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Das Brettchen von Maracanã

  • vonGerd Chmeliczek
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Guten Tag, mein Name ist Brettchen. Frühstücksbrettchen. Und ich stehe auf der Dunstabzugshaube. Meine Aufgabe? Erinnerungen wachhalten. Woran? An das Endspiel der Fußball-Weltmeisterschaft 2014 in Brasilien. Woher ich die Geschichte dazu kenne, wo ich doch erst viel später produziert worden bin? Dieser Mann, der hier wohnt, erzählt sie jedem, der es hören will. Und auch jedem, der es nicht hören will. Und jetzt erzähle ich sie Ihnen.

13. Juli 2014, Maracanã, Brasilien. Es läuft die Verlängerung im WM-Endspiel zwischen Deutschland und Argentinien. Die 113. Minute: André Schürrle schnappt sich den Ball, stürmt auf der linken Seite nach vorne, setzt sich gegen seine Gegenspieler durch und flankt die Kugel butterweich in den Sechzehner der Argentinier. Die versäumen es, Mario Götze im Auge zu behalten. Der so Allein- gelassene nimmt den Ball mit der Brust an und befördert ihn vorbei am Torwart der Argentinier in die Maschen. 1:0.

Wenige Minuten später, um 23.37 Uhr, sind "wir" Weltmeister.

Ein paar Stunden zuvor: Gute Freunde kommen, um das Endspiel gemeinsam mit meiner späteren Familie zu schauen. Die Kinder sind mit Trompeten bewaffnet, während den Erwachsenen die Anspannung ins Gesicht geschrieben steht - so wird es zumindest immer erzählt. Die letzten Minuten des Finales verfolgt besagter Mann an den Kaminofen gelehnt. Dort steht er immer, wenn es besonders spannend wird. Dann: Schlusspfiff, kollektiver Jubel. Nur einer kann sich nicht so richtig mitfreuen: Der Jüngste der Familie hat schon vor dem Ende der regulären Spielzeit die Augen zugemacht.

Was ich damit zu tun habe? Nun, ein paar Wochen nach dem Spiel wurde ich bei einem Fußballmagazin bestellt. Ich bin geschmückt mit dem eingangs beschriebenen Spielzug zum 1:0. Und damit das auch so bleibt, bin ich nicht im Gebrauch, sondern stehe an exponierter Stelle.

Irgendwann will mich der Mann verschenken - an seinen Sohn. Dann könne der sich immer daran erinnern, dass er seinen ersten Weltmeistertitel verschlafen habe, sagt er spöttisch. Ganz schön gemein. Schließlich war der Kleine damals erst vier Jahre alt. Ich hoffe sehr, er bekommt noch ein paar Gelegenheiten zum Jubeln. Und wenn nicht - er hat ja mich... gäd

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