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Falschmeldungen verbreiten sich rasend schnell und werden entsprechend oft auch weiterverbreitet. Gerade in der Corona-Krise kann das die Unsicherheit in Teilen der Bevölkerung vergrößern. 

Fake News

Corona und Fake News: Sehnsucht nach der Apokalypse?

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Das Coronavirus ist eigentlich eine Biowaffe, die Maßnahmen zur Eindämmung sind nur ein perfider Plan der Politiker, den Rechtsstaat aus den Angeln zu heben. Falschmeldungen zur Pandemie haben Hochkonjunktur. Warum ist das so? Und warum sind viele für solche Fake News so empfänglich? Ein Experte gibt Antworten.

Verschwörungstheorien und Gerüchte können noch so abstrus sein, sie finden Beachtung, werden sekundenschnell verbreitet. Viele Bürgerinnen und Bürger sind verunsichert - ein idealer Nährboden für Falschmeldungen.

Markus Knauff ist Professor für Allgemeine Psychologie und Kognitionsforschung an der Justus-Liebig-Universität in Gießen. Er untersucht unter anderem das Denken und die Entscheidungen von Menschen. Er rät: Alles hinterfragen. Und sich erst dann eine Meinung bilden.

Herr Prof. Dr. Knauff, wir müssen uns beeilen, die Festnetztelefonate werden nach 15 Minuten gekappt, damit die Leitungen unter der derzeitigen Belastung nicht zusammenbrechen...

Ist das so (lacht)? Dann mal los.

Diese und andere Falschmeldungen kursieren derzeit im Internet. Warum sind viele Menschen dafür im Moment besonders empfänglich?

Die derzeitige Situation hat psychologisch drei Schwierigkeiten: Das eine ist, dass wir derzeit aus einer Unsicherheit heraus entscheiden müssen. Unsicherheit unterscheidet sich vom Risiko. Ein Beispiel: Das Risiko, an Krebs zu erkranken, kann mit Zahlen untermauert werden. Das Risiko, sein Geld beim Roulette zu verlieren, ebenfalls. In der Corona-Krise ist es so, dass wir nicht wissen, wie sich die Pandemie entwickeln wird. Das verunsichert uns.

Welche Verhaltensmuster folgen daraus?

Wir wissen aus der Psychologie, dass Menschen in solchen Situationen oft zu einfachen Faustregeln neigen, die mit Denkfehlern verbunden sind. Und das weicht dann häufig von dem ab, was wir allgemein als rational einstufen.

Und die zweite Schwierigkeit?

Die Corona-Krise entwickelt sich sehr dynamisch. Neue Meldungen dazu gibt es oft im Minutentakt. Und Menschen können mit solch dynamischen Systemen schlecht umgehen. Wenn man an einer Stellschraube dreht, ändern sich gleich fünf andere Parameter. Denken Sie an die Tschernobyl-Katastrophe. Wir kennen die Protokolle aus dem Leitstand: Plötzlich wird ein sehr dynamischer Prozess in Gang gesetzt, in dessen Verlauf die Verantwortlichen mit der Situation überfordert waren. Und dann haben sie falsche Entscheidungen getroffen.

Das heißt, es treffen im Moment zwei ungünstige Parameter aufeinander?

Genau. Unsicherheit und Dynamik. Damit können Menschen nicht gut umgehen und fallen dann häufig in sehr einfache Denkschemata zurück, die letztendlich zu falschen Schlüssen führen.

Ein Faktor fehlt noch...

Das Ganze ist zudem noch mit Angst verbunden. Und wenn erst einmal starke Emotionen mit im Spiel sind, dann hat Rationalität einen schweren Stand. Dazu kommt, dass Menschen leicht beeinflussbar sind, wenn sie Angst haben. Dann klammern sie sich an alles, von dem sie glauben, dass es ihnen etwas Halt gibt.

Für die Corona-Krise gibt es keine Blaupause. Welche Rolle spielt das?

Viele versuchen nun, Parallelen zu ziehen. Zum Beispiel historisch. Man hört immer wieder die Vergleiche zu Spanischen Grippe. Und genau da liegt ein Problem. Man kons-truiert Analogien, die meist nicht ganz passend sind. Wie auch der Vergleich zur normalen Grippe. Auch darüber gibt es allerlei komische Informationen.

