Brandschutz: Pyrotechnik nur in Ausnahmefällen erlaubt

Gießen (mö). Rund 230 Tote und 120 Verletzte: Die Brandkatastrophe in Brasilien, ausgelöst durch den Einsatz von pyrotechnischen Effekten bei einem Konzert in einer Diskothek, schockiert die Menschen weltweit. Und wieder einmal stellt sich die Frage: Kann so etwas auch bei und passieren?

Wenn sich Veranstalter, Vermieter und die Behörden an die hierzulande geltenden Regeln halten, eigentlich nicht, lautet die Antwort von Frank Matthes, dem Sprecher der Gießener Berufsfeuerwehr.

Wie das in Deutschland eigentlich laufen soll, wenn bei Massenveranstaltungen Pyrotechnik zum Einsatz kommt, war erst vor wenigen Tagen beim Neujahrs-Variété in der Kongresshalle zu sehen. Als gegen Ende der Show ein Feuerspiel gezeigt wurde, hielt sich unmittelbar in der Nähe eine von der Feuerwehr gestellte Brandsicherheitswache auf. Das können je nach Größe der Veranstaltung zwischen zwei oder 20 Leuten sein, erläutert Matthes, der auch stellvertretender Leiter des städtischen Brandschutzamts ist.

"Eigentlich ist Pyrotechnik in der Kongresshalle nicht erlaubt", sagt Matthes und weist gleichzeitig auf eine Ausnahmeregelung in der hessischen Verordung über den Betrieb von Versammlungsstätten hin. Danach können "offenes Feuer, brennbare Flüssigkeiten und Gase sowie pyrotechnische Gegenstände" in einer Versammlungsstätte eingesetzt werden, wenn dies mit der Art der Veranstaltung begründet wird und Brandschutzmaßnahmen im Vorfeld mit der Feuerwehr abgestimmt worden sind. Eine solche Ausnahmegenehmigung hänge letztlich von der Örtlichkeit ab. Ein Rockkonzert mit Feuerkaskaden wäre zum Beispiel nur in der größten der Hessenhallen an der Messe zulässig. "Die alten Hallen dort sind zu niedrig", sagt Mathes.

Mit erfahrenen Vermietern und Veranstaltern wie der Messe Gießen oder der Stadthallengesellschaft, die die Kongresshalle und die Bürgerhäuser vermietet, gebe es ohnehin keine Probleme, weil die die entsprechenden Auflagen bereits in den Verträgen mit ihren Mietern verankerten. Dies gelte im Grunde auch für größere und professionell organisierte Partys, die im Bereich der Universität stattfänden und dort auch mit der Hochschulverwaltung abzustimmen seien.

Gleichwohl habe er in der Vergangenheit in zwei Fällen persönlich studentische Massenveranstaltungen abgebrochen, bei denen keine ausreichenden Vorkehrungen zum Brandschutz getroffen worden waren, erzählt der Feuerwehrmann.

Insgesamt hat die Feuerwehr im Stadtgebiet von Gießen rund 750 sogenannte Sonderbauten im Blick, bei denen es sich im Grunde um alle größeren Gebäude handelt, darunter auch Veranstaltungshallen und Diskotheken. Spätestens alle fünf Jahre müssten diese Gebäude von der Feuerwehr und/oder der Baubehörde überprüft werden, ob Brandschutzvorschriften eingehalten werden. "Bei Einrichtungen wie Diskotheken, in denen sich ständig viele Menschen aufhalten, warten wir natürlich nicht so lange", fügt Matthes hinzu und betont: "Bei den Sonderbauten gibt es kein Pardon".

Stadt stellte Stadt Ultimatum

Diese Erfahrung musste in den letzten Jahren unter anderem die Stadt selbst machen, als ihr von der eigenen Feuerwehr und dem Bauordnungsamt ein Ultimatum gestellt wurde, wonach die Kongresshalle geschlossen werde, falls beim Brandschutz nicht nachgerüstet werde, was mittlerweile geschehen ist. Unerbittlich zeigten sich die Behörden auch 2003, als am Aulweg der Ausbau einer der bereits gastronomisch genutzten alten Heyligenstaedt-Hallen (Gate 5) in einen Tanztempel an den Brandschutzauflagen scheiterte. Diese Hürde müssen momentan auch die neuen Eigentümer der Miller Hall nehmen, die die altehrwürdige Volkshalle als Veranstaltungsort wiederbeleben wollen.

Kopfzerbrechen bereiten der Feuerwehr in erster Linie aber nicht die von den Behörden abgenommenen Veranstaltungshallen, sondern der private Raum. Noch heute laufen den Verantwortlichen der Gießener Feuerwehr beim Gedanken an die Massenparty in der Westanlage im Juni vergangenen Jahres die Schauer über den Rücken. Matthes: "Wenn es in so einem Fall auch noch brennt, wird es mit der Rettung ganz schwierig."

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