19. Juli 1988: Der US-amerikanische Rockmusiker Bruce Springsteen (M.) tritt in der damaligen DDR-Hauptstadt Berlin auf. Links der Gitarrist Nils Lofgren, rechts der Saxofonist Clarence Clemons. Zu dem Konzert auf dem Gelände der Radrennbahn Weißensee strömten über 160 000 Menschen. Das Konzert war damit das größte in der Geschichte der DDR. FOTO: DPA
+
19. Juli 1988: Der US-amerikanische Rockmusiker Bruce Springsteen (M.) tritt in der damaligen DDR-Hauptstadt Berlin auf. Links der Gitarrist Nils Lofgren, rechts der Saxofonist Clarence Clemons. Zu dem Konzert auf dem Gelände der Radrennbahn Weißensee strömten über 160 000 Menschen. Das Konzert war damit das größte in der Geschichte der DDR. FOTO: DPA

Bruce Springsteen infiziert die DDR-Jugend

  • Harold Sekatsch
    vonHarold Sekatsch
    schließen

30 Jahre Wiedervereinigung - da geht der Blick auch in der Region zurück auf die bewegte und bewegende Geschichte zwischen beiden deutschen Staaten. Unser ehemaliger Redakteur und heutiger freier Mitarbeiter Harold Sekatsch erzählt von seinen ganz persönlichen Erlebnissen und seinen Erinnerungen an DDR und Wendezeit.

Wer wie ich einer Generation angehört, die kurz nach dem Zweiten Weltkrieg im Westen Deutschlands geboren wurde, kann sich aus mehreren Gründen glücklich schätzen. Zum einen haben wir eine für mitteleuropäische Verhältnisse extrem lange Periode ohne kriegerische Auseinandersetzung zwischen einzelnen Staaten erleben dürfen, andererseits sind wir "Westler" in einem Gemeinwesen aufgewachsen, das uns Meinungs-, Rede- und Reisefreiheit garantiert. Wir müssen keine Angst vor Repressalien haben, wenn wir irgendetwas an unserem Staat zu kritisieren haben. Wir konnten unsere Freiheit ausleben.

Davon waren die Bewohner der DDR meilenweit entfernt, und das, obwohl die Regierung in Ostberlin im Jahr 1975 die sogenannte Helsinki-Schlussakte unterzeichnet und sich damit zur Achtung aller Menschenrechte, einschließlich diverser Freiheiten, verpflichtet hatte. Ich habe bei meinen DDR-Besuchen allerdings keinen Unterschied im Verhalten der Bürger oder der Staatsorgane "vor und nach Helsinki" verspürt. Das Menschenrecht "Reisefreiheit" existierte für DDR-Bürger weiterhin nicht.

Zum anderen war unsere Generation hautnah dabei, als etwas eintrat, was zuvor eigentlich für unvorstellbar gehalten worden war: die friedliche Revolution in der DDR und die deutsche Wiedervereinigung, die am 3. Oktober 1990 vollzogen wurde. In dieser Zeit wurde in Deutschland Weltgeschichte geschrieben. Die Wendezeit zwischen 1989 und den 90er Jahren des vorigen Jahrhunderts war wohl das Spannendste, was wir auf diesem Gebiet nach dem Zweiten Weltkrieg erlebten. Vor allem waren alle froh darüber, dass die gravierenden politischen Veränderungen friedlich vollzogen wurden. Anders als bei den Volksaufständen in der DDR (1953) und Ungarn (1956), der Kubakrise (1962) oder dem Mauerbau in Berlin (1961) schwebte nicht das Damoklesschwert einer kriegerischen Auseinandersetzung zwischen den Supermächten über uns allen.

Bürger kuschen nicht mehr

Zur Jahreswende 1988/89 und im Spätfrühjahr 1989 war ich wieder mal zu Besuch in der DDR und sah, dass einiges in Bewegung geraten war. In einem Schrebergarten (in diesen befanden sich wohl die besten gastronomischen Einrichtungen der gesamten DDR) sprach mich ein junger Mann an, der im Juli 1988 das Konzert von Bruce Springsteen in (Ost-)Berlin besucht hatte und immer noch vom Auftritt des US-Rockstars schwärmte. Er berichtete von Schikanen auf der Zugfahrt von Magdeburg nach Berlin, aber auch von der Botschaft, die von dem Musiker ausging. Springsteen vermittelte darin ein besonderes Gefühl von Freiheit und hat die jungen Leute damit regelrecht infiziert. Mein Gesprächspartner (und nicht nur er) hatte danach nur noch einen Wunsch: raus aus der Enge der DDR. Die von Bruce Springsteen gestreute Saat war aufgegangen, nicht nur bei meinem Bekannten, sondern bei Hunderttausenden DDR-Bürgern entsprechenden Alters.

