Für Irmgard Braun-Lübcke und ihre Familie
 ist der Prozess um den Mord an ihrem Ehemann und Vater eine große Belastung. Unterstützt werden sie von Dirk Metz, der ihre Position in der Öffentlichkeit vertritt.	FOTOS: DPA
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Für Irmgard Braun-Lübcke und ihre Familie ist der Prozess um den Mord an ihrem Ehemann und Vater eine große Belastung. Unterstützt werden sie von Dirk Metz, der ihre Position in der Öffentlichkeit vertritt. FOTOS: DPA

Aufreibender Freundschaftsdienst

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Dirk Metz war früher hessischer Regierungssprecher und begleitet nun die Familie des Ermordeten Kassler Regierungspräsidenten Walter Lübcke durch den Prozess. Im Interview spricht er über die Bedeutung des Mordprozesses.

Ende dieses Monats soll das Urteil fallen im Prozess um den Mord am Kasseler Regierungspräsidenten Walter Lübcke. Der frühere hessische Regierungssprecher Dirk Metz vertritt die Familie des Opfers in der Öffentlichkeit. Er möchte, dass nicht nur über die mutmaßlichen Täter gesprochen wird, sondern auch über das Leid der Familie und deren Position vor Gericht.

Wie kamen Sie zu der Rolle, Sprecher der Familie zu werden?

Die Familie hat gespürt, dass sie als Nebenkläger in dem Prozess, dem Prozess des Jahres 2020, mit einer enormen Aufmerksamkeit rechnen muss, dass alle Blicke auf sie gerichtet sein würden. Da sie nicht selbst mit den Medien sprechen wollte, hat sie gefragt, ob ich bereit wäre diese Aufgabe zu übernehmen.

Wie gut kannten Sie Walter Lübcke?

Ich kannte ihn schon seit Ende der 80er Jahre und hatte ein freundschaftliches Verhältnis zu ihm. Ich habe ihn wie so viele außerordentlich gemocht und wir haben uns auch nach meinem Ausscheiden aus der Politik gelegentlich gesehen. Der Bitte der Familie konnte und wollte ich mich nicht verschließen. Ich kann nur ahnen, wie belastend das Verfahren für die Familie ist. Weil ich schon merke, wie viel Kraft mich dieser Freundschaftsdienst kostet.

Was meinen Sie damit?

Hier ist etwas ganz Schreckliches passiert, das eine Familie völlig aus der Bahn geworfen hat. Kein Tag wird mehr so sein wie zuvor. Und dann schauen sie an jedem Verhandlungstag den Angeklagten ins Gesicht. Da leidet man mit. Für meine »normalen« Kunden engagiere ich mich natürlich mit Leidenschaft, aber das hier ist schon sehr speziell.

Wie stimmen Sie sich mit der Familie ab?

Deren Anwalt Professor Matt und ich sitzen immer wieder viele Stunden mit der Familie zusammen und überlegen, wie wir mit bestimmten Situationen umgehen, welche Anträge vor Gericht gestellt werden sollen und - das ist mein Part - wie man in der Öffentlichkