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Eine Vogelspinne krabbelt über die Hand von Spinnenforscher Peter Jäger. Der Arachnologe ist seit seiner Jugend von den achtbeinigen Tieren fasziniert. (Foto: dpa)

Spinnenforscher

Ein Büro voller Achtbeiner

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Von Spinnen war Peter Jäger schon als Kind fasziniert. Heute erforscht er sie nicht nur, sondern ist auch für ihre Benennung zuständig. Da kommt schon mal David Bowie ins Spiel.

In Peter Jägers Büros würden sich einige Menschen vermutlich gruseln. In einer Grünpflanze neben seinem Schreibtisch webt eine Kreuzspinne vor sich hin. "Die sollte eigentlich schon letzten Herbst einen Kokon bauen", sagt der Wissenschaftler der Senckenberg-Gesellschaft für Naturforschung in Frankfurt. "Aber da sie bei mir in der Wohnung groß geworden ist – aus Versehen – hat sie keinen Partner abgekriegt."

Auch sonst ist im Büro des Leiters der Sektion Arachnologie, also Spinnenforschung, alles auf jene Tiere ausgerichtet, von denen Jäger seit früher Kindheit fasziniert ist: Eine handtellergroße, haarige Vogelspinne hat ihr Zuhause in einem Glaskasten gleich gegenüber, an den Wänden hängen Poster, von denen überlebensgroße Spinnen dem Betrachter entgegenblicken. Fast, als wollten sie sagen: "Ich schau Dir in die Augen, Kleines." Für Spinnenphobiker wäre es wohl nicht die beste Umgebung.

Kreative Namensgebung

Jäger ist nicht nur Chef für die weltweit größte Weberknechtsammlung und die wissenschaftliche Arbeit zu Spinnen und Tausendfüßlern, er ist auch ein Alpha-Taxonom: Der Wissenschaftler mit dem angegrauten Fünftagebart ist in der internationalen Spinnenforscherszene für die Riesenkrabbenspinnen und ihre Bestimmung zuständig. Und wenn er bei seinen Forschungen auf eine neue Art oder Unterart stößt, kann er sie als Alpha-Taxonom für die Wissenschaft ganz offiziell benennen.

"Erst wenn eine Art einen Namen hat, kann man mit ihr umgehen", sagt Jäger. Ein anonymes Tier lässt sich in Fachartikeln eben schwer vergleichen oder analysieren. Oder erklären, warum eine bestimmte Spinnenart bedroht ist, oder welchen Nutzen sie für eine ökologische Nische hat. Von schnöder Durchnummerierung oder Buchstaben-Zahlenkombinationen hält Jäger aber nichts. "Das funktioniert für Menschen nicht. Wenn man einen Namen hat, kann man damit eine Geschichte erzählen."

Dabei hat sich Jäger in der Vergangenheit schon einiges einfallen lassen und Spinnen nach Rockstars wie David Bowie, Freddy Mercury oder Udo Lindenberg benannt. Aber auch seine Assistentin und der Senckenberg-Hausmeister wurden schon zu Namenspaten für neue Spinnenarten. "Grundsätzlich freuen sich die Leute, wenn eine Art nach ihnen benannt wird – egal ob das jetzt Spinnen, Schmetterlinge oder Orchideen sind", erzählt Jäger. Bis jetzt habe ihn noch niemand gebeten, Namensgeber für "etwas Hübscheres" zu sein. "In meinem Umfeld verstehen die diese Spinnensache schon als Ehre", versichert der Wissenschaftler.

Allerdings: Die weitaus größte Zahl neu bestimmter Spinnenarten erhält ihren Namen aufgrund des äußeren Erscheinungsbildes, des Fundortes oder einer besonderen Verhaltensweise. Erst vor wenigen Monaten benannte Jäger eine neu entdeckte Spinnenart, die in Bambushalmen lebt und damit einen Lebensraum für sich entwickelt hat, an dem Forscher normalerweise nicht nach Spinnen suchen würden. "Unsere Entdeckung im Bambus zeigt, dass die weltweit bekannten 48 000 Spinnenarten nur einen Bruchteil ihrer tatsächlichen Vielfalt darstellen."

Ist das jetzt eine schlechte Nachricht für Spinnenphobiker? Schließlich können die Achtbeiner aus noch viel mehr Winkeln kriechen als bisher bekannt. Doch der Spinnenforscher winkt ab: "Die meisten sind ja regional phobisch. Die haben keine Angst, dass irgendwo 10 000 neue Spinnenarten beschrieben werden, sondern die haben aus unerklärlichen Gründen Angst vor Spinnen allgemein und ich glaube, denen ist egal, wie viele es gibt."

Diese Ängste, so fanden Wissenschaftler des Max-Planck-Instituts für Kognitions- und Neurowissenschaften in Leipzig mit schwedischen Kollegen im vergangenem Jahr heraus, sind offenbar tief im Menschen verwurzelt. "Wir gehen davon aus, dass die Angst vor Schlangen und Spinnen einen evolutionären Ursprung hat", erläutert die Neurowissenschaftlerin Stefanie Höhl.

Biss für die Forschung

Ein Gefühl, das Spinnenforscher Jäger gänzlich fremd ist. Er lässt sich zu wissenschaftlichen Zwecken auch schon mal beißen, um die Wirkung von Spinnengift zu untersuchen. "Spinnen beißen höchst selten", bemüht er sich um Ehrenrettung für die Tiere. Zum Beweis lässt er die Vogelspinne am Arm hochlaufen.

Überraschend samtig fühlen sich die trippelnden Schritte an. Der Arm, so Jäger, werde von der Spinne ohnehin nur als eine Art Baumstamm wahrgenommen und bedeute – so lange er ruhig gehalten werde – für das Tier keine bedrohliche Situation. Gewissermaßen nach dem Motto: Die tut nichts, die will nur krabbeln.

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