Vom Leitstand aus wird die Druckmaschine gesteuert. Die Kollegen können Abstand halten. Fotos: gäd, ep (Archiv)
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Vom Leitstand aus wird die Druckmaschine gesteuert. Die Kollegen können Abstand halten. Fotos: gäd, ep (Archiv)

DREI FRAGEN AN ...

Corona-Alltag im Zeitungshaus

  • Burkhard Bräuning
    vonBurkhard Bräuning
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Alle reden vom Homeoffice. Aber nicht alle können ihre Arbeit zu Hause erledigen. Wer an einer Maschine steht, die Hunderte Tonnen wiegt, der kann die nicht mal eben mit nach Hause nehmen. Wir Redakteure klappen unser Laptop auf, wählen uns im Verlag ein und legen los. Unsere Drucker und die Mitarbeiter im Versandraum können das nicht. Sie müssen in den Verlag, um ihre Arbeit zu machen. Wie das in einem Zeitungshaus ist, wenn Corona den Takt vorgibt, davon erzählen wir heute.

Viele unserer Leser haben wir im Laufe der Jahre durch die große Druckhalle geführt, viele Schüler haben schon die "Zeitungsachterbahn" bewundert, die man in der Versandhalle sehen kann. Im Moment können wir aufgrund der Corona-Krise keine Gäste empfangen. Und die Gebäude sind auch ziemlich menschenleer.

Unsere Belegschaft ist zweigeteilt in diesen Tagen: Da sind die, die zu Hause arbeiten können, und die, die weiter ins Verlagsgebäude kommen müssen. Gemeinsam arbeiten wir daran, dass die Zeitung pünktlich bei Ihnen zu Hause im Briefkasten steckt.

Wir alle halten unsere Arbeit für wichtig, spannend, herausfordernd. Das muss auch so sein, denn der Job soll uns ja auch Freude bereiten. Aber wir sollten uns immer wieder daran erinnern, dass die Arbeit der Kollegen aus anderen Abteilungen auch wichtig ist. In einer Firma (und das ist fast in jeder Branche der Fall) muss alles Hand in Hand gehen. Wir Redakteure können natürlich sagen: "Ohne uns gäbe es keine Zeitung." Aber die Mitarbeiter der Anzeigenabteilung könnten das mit dem gleichen Recht behaupten. Und ohne Buchhaltung käme kein Geld rein (und es ginge keins raus), ohne Personalabteilung bekämen wir keinen Lohn und kein Gehalt. Es geht nichts ohne unsere kaufmännische Abteilung, nichts ohne Leserservice und Marketing. Ohne Vertrieb wäre die Zustellung ein ungeordnetes Chaos. Manche Mitarbeiter sorgen für Sauberkeit, das ist ganz wichtig - nicht nur in Corona-Zeiten. Wir brauchen unsere Mediengestalter, die Grafik, die Betriebstechnik und ohne unsere EDV-Kollegen könnte ich jetzt nicht zu Hause sitzen, genüsslich einen Cappuccino trinken und arbeiten wie in der Redaktion.

Ja und dann sind da noch unsere Drucker. Es ist ein Traditionsberuf. Seit Gutenbergs Zeiten sorgen Drucker dafür, dass Texte und später auch Fotos auf einem bestimmten Papierformat in großer Stückzahl vervielfältigt werden. Vermutlich wird die Zukunft der Zeitung digital sein, aber noch geht es nicht ohne Drucker. Und das wird noch lange so bleiben. Drucker stehen am Ende des Produktionsprozesses, den Schluss machen die Mitarbeiter der Versandabteilung. Ihre Arbeit ist zum Teil nicht weniger komplex als in der Rotation. Gesteuert werden muss im Versand unter anderem das Einfügen der Beilagen in unsere Zeitungen.

