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Besser denken durch Dialekt?

  • Martin Schäfer
    vonMartin Schäfer
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Das MRT wummert. Der Proband guckt in die Röhre. Kleine Tier- und Landschaftsbildchen verkürzen die Messzeit. In den Ohren Stöpsel, dazu noch zwei Dämpfungsklötze, die den Kopf in der Röhre fixieren. Und das alles diesmal für die Studie, ob Dialekt sprechen das Denkvermögen fördert.

Im Magnetresonanztomografen der Psychiatrie des Universität Marburg ist es fast furchterregend eng. Schön, dass es nach 30 Minuten vorbei ist. In dieser Zeit haben die medizinisch-technischen Assistenten das Gehirn des Probanden gleich mehrfach gescannt. Die Sprachforscher freuen sich. Sie wollen herausfinden, wie das Sprachvermögen der Menschen mit gewissen Hirnstrukturen korrespondiert. Und dazu müssen die Probanden in die MRT-Röhre.

Einer dieser Sprachforscher ist Mathias Scharinger, Professor an der Uni Marburg und Forscher am Deutschen Sprachatlas. Dieser Sprachatlas ist national wie international eine Besonderheit: Dort wird seit Langem die Dialektlandschaft in Deutschland und Mittelhessen untersucht und kartografiert. Hessen und Mittelhessen deshalb, weil hier die Dialektvielfalt am größten ist - wie jeder Mittelhesse sofort erfährt, wenn er oder sie im Nachbardorf nicht mehr so ganz verstanden wird.

Bevor Scharinger an der Philipps-Universität Marburg seine Professur am Sprachatlas im Bereich Phonetik angetreten hat, untersuchte er zum Beispiel am Max-Planck-Institut für empirische Ästhetik in Frankfurt, was Sprache und insbesondere Gedichte ausmacht, dass Menschen die Konstrukte aus Worten, Rhythmus, Tempo, Betonung, Tonlage schlichtweg als "schön" bezeichnen.

Zweisprachige haben Vorteile

In der aktuellen Sprachstudie geht der Forscher noch einen Schritt weiter, nämlich direkt zum Sprachvermögen des Gehirns. Ausgangspunkt sind Befunde, denen zufolge Menschen, die zwei Sprachen sprechen, etliche Vorteile haben. Wer zweisprachig aufwächst, etwa Deutsch und Türkisch, Spanisch und Englisch, hat nicht nur die offensichtlichen Vorteile in der Kommunikation, sondern auch ein besseres Denkvermögen. Das Gehirn von zweisprachigen Menschen kann irrelevante Informationen und störende Nebengeräusche besser ausblenden. Bei zweisprachigen Kindern gibt es Hinweise, dass diese die kommunikativen Signale des Gegenübers besser verstehen und in einem gewissen Sinne sensibler reagieren können. Zudem gibt es Hinweise, dass Degenerationserscheinungen des alternden Gehirns wie etwa Alzheimer bei bilingualen Menschen verzögert ablaufen.

Das Team um Scharinger will diesem Befund nun auch bei Dialektsprechenden nachgehen. Die zentrale Frage: Haben auch Dialektsprecher kognitive Vorteile gegenüber Menschen, die nur das Hochdeutsche gelernt haben? Sie suchen daher zum einen Menschen in Mittelhessen, die von Kindesbeinen an das Hochdeutsche und ihren mittelhessischen Dialekt gelernt und gesprochen haben, und andererseits Menschen, die in Mittelhessen zwar in einer sprachlichen Dialektumgebung aufgewachsen sind, mit Familie, Freunden, Bekannten aber nur ochdeutsch gesprochen haben, den Dialekt also aktiv nicht sprechen können.

Anhand ihrer Dialektkarten haben die Sprachforscher des Sprachatlas auch das für die Studie infrage kommende Gebiet eingegrenzt (siehe Karte). Das Gebiet reicht von Marburg im Norden bis Biebertal, Gießen, Reiskirchen und Grünberg im Süden.

Die Studie besteht aus zwei Teilen, erläutert die Mitarbeiterin Lisa-Marie Smit vom Sprachatlas. Probanden müssen zunächst an einem Sprach- und Kognitionstest teilnehmen. Der dauert nur 45 Minuten und entspricht eher ei-nem Geschicklichkeitstest. Am längsten dauert da noch das Ausfüllen von rund einem Dutzend Fragebögen zum Sprachvermögen und der eigenen persönlichen Sprechbiografie. Im zweiten Teil wird im MRT die Struktur des Gehirns aufgezeichnet. Es ist ein statisches MRT: Die Probanden liegen still, müssen im MRT keine Aufgaben lösen.

MRT-Bilder, Tests und Fragebögen

Auf der Suche nach einem speziellen Dialektnetzwerk im Gehirn wollen die Forscher später mit statistischen Verfahren die Zellstrukturen aus den MRT-Bildern mit den Merkmalen der Probanden aus Tests und Fragebögen abgleichen. Könnte sein, dass der Dialekt dadurch eine wissenschaftlich fundierte Aufwertung erhält.

Doch bis dahin braucht’s noch eine gewisse Wegstrecke. Die Forscher suchen händeringend nach Probandinnen oder Probanden, die nur Hochdeutsch reden. 26 Dialektler hatten sie schon im MRT. Die "hochdeutschen Mittelhessen" sind gefragt. "Wir brauchen noch sieben Personen", sagt Mathias Scharinger. Die sollten sich doch finden lassen.

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