Beim Marketing-Club Mittelhessen hatte Walter Kohl Interessantes aus seinem Leben und zu seiner Unternehmensphilosophie zu berichten. FOTO: BF
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Beim Marketing-Club Mittelhessen hatte Walter Kohl Interessantes aus seinem Leben und zu seiner Unternehmensphilosophie zu berichten. FOTO: BF

"Beruf ist auch Berufung"

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"Wenn Menschen Ihnen in Ihrem Unternehmen widersprechen, sind sie engagiert", war eine der Kernaussagen von Walter Kohl als Gastredner zur Jahresauftaktveranstaltung des Marketing-Clubs Mittelhessen.

In der Rittal-Arena hielt Kohl einen interaktiven Vortrag für die rund 60 Mitglieder und Gäste des Clubs zum Thema "Souveräner führen, handeln, leben! Kraftquellen für Entscheider". Ein Thema, das auf großes Interesse bei den Mitgliedern und Gästen des Marketing-Clubs Mittelhessen stieß. Gleich zu Beginn stellte Walter Kohl, Sohn des früheren Bundeskanzlers Helmut Kohl, klar: Zurücklehnen ist nicht. Der Komplettabsturz mit der CDU-Parteispendenaffäre Anfang der 2000er Jahre war ebenso Thema wie der Erfolg seiner Geschäftsidee als deutsch-koreanischer Zulieferer in der Automobilbranche und wie er nach schicksalhaften Situationen immer wieder eine neue Perspektive gefunden hat. Der Fokus jedoch lag ganz klar auf der Führung - von Mitarbeitern und vor allem von sich selbst. Zu weiteren Fragen äußerte sich Kohl im Interview:

Inwiefern hat Sie die politische Karriere Ihres Vaters geprägt?

Seine politische Karriere hat mich in verschiedenen Punkten geprägt, da ich quasi von klein auf zu einer öffentlichen Person wurde. Auch musste unsere Familie viele Belastungen tragen, besonders in den Jahren des Terrorismus. Häufig begegne ich Schubladendenken und Vorurteilen, bis Menschen dann feststellen, dass ich ganz anders bin als sie dachten. Besonders bereichernd war die Chance, historische Momente miterleben zu dürfen, wie die Öffnung des Brandenburger Tors oder der Besuch mit Präsident Mitte- rand und meinen Eltern in Verdun, welche mich und meinen Wunsch nach einem gemeinsamen Europa nachhaltig geprägt haben.

Gab es ein Schlüsselerlebnis, in dem Sie sich sicher waren, welchen Weg Sie beruflich einschlagen wollen?

Ein Schlüsselerlebnis gab es nicht. Vielmehr erkannte ich mit den Jahren immer mehr, wer und wie ich sein will, wie nicht und welche Spuren ich einmal hinterlassen möchte. Beruf hat idealerweise auch ein Element Berufung, also etwas, das man mit Herzblut tut, das Sinn und Freude stiftet. Für mich ist es wichtig, dass meine beruflichen Aktivitäten als Unternehmer, aber auch als Coach und Autor dazu führen, Menschen und Organisationen zu stärken. Gerade in unseren Zeiten der Umbrüche werden neue Antworten von uns verlangt. Dazu braucht es innere Klarheit und Stärke, und vor allem ein Wofür.

Was erleben Sie am häufigsten, wenn Sie mit Unternehmern als Firmeninhaber arbeiten? Beziehungsweise, was begegnet Ihnen da klassischerweise?

Einsamkeit und Überlastung. Einsamkeit im Sinne von: Der Inhaber ist das letzte Glied in einer Kette, alle Stränge im Unternehmen laufen auf diese Person zu. Er muss sehr genau seine Kraft und Zeit budgetieren und delegieren wollen und können. Gerade wenn man ein Unternehmen aufgebaut hat und jedes Detail kennt, fällt es oft schwer, in manchen Bereichen loszulassen und zu vertrauen.

Meine These ist: Ein guter Unternehmer baut auf, erreicht dann ab einem gewissen Zeitpunkt einen bestimmten Reifegrad im Unternehmen, welcher dazu führt, dass er weniger "im Unternehmen" sondern mehr "am Unternehmen" arbeiten kann.

Wie sehen Sie persönlich die Zukunft des deutschen Mittelstands?

Das kann man nicht pauschal sagen, denn es gibt nicht "den" deutschen Mittelstand. Es gibt unterschiedliche Branchen mit unterschiedlichen Herausforderungen. Ich führte als Unternehmer gemeinsam mit meiner Frau einen deutsch-koreanischen Automobilzulieferer. Hier gibt es eklatante Herausforderungen wie die Industrie 4.0, den steigenden Wettbewerb mit China, Elektromobilität umsetzen, das ganze Thema Datenmanagement und vieles mehr. Ein flächendeckendes Problem ist das Thema "Unternehmensnachfolge". Viele Unternehmen scheitern daran, dass die Nachfolge nicht oder nur unzureichend geklärt und durchgeführt wird.

Insgesamt glaube ich, dass trotz aller Probleme der deutsche Mittelstand auch weiterhin das Rückgrat unserer Volkswirtschaft sein wird. Aber nur, wenn er durch Politik und Gesellschaft unterstützt wird.

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