Wenn im Versand Hochbetrieb herrscht, meist spät am Abend, dann warten im Hof die Fahrer, die unsere Zeitungen zu den Austrägern bringen. Und die machen sich mitten in der Nacht auf den Weg, damit die Zeitungen pünktlich morgens bei Ihnen, liebe Leserinnen und Leser, im Briefkasten liegen. Schon wenig später beginnt der ganze Prozess von vorn. Mit Wartung und Pflege der Maschinen. Mit dem Reinigen der Büros. Aber die bleiben derzeit überwiegend leer. Fast alle, die an einem Computer arbeiten, sind im Homeoffice. Und ein Ende dieser Arbeitsweise ist nicht abzusehen.

Drucker, Versandmitarbeiter und die Betriebstechnik haben nicht die Möglichkeit, von zu Hause aus zu arbeiten. Um sie vor einer Infektion zu schützen, hat die Geschäftsleitung mit den entsprechenden Abteilungsleitern Vorsorge getroffen. Desinfektionsmittel war auch in Vor-Corona-Zeiten immer in allen Abteilungen verfügbar. Marc Lönne, derzeit in Vertretung Chef von Druckerei und Versand, sagt dazu: "Für die Drucker ist es kein Pro- blem, Abstand zu halten. Und der komplette Leitstand wird beim Schichtwechsel desinfiziert." Laut Lönne stehen auch Schutzmasken zur Verfügung. Ähnlich sei die Situation im Versand: "Auch hier wird beim Schichtwechsel großflächig desinfiziert. Da in den letzten Wochen das Beilagengeschäft wegen Corona stark rückläufig war, konnten die Mitarbeiter auch in diesem Bereich des Versands Abstand zueinander halten. Lönne: "Wenn es Probleme oder Fragen gibt, dann sprechen mich die Mitarbeiter auch an. Ich habe das Gefühl, alle sind sensibilisiert und vorsichtig. Aber nicht panisch oder überängstlich."

Während also in diesem Teil des Unternehmens die Kollegen (fast) so arbeiten wie vor Corona, ist es in beinah allen anderen Bereichen ganz anders. Knapp 200 Mitarbeiter hat der Verlag. Weit mehr als die Hälfte davon ist im Homeoffice. Das Arbeiten hat sich insbesondere in der Redaktion sehr verändert. Wenn man sich noch bis Anfang März mal eben schnell etwas über die Schreibtische hinweg zugerufen hat ("mach mal bitte die 5 zu", "da ist noch was Neues für die erste Stadtseite gekommen", "Chef hat angerufen, sollst dich bitte mal melden" usw.).

Seit Wochen kommunizieren wir ganz anders. Zeitaufwendiger vor allem. Wir schreiben unzählige Nachrichten in unsere WhatsApp-Gruppen. Wir nutzen die Möglichkeit von Telefon- und Videokonferenzen, mailen wie nie zuvor. Und manchmal führen wir auch ganz traditionell ein Festnetztelefongespräch mit einem unserer Leser oder mit einer Leserin. Es gibt viel zu besprechen, und was uns freut: Es geht dabei fast immer konstruktiv zu. Wir lernen (voneinander).

Technisch klappt das alles gut. Manchmal gibt es kleinere Probleme, aber unsere EDV-Kollegen haben das im Griff. Auch sie arbeiten überwiegend zu Hause. Vor 20 Jahren wäre das so nicht mal ansatzweise möglich gewesen. Vor zehn Jahren nur mit Einschränkungen.

Was die Arbeitswelt betrifft, wird man aus der Corona-Krise vielleicht etwas lernen. Vielleicht wird das sogenannte Homeoffice das Arbeitsplatzmodell der Zukunft, was es ja nach Meinung vieler Experten schon lange sein sollte. Aber es gibt einen Haken an der Sache: Wir sehen uns nicht mehr.

Wir verlieren das Gespür dafür, wie es den Kollegen geht. Wir arbeiten zu Hause alleine vor uns hin, besprechen, was zu besprechen ist, aber wir sind uns nicht mehr nah. Wir reden nicht mehr richtig miteinander.

Das Gespräch von Kollege zu Kollege ist wichtig für die Teams. Nicht nur in der Redaktion. Eine junge Kollegin sagte vor ein paar Tagen: "Ich habe immer gedacht, Homeoffice, das sei mein Ding. Ist es aber nicht. Mir fehlen die Kollegen." So ist es.

8 Jahre drucken wir mit einer Druckmaschine (Rotation) von Koenig und Bauer (Würzburg). Wir nennen sie aber immer noch "neu". Zusammen mit der Versandanlage ist sie das Herzstück unseres Verlagshauses.

1Stunde, das ist die reine Druckzeit für unsere drei Tageszeitungen. Da umgerüstet werden muss (in allen Ausgaben andere Lokalseiten, jeweils lokaler Sport) sind die Drucker rund zwei Stunden beschäftigt. Sie drucken aber auch noch unsere Anzeigen- und Gemeindeblätter, dazu den "Kicker" und die überregionale Tageszeitung "taz".

50 000 Zeitungen mit einem Umfang von 48 Seiten und alle Seiten in Farbe könnten wir mit unserer "Rotation" drucken. Wir produzieren aber mit einer die Maschine schonenden reduzierten Geschwindigkeit. Damit erreichen wir aber auch noch eine Auflage von 45 000 Zeitungen/Stunde.

1250 Kilogramm wiegen unsere größten Papierrollen - das ist so viel wie das Leergewicht eines VW Golf.

22Kilometer Papier sind auf einer Rolle.

11Meter hoch sind die drei Drucktürme der Rotation, verteilt auf zwei Etagen.

21Meter lang ist die gesamte Druckmaschine inklusive Falzapparat (Papier wird geschnitten und zu Zeitungen gefaltet).

3Drucktürme und ein Falzapparat sind die Hauptbestandteile unser Druckmaschine

400 Druckplatten können in einer Stunde von unseren beiden CTP-Maschinen belichtet werden.

4Druckplatten pro Seite benötigen wir. Jeweils eine für die Farben Schwarz, Gelb, Cyan (Blau) und Magenta (Rot).

60Tonnen Farbe verbrauchen wir im Jahr.

6000 Tonnen Papier bedrucken wir im Jahr .

Herr Dr. Rempel, mehr als die Hälfte Ihrer Mitarbeiter arbeitet von zu Hause. Wie lässt sich das steuern?

Glücklicherweise haben wir sehr erfahrene Mitarbeiter und gut eingespielte Teams. Jeder weiß, was zu tun ist. Wir nutzen regelmäßige Telefonkonferenzen, damit alle Abteilungsleiter Bescheid wissen, was in den anderen Bereichen gerade passiert, und um über die allgemeine Lage zu informieren.

Sie sind zeitweise auch im Homeoffice. Was ist das für ein Gefühl?

Wir haben einen kleinen Sohn. Der versteht noch nicht, warum der Papa da ist, aber doch keine Zeit hat. Das ist manchmal schwer. Aber ich möchte nicht klagen. Ich bin in einer privilegierten Lage und andere haben es weitaus schwerer.

Was ist für Sie in diesen Tagen die schwierigste Herausforderung?

Im letzten Monat lag die größte Herausforderung darin, fast allen Mitarbeitern das Homeoffice zu ermöglichen. Hier hat unsere IT-Abteilung unglaublich toll gearbeitet. Das hat viele gewohnte Arbeitsabläufe durcheinandergewirbelt, und es hat etwas gedauert, bis sich das wieder eingespielt hat. Es ist zurzeit fast unmöglich, längerfristig zu planen. Gesetzliche Vorgaben und Richtlinien ändern sich mitunter im Tagesrhythmus. Wirtschaftlich leiden wir mit unseren Werbekunden: Wenn ein Geschäft geschlossen ist, dann wirbt man auch nicht. Somit sinken unsere Einnahmen. Wir werden sehen, wie sich die teilweisen Lockerungen auswirken. bb

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