"Bejagung bringt nur wenig Erfolg"

  • Burkhard Bräuning
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Frage: Was ist denn der Waschbär für ein Tier? Ist er wirklich ein echter Bär?

Frage: Was ist denn der Waschbär für ein Tier? Ist er wirklich ein echter Bär?

Prof. Hans-Peter Ziemek: Waschbären (Procyon lotor) gehören zu der Gruppe der "Kleinbären" und sind mit Eis- oder Braunbären nicht verwandt. Alle bekannten Arten der Gattung Kleinbären kommen ursprünglich nur auf dem amerikanischen Kontinent vor. Waschbären bewohnen dabei Nordamerika von Panama bis in den Norden nach Kanada. Vertreter einer anderen Kleinbärenart sind die Nasenbären (Nasua nasua), die in großen Teilen Südamerikas vorkommen.

Wie ist das Sozialverhalten? Sind es Einzelgänger – oder leben Waschbären auch in Gruppen?

Ziemek: Eine interessante Frage. Waschbären verändern die Form ihres Zusammenlebens entsprechend ihrer Lebensumstände. Meist leben sie als Single. Bei hoher Dichte des Vorkommens kann es reine "Männergruppen" geben, es können aber auch Fähen (weibliche Waschbären) ein stabiles Reviersystem aufbauen. Die Jungtiere werden relativ schnell entwöhnt und müssen sich eigene Reviere suchen. Wenn es eine gute Futterquelle gibt, kann es auch lokal zu größeren "Familientreffen" kommen. So waren Waschbären in der Vergangenheit in der Lage, komplette Obstplantagen oder Weinberge zu plündern.

Welchen Tieren wird der Waschbär gefährlich?

Ziemek: Waschbären sind Allesfresser mit einem Hang zum guten Leben. Sie lieben Eier und süßes Futter. So sind die Waschbären in Brandenburg gerade dabei, die Gelege der stark bedrohten Sumpfschildkröten (Emys orbicularis) zu plündern. Sie sind aber nicht die typischen Jäger. Sie streifen durch ihr Revier und suchen systematisch nach Futter. Das können die Beeren am Strauch sein oder die Jungvögel in einem Rotkehlchennest. Oder eben auch der lecker riechende Müllbeutel.

Und muss sich auch der Mensch in Acht nehmen?

Ziemek: Es sind Fälle der Übertragung von Tollwut oder Fuchsbandwurm auf den Menschen bekannt. Außerdem sind viele der Tiere der hessischen Population mit Waschbärspulwürmern infiziert. Man sollte daher nie einen Waschbären anlocken, füttern oder gar ins Haus lassen.

Es ist wohl kaum noch strittig, dass die Zahl der Waschbären stetig zunimmt. Was hat das für Folgen?

Ziemek: Die Zahl der Waschbären explodiert geradezu. Im Moment kann man von mindestens einer Million Tiere in zwei Hauptvorkommensgebieten ausgehen. Ein Verbreitungsschwerpunkt liegt in Brandenburg und der zweite "Hotspot" ist leider Hessen. In Bayern finden sich dagegen noch relativ wenige Tiere. Die Menge der Waschbären wird speziell in den städtischen Regionen noch weiter zunehmen. Es gibt Futter im Überfluss und die sehr anpassungsfähigen Tiere erschließen sich jeden Winkel ihrer Umgebung. In den Ortslagen können sie nicht geschossen werden. Das hat sich inzwischen bei Waschbären "herumgesprochen"; und sie wirken manchmal schon geradezu zutraulich. Dieses Phänomen ist auch bei Füchsen zu beobachten.

Wie ist die Lage hier in der Region? Viele Menschen reden von einer Waschbärenplage. Wie beurteilen Sie die Situation?

Ziemek: Mittelhessen ist über die Wasserläufe vom Edersee her schon früh nach dem Krieg von Waschbären besiedelt worden. Unsere Landschaft bietet der Tierart optimale Bedingungen. Wir werden uns daher auf noch viel mehr Waschbären einstellen müssen. Speziell in den Siedlungsgebieten. Es gilt daher, Häuser, Mülltonnen, Nebengebäude und Volieren waschbärsicher zu machen. Speziell, wenn es dort Eier oder Früchte als Beute gibt.

In Hessen gilt weiter ein ausgedehntes Fang- und Abschussverbot. Der Landesjagdverband kritisiert das. Was meinen Sie? Bringt das verstärkte Abschießen überhaupt einen Erfolg?

Ziemek: Jeder tote Waschbär wäre für die jetzige Situation speziell in den Städten und Dörfern ein guter Waschbär. Das Bejagungsverbot muss daher aufgehoben werden. Die Bejagung ist aber mühsam und bringt nur wenige Erfolge. Wenn ein Jäger oder eine Jägerin aktuell am Ansitz entscheiden muss, wird es eher das Wildschwein treffen. Wir werden daher für Waschbären über den Fallenfang nachdenken müssen. Dabei handelt es sich um große Lebendfallen, in denen die Tiere schonend eingefangen und von den Jagdberechtigten professionell getötet werden. In der Lausitz werden entsprechende Systeme mit großem Erfolg eingesetzt.

Wenn sich ein Waschbär auf ihrem Grundstück einnisten würde, was würden Sie tun?

Ziemek: Eine Lebendfalle besorgen, das Tier einfangen und den Jagdpächter informieren. Wenn es den Jagdpächter nicht interessiert, das Tier möglichst weit vom Grundstück wegbringen. (bb)

Hans-Peter Ziemek ist Professor am Institut für Biologiedidaktik der Justus-Liebig-Universität Gießen.

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