in randomisierten, kontrollierten Tests“, betont die Hauptautorin der Studie, Julia Haas. „Das Sammeln systematischer Belege für diese Nocebo-Reaktionen in Impfstoffversuchen ist für die Covid-19-Impfung weltweit wichtig. Vor allem, weil die Sorge vor Nebenwirkungen als Grund für das Zögern bei der Impfung angegeben wird“, so Haas weiter.

Wie genau der Nocebo-Effekt entsteht, ist noch nicht ausreichend erforscht. Bisher geht die Forschung davon aus, dass die Erwartungshaltung eine große Rolle spielt – im Fall der Impfung werden Nebenwirkungen erwartet, die dann tatsächlich auftreten. „Unspezifische Symptome wie Kopfschmerzen und Müdigkeit werden in vielen Informationsbroschüren als eine der häufigsten Nebenwirkungen nach der Covid-19-Impfung aufgeführt“, erklärt der Co-Autor Ted Kaptchuk. „Es gibt Hinweise darauf, dass diese Art von Informationen dazu führen kann, dass Menschen alltägliche Empfindungen fälschlicherweise dem Impfstoff zuschreiben, oder dass sie Ängste und Sorgen auslösen, die dazu führen, dass Menschen übermäßig wachsam sind, wenn es um körperliche Empfindungen im Zusammenhang mit unerwünschten Ereignissen geht“, fährt der Medizin-Professor von der Harvard Medical School fort.

Corona-Impfung: Zahlreiche Nebenwirkung sind auf Nocebo-Effekt zurückzuführen

„Medizin basiert auf Vertrauen“, erläutert Kaptchuk. „Unsere Ergebnisse legen den Schluss nahe, dass die Information der Öffentlichkeit über das Potenzial von Nocebo-Reaktionen dazu beitragen könnte, die Ängste vor einer Covid-19-Impfung zu verringern, was zu einem Rückgang der Impfzurückhaltung führen könnte“, so der Forscher. Was er damit meint: Künftig sollte nicht nur auf mögliche Nebenwirkungen und Impf-Reaktionen hingewiesen werden, sondern auch auf den Einfluss des Nocebo-Effekts – und darauf, dass es auch möglich ist, keine Impf-Reaktionen zu verspüren.

In der Studie ging es um eher leichte Impf-Reaktionen, die häufig auftreten – bei Corona-Impfungen kann es in sehr seltenen Fällen jedoch auch zu schweren Nebenwirkungen kommen. Gerade erst hat die Ema auf ernste Nebenwirkungen bei den Impfstoffen von Astrazeneca und Johnson & Johnson hingewiesen*. Auch gibt es Fälle von Herzmuskelentzündungen nach Corona-Impfungen*. (tab) *fr.de ist ein Angebot von IPPEN.MEDIA.

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