Das war aber auch nicht mehr die DDR, wie ich sie bei meinen bisherigen Besuchen kennengelernt hatte. Die wirtschaftliche Lage der Bürger hatte sich zwar im Laufe der Jahre gebessert, hinkte aber weit der Entwicklung in der Bundesrepublik hinterher. Einen Grund zur Zufriedenheit hatte "der" DDR-Bürger in dieser Hinsicht nicht, aber die Bewohner kuschten nun nicht mehr. Unmut wurde auch aus nicht wirtschaftlichen Gründen immer lauter. Aber es gab im Jahr 1989 weiterhin Betonköpfe in dem Arbeiter- und Bauernstaat. Das merkten wir, als wir gemeinsam mit unseren Gastgebern in einem Lokal in einem Dorf nahe Schönebeck/Elbe an einem Tisch saßen und eine Gruppe von Lehrern den Gastraum betrat. Bewusst herausfordernd setzten sich die linientreuen Pädagogen weit weg von uns und bestraften uns anschließend mit tiefer Nichtachtung. Ähnliches erlebten wir bei der Begegnung mit einer Familienangehörigen unserer Gastgeber, einer Juristin, die sich schnell zurückzog, als sie mitbekam, dass sich Westbesuch in der Wohnung befand. Dass der Kessel namens DDR in diesem Jahr unter mächtigem Druck stand, merkten wir auch bei unserem Urlaub am Plattensee in Ungarn (August 1989), den wir gemeinsam mit unseren Bekannten aus der DDR verbrachten. In Ungarn wurde die Wiedervereinigung zwischen Ost- und Westdeutschen in gewisser Hinsicht vorweggenommen. Wie wir verbrachten auch andere Bundesbürger gemeinsam mit Bekannten, Verwandten oder Freunden aus der DDR die Ferien am Balaton. Es herrschte vielfach eine große Harmonie zwischen den Deutschen aus Ost und West, doch es gab auch Einschränkungen. Die Ostdeutschen ohne Westkontakte und damit ohne Devisen mussten auch sehen, wo sie bleiben. Doch Not macht erfinderisch. So erinnere ich mich an eine Szene, die auf mich abstoßend wirkte. Am Nebentisch in dem ungarischen Lokal saß eine junge DDR-Familie - Mann, Frau, zwei Kinder - sowie ein Westdeutscher. Die Dame saß auf dem Schoß des Westdeutschen und wurde von ihrem Mann aufgefordert: "Sei doch noch ein bisschen lieb zu ..., dann gibt er bestimmt noch einen aus."

Auf der Rückreise in die Bundesrepublik (unsere Urlaubsbegleiter sind mit dem Zug in die DDR zurückgefahren) haben wir immer wieder DDR-Bürger gesehen, die kurz vor der ungarisch-österreichischen Grenze in Kleingruppen abseits der Straße Richtung Westen marschierten. Als wir eingereist waren, gab es noch Kontrollen seitens der ungarischen Polizei. Doch bereits bei unserer Ausreise eine Woche später bemerkten wir, dass die Sicherheitsorgane des Landes immer nachlässiger wurden. Sie hatten offensichtlich ihr Interesse daran verloren, Ostdeutschen den Übertritt nach Österreich zu verwehren.

Flucht plötzlich ganz einfach

Uns war auch aufgefallen, dass auf österreichischer Seite in Grenznähe zahlreiche Kfz mit westdeutschen Kennzeichen parkten. "Die wollen DDR-Bürger abholen", erklärte uns ein österreichischer Tankwart. Die Flucht über Ungarn war bei vielen offensichtlich von langer Hand vorbereitet. Dass 1989 wohl weit über 50 000 DDR-Bürger über Ungarn in den Westen geflohen sind, hat dem ersten deutschen Arbeiter- und Bauernstaat sehr wehgetan. Die Flucht über Ungarn war ein Kinderspiel im Vergleich zum Übertritt an der innerdeutschen Grenze, wobei der Begriff Flucht nach Beginn der Demontage aller Grenzanlagen zwischen Ungarn und Österreich ab dem Frühjahr 1989 nach und nach eine andere Bedeutung erhielt. Am 11. September 1989 öffnete Ungarn zum Entsetzen der DDR-Führung endgültig die Grenze nach Westen. Das war der Anfang vom Ende des Eisernen Vorhangs.

Gießen war von dieser Entwicklung besonders betroffen, denn ein größerer Teil der DDR-Flüchtlinge fand die erste Zuflucht im Notaufnahmelager am Meisenbornweg. Zu Tausenden standen die Neu-Bundesbürger in dieser Zeit im und vor dem Lager, die Bäume waren vollgekleistert mit Plakaten, Stellenangeboten, Suchanfragen und vielem mehr. Der Ansturm im Herbst 1989 war so groß, dass das Lager nicht ausreichte, um die Ankommenden aufzunehmen. Diese wurden vorübergehend auf Sporthallen verteilt. Es gab zahlreiche Begebenheiten in dieser Zeit, die uns bewegten, zum Beispiel die Ausreise der DDR-Bürger aus der Prager Botschaft in die Bundesrepublik mit der berühmt gewordenen Genscher-Rede vor den Flüchtlingen, die durch den vielfachen Jubel vorzeitig beendet wurde: "Wir sind heute zu Ihnen gekommen, um Ihnen mitzuteilen, dass Ihre Ausreise …"

Bis zur Maueröffnung drehte und wendete sich die DDR-Führung, um zu retten, was nicht mehr zu retten war. Die 40-Jahr-Feier der DDR im Oktober geriet zur Farce, spätestens als Michail Gorbatschow den Genossen in Ostberlin öffentlich die Leviten las. Vorbei die Zeit, dass sich der Staatsapparat alles erlauben konnte. Die Montagsdemonstrationen in Leipzig und in anderen Städten zeigten Wirkung. Die durch Günter Schabowski am 9. November 1989 verkündete Öffnung der Mauer sorgte dafür, dass die Republikflucht aus der DDR quasi durch den Staat legitimiert wurde.

Ende der Schikanen

Nach Öffnung der Grenze waren wir häufiger in der DDR, freuten uns darüber, dass die Bürger über vieles frei heraus reden konnten und auch wollten. Übrigens, auch die Beamten an der Grenze änderten abrupt ihr Verhalten. Schikanen habe ich nach dem 9. November beim Grenzübertritt nicht mehr erlebt. Warum auch? Die DDR brauchte nicht mehr geschützt zu werden, sie stand ohnehin vor dem Aus. Das spürten auch die "Mitglieder der bewaffneten Organe". Nach und nach legte die Bevölkerung den aus Angst vor staatlichen Repressalien selbst angelegten Maulkorb ab. Ich, der den Arbeiter- und Mauern-Staat von den 50er bis 80er Jahren häufig besucht und die DDR als einen perfiden Überwachungsstaat kennengelernt hatte, der Untertanen und Jasager produzieren wollte, erlebte ein anderes Land - bunter, freier, offener.

Leider gab es auch Schattenseiten, wie ich bei einem Dresden-Besuch im März 1990 feststellte. Das Fußballspiel "Altherrenauswahl" Deutschland - "Weltauswahl" vor knapp 40 000 Zuschauern geriet zu einer riesigen Werbeveranstaltung. Sie wurde vor allem auch von Anhängern und Mitgliedern rechtsextremer Parteien aus dem Westen genutzt, die für Ihre Ideen warben. Mehrfach wurden vor dem Stadion die Reichskriegsflagge und die Fahne des Deutschen Reiches geschwenkt. Die Indoktrination durch die West-Rechten zeigte später den gewünschten Erfolg. DDR-Bürger hatten so etwas in den 40 Jahren davor über sich ergehen lassen müssen, besaßen also Erfahrung darin, unkritisch Ideologien aufzunehmen - und sei es nur zum Schein. Ein Teil der Bevölkerung zeigte sich für das rechte Gedankengut aber durchaus empfänglich. Attacken auf Ausländer in den neuen Ländern, wie in Hoyerswerda, waren in den darauffolgenden Jahren keine Seltenheit. Und das setzte sich auch später fort.

Ich erinnere mich an den legendären Willy-Brandt-Ausspruch, der vom damaligen Bundespräsidenten Richard von Weizsäcker entscheidend veredelt wurde: "Jetzt wächst zusammen, was zusammengehört - aber es soll nicht zusammenwuchern", erklärten sie kurz nach Maueröffnung. Diese Mahnung hat an Aktualität 30 Jahre nach der Wiedervereinigung nichts eingebüßt.

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare