Der Biber ist zurück

(rüg). Sie sehen putzig aus und sind als fleißige Baumeister bekannt. Trotzdem machte ihnen der Mensch auch in Hessen lange Zeit schwer zu schaffen: Der Biber galt hierzulande bis Ende der 80er Jahre als ausgerottet. Doch mittlerweile haben sich die Bestände erholt, nachdem 1987 die ersten Nager im Spessart wiederangesiedelt wurden. Rund 500 Biber tummeln sich mittlerweile in hessischen Gewässern.

In den Jahren 1987 und 1988 wurden jeweils drei Biberpaare (teilweise mit Jungen) im hessischen Spessart im Bereich des damaligen Forstamts Sinntal am Gewässersystem der Flüsse Jossa und Sinn ausgesetzt. Die Biber stammten von der Mittelelbe aus der damaligen DDR – sogenannte Elbebiber. Darüber, wann die letzten dieser Nagetiere in hessischen Gewässern gesichtet wurden, gehen die Meinungen auseinander. Die Landesforstbehörde spricht vom Aussterben Ende des 18. Jahrhunderts, Naturschützer sehen einen noch viel früheren Zeitpunkt.

"Der letzte Nachweis ist ein Fang am 27. August 1596 an der Gersprenz in Südhessen. 1684 gab es noch mal einen Hinweis an der Werra, das aber wohl in Thüringen. Etwas später wurden in einer Höhle an der Fulda einige Biberknochen gefunden. Wir können aber wohl davon ausgehen, dass in Hessen 400 Jahre lang praktisch keine Biber lebten", sagt Mark Harthun, stellvertretender Landesgeschäftsführer des NABU Hessen und Biberexperte.

Die damalige Wiederansiedlung im Spessart erklärt auch die relativ hohe Konzentration der Fellträger in Ost- und Südosthessen. Ausgehend von dort, haben sich die Tiere entlang der Kinzig bis in die Wetterau und über die Horloff bis in den Landkreis Gießen sowie entlang der Fulda und über den Main in den Odenwald verbreitet. "Einzelne Tiere können zwar auch mal 80 Kilometer wandern, aber die echte, dichte Besiedlung erfolgt langsam vom Ursprungsgebiet aus. Grundsätzlich können die Biber sowohl in den Ebenen als auch im Bergland leben", erklärt Harthun.

Die größeren Flüsse seien zunächst attraktiver, weil hier mehr Weiden wachsen. Die Rinde der Erlen der kleinen Bäche fresse der Biber nicht. Trotzdem sei es für alle eine Überraschung gewesen, dass sich im Spessart der Biber auch im Bergland (400 Meter Höhe) über 20 Jahre an der gleichen Stelle halten konnte. "Er frisst viele Kräuter wie Brennesseln und Mädesüß und braucht offenbar nicht viele Bäume", sagt der NABU-Fachmann.

Federführend für die Erfassung des Nagetiers in Hessen ist das Regierungspräsidium Darmstadt, das kürzlich seinen Biberbericht für 2015 vorlegte. Demnach ist die Zahl der Reviere im Gegensatz zum Vorjahr um fast zehn Prozent gestiegen – auf knapp 150 Reviere, in denen rund 500 Biber leben. "Die Ausbreitung schreitet weiter fort, sodass mit einer Besiedelung in ganz Hessen zu rechnen ist", sagt Petra Westphal von Hessen Forst.

Wo sich die Natur, insbesondere Wildtiere Lebensraum zurückerobern, bleiben Konflikte mit dem Menschen nicht aus. "Keine nennenswerten mit der Forstwirtschaft, mit der Landwirtschaft im unmittelbaren Bereich der Gewässer und Auen", meint Westphal. Der Biber hält sich eher an Weichholz wie Pappeln und Weiden, die forstwirtschaftlich nicht bedeutend sind.

Aber: "Teilweise werden Wiesen durch die Aktivität des Bibers unter Wasser gesetzt und für die Nutzung unbrauchbar. Hier werden über entsprechende Programme Entschädigungen geleistet", berichtet Westphal. Da der Biber gerne auch Obstbäume annehme, könne im Bereich von besiedelten Gewässern der Anbau auf Streuobstwiesen betroffen sein.

Einen weiteren Problempunkt nennt Harthun: Die Landwirtschaft habe in der Vergangenheit sehr nah an die Gewässer herangewirtschaftet, "dies oft sogar durch illegale Nutzung von Uferstreifen, die eigentlich den Gemeinden gehören. Wenn der Biber hier Wohnröhren in die Ufer gräbt, besteht die Gefahr, dass ein Traktor einbricht". Auch könnten kleinere Fraßschäden entstehen, wenn Biber zum Beispiel mal Mais fressen. Diese Fraßstellen seien aber überschaubar. Sorgen kann aber auch eine andere Leidenschaft dieses Tieres bereiten: der Dammbau. An kleinen Bächen (bis etwa zwei Meter Breite) baut der Biber Dämme, um die Wassertiefe zu erhöhen und die Fließgeschwindigkeit zu bremsen. Dann sucht sich das Wasser seitlich über die Ufer seinen Lauf, vernässt Wiesen oder lässt Biberseen entstehen. Das könne die Bewirtschaftbarkeit stark einschränken, sagt Harthun.

In Hessen seien die Konflikte bisher aber gering, weil es in den ersten Jahren des Biberprojektes ein sehr professionelles Landmanagement gegeben habe. Über viele Kilometer wurden Uferflächen an den Bächen vom Land gekauft und im Zuge einer Flurneuordnung als Gewässerentwicklungsstreifen entlang der Bäche gelegt. Damit gab es dort keine privaten Betroffenen mehr und der Biber konnte sich entfalten, ohne dass jemand zu Schaden kam.

"Diese Strategie muss aus unserer Sicht auch fortgesetzt werden, um künftig Konflikte zu vermeiden: vorausschauend Uferflächen erwerben, wo dies möglich ist. Dazu eine Erfassung, welche Uferflächen ohnehin schon im Besitz von Land oder Kommunen sind. Und dann die Ausweisung von Gewässerentwicklungsstreifen über die Instrumente der Flurneuordnung", fordert der NABU-Experte. Diese komme nicht nur dem Biber zugute, sondern biete bereits sofort Möglichkeiten zur Entwicklung seltener Auenlebensräume. Sie trügen so zum Schutz vieler sehr seltener Arten bei, selbst wenn es noch einige Jahre dauert, bis der Biber komme.

"Und wenn er kommt, kann sein Talent zur kostenlosen Landschaftsgestaltung genutzt werden", freut sich Harthun. Gefällte Bäume reicherten die Gewässer mit Totholz an, das eine wichtige Struktur für Gewässertiere wie Fische und Insekten ist. Durch solche umgelegten Bäume komme es zu vielfältigen Strömungsverhältnissen. Strömung führe auch zu Uferabbrüchen, in den Steilufern könnten Eisvogel und Uferschwalbe ihre Röhren graben. In den durch Stauungen entstehenden Nasswiesen entwickelten sich Röhrrichte, die von Vögeln bewohnt werden. Die flachen Biberseen böten Heimat für Entenarten, Schwarzstorch, Amphibien und Libellen.

Die Krönung wäre für den Naturschützer die Rückkehr der Fischotter: "Einzelne gibt es ja neuerdings bereits wieder in Hessen – ausgerechnet im Spessart, wo die Wiederansiedlung der Biber begann."

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