Im Zusammenhang mit dem Coronavirus werden Verschwörungstheorien entworfen, teilweise gar Untergangsszenarien entwickelt. Haben wir Sehnsucht nach der Apokalypse?

Da muss man differenzieren. Ich habe ein Problem mit dem allgemeinen Begriff Verschwörungstheorie. Natürlich kursieren im Internet teilweise hanebüchene Ideen, darüber müssen wir überhaupt nicht diskutieren. Aber der Begriff Verschwörungstheorie wird häufig auch dann verwendet, um Meinungen und Überlegungen, die vom Mainstream abweichen, zu unterbinden. Einmal anders denken, Sachen hinterfragen, das gehört zum Diskurs dazu. Wir müssen schon kritisch sein. Nur wenn etwas wirklich Unfug ist, sollte man das auch einsehen und nicht daran festhalten. Aber allgemeine Denkverbote sind nicht zielführend. Wir dürfen und sollten selbst nachdenken.

Können Sie dafür ein Beispiel nennen?

Ich finde es falsch, die Diskussion über Ausstiegsszenarien nicht offen zu führen. Wann soll man über Lockerungen sprechen, wenn nicht jetzt? Wir brauchen schließlich einen breiten gesellschaftlichen Konsens darüber, was möglich ist, und was nicht.

Gerade in der Corona- Krise gibt es doch wissenschaftliche Expertisen, an die man sich halten könnte. Warum reicht das nicht, um Fake News zu begegnen?

Es gibt ein paar harte Fakten, das ist richtig. Aber auch die Experten haben unterschiedli-che Positionen. Das ist nicht schlimm, im Gegenteil. Denn das gerade zeigt doch die Kom- petenz und die Integrität von Wissenschaftlern. Dass sie sich nicht alle hinter einer Position versammeln, sondern auch einräumen, dass es unter-schiedliche Auffassungen gibt. Das ist sehr wichtig und richtig, davon bin ich als Wissen-schaftler absolut überzeugt. Davon lebt der Diskurs. Problem ist: Das kann auch ganz anders wirken. Nämlich so, als wäre alles vollkommen unklar. So ist es aber auch nicht. Viele Menschen wollen die eine Wahrheit, die eine Lösung. Weil das Orientierung verspricht. Aber die eine Wahrheit gibt es nicht immer. Das zeigt uns auch die aktuelle Corona-Krise.

Sie haben eben von Angst gesprochen. Ab wann wird aus Angst Panik? Und wann fange ich an, Klo- papier und Hefe zu hamstern?

Psychologen unterscheiden eher zwischen Angst und Furcht. Panik ist die pathologische Variante. Dass wir uns im Moment fürchten, ist ja eigentlich begründet. Wir befinden uns in einer ernsten Situation. Furcht ist eine angemessene Reaktion auf eine Bedrohung. Angst wird dagegen nicht direkt durch eine Bedrohung ausgelöst. Zum Beispiel bei einer Phobie.

Und was löst jetzt den Impuls zum Hamsterkauf aus?

Menschen, die einzeln genommen völlig rational sind, können in der Gruppe sehr irrational werden. Das ist kein neues Phänomen. Das schaukelt sich dann hoch und man denkt: "Die kaufen mir das ganze Toilettenpapier weg." Das ist keine Angst, dass nichts mehr da ist, sondern dass alle anderen mir zuvorkommen. Dazu kommt das Gefühl: Wenn alle das machen, dann muss es richtig sein. Wir vertrauen uns nicht selbst, sondern orientieren uns am Verhalten anderer. Konformismus kann dazu führen, dass Menschen Sachen machen, die nur schwer nachzuvollziehen sind. Und die sie alleine nie machen würden.

Haben Sie ein persönliches Rezept, um sich gegen Desinformation und Unsicherheit zu schützen?

Ich glaube erst einmal überhaupt nichts. Das Erbe der Aufklärung ist, alles zu hinterfragen. Und ich nehme erst dann eine Position ein, wenn, ich wirklich davon überzeugt bin, dass sie richtig ist. Und selbst dann sollte man sich immer wieder neu hinterfragen. Und man darf nie vergessen, dass es keine endgültigen Wahrheiten gibt, sondern dass man Sachen immer aus verschiedenen Perspektiven betrachten kann.

Das war jetzt aber deutlich länger als 15 Minuten...

Ja, können Sie mal sehen (lacht).

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