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Unter dem Motto "Gießen bleibt bunt" haben rund 800 Menschen am Samstag auf dem Vorplatz der Justus-Liebig-Universität gemeinsam ein Zeichen gegen Rechtsextremismus gesetzt. Zuvor waren bereits etwa 250 Demonstranten lautstark durch die Innenstadt gezogen FOTO: CSK

Breites Bündnis gegen rechts

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Unter dem Motto "Gießen bleibt bunt" haben rund 800 Menschen am Samstag auf dem Uni-Vorplatz gemeinsam ein Zeichen gegen Rechtsextremismus gesetzt. Zuvor waren bereits etwa 250 Demonstranten lautstark durch die Innenstadt gezogen.

Je breiter sich die einen machen, desto weniger Platz finden die anderen. So gesehen sind die Proteste am Samstag in der Innenstadt ein voller Erfolg. "Gießen bleibt bunt - gemeinsam gegen rechts!" heißt das Motto der Kundgebung, zu der mittags rund 800 Menschen auf den Vorplatz des Uni-Hauptgebäudes strömen. Knapp 40 Organisationen und Initiativen haben dazu aufgerufen, Farbe gegen Rechtsextremismus und Intoleranz zu bekennen.

Im Ergebnis entsteht ein wahrhaft breites Bündnis - und das macht sich wortwörtlich breit. Bis in den Abend dauert das Programm. Unter den Besuchern sind die Teilnehmer einer Demonstration, die zuvor lautstark durch die City gezogen ist. Dass sie sich ungewöhnlich breit macht, schwant unterwegs auch einem Organisator. "Sorry für die lange Strecke!", ruft er jedenfalls einmal.

Nachdem die extralange Demo ihr Ziel erreicht hat, beginnt die nahezu halbtägige Kundgebung. Als eine der Ersten spricht Marina Frankfurt. Die Vorsitzende der Jüdischen Gemeinde Gießen erinnert an das Kriegsende vor 75 Jahren. Und daran, was im Kampf gegen Rassismus, Krieg und Gewalt noch heute auf dem Spiel steht. "Sehen wir uns die Geschichte an, dann sehen wir, dass wir von Krieg zu Krieg immer mehr verloren haben", sagt sie. "In einer Demokratie und in Frieden zu leben, ist der einzige Weg, nicht mehr zu verlieren."

Den ganzen Tag über verschwimmen die Wut ob der aktuellen Ereignisse in Thüringen und der Widerstand gegen prinzipiellere Entwicklungen. Indem sie Thomas Kemmerich mit Hilfe der AfD zum Ministerpräsidenten gewählt hätten, hätten CDU und FDP "eine Linie überschritten", meint etwa der DGB-Kreisvorsitzende Klaus Zecher. Eine direkte oder eine indirekte Kooperation mit der AfD dürfe "nie Politik demokratischer Parteien sein".

Als Kundgebung und Demonstration angemeldet wurden, gehörte dieser Tabubruch noch ins Reich der Fabeln. Beide Proteste waren ursprünglich als Gegenveranstaltungen geplant, weil ein Rechtsextremist aus Sachsen eine Demo in Gießen angekündigt hatte. Sie wurde abgesagt.

Mitten im Einkaufstrubel ziehen die rund 250 Aktivisten trotzdem durch den Seltersweg. Der von einem großen Polizeiaufgebot begleitete Zug, den die "Antifaschistische Basis Gießen" organisiert hat, führt vom Bahnhof durch die Fußgängerzone, über Nordanlage und Berliner Platz bis vor das Uni-Hauptgebäude. "Gegen Faschismus, Armut, Krieg und Krise" prangt auf dem größten Transparent. Bei Zwischenstopps machen Redner jede Menge Missstände aus: Kapitalismus und Fremdenfeindlichkeit, die "strukturelle Faschisierung des Staates" und die europäische Flüchtlingspolitik, Antisemitismus, zu hohe Mieten und soziale Ungleichheit.

Wenig später bleiben die schrillen Töne dann den Musik-Acts rund um den "Querulantenstadl des Staatsstreichorchesters" und die Band "FILZ" vorbehalten. Unter den zahlreichen weiteren Rednern bei der Kundgebung sind Vertreter diverser Parteien, der Ausländerbeiräte, der "Omas gegen rechts" und vom "Bündnis für Afrin". Ferner sprechen der Demo-Anmelder Henning Mächerle von der Vereinigung der Verfolgten des Naziregimes, Stergios Svolos in seiner Funktion als Stadtschülersprecher und Patricia Ruhland für den AStA der Justus-Liebig-Universität.

Bei allen Gegensätzen in den Details könnten sich die Demonstranten etwa unter einem Slogan von Human Rights Watch versammeln: "Menschenrechte statt rechte Menschen!". In all dem Trubel fällt die umstrittene Demonstration "Gießen kifft gegen rechts" übrigens kaum weiter auf. Ein halbes Dutzend Teilnehmer hat es sich dafür auf einem Sofa bequem gemacht. "THC statt AfD" nennen sie als Motto. Einmal erspäht, passt diese "Kiffer-Lounge" ohnehin gut mit ins Bild. Denn eines ist das Bündnis, das hier demonstriert, ja in jedem Fall: breit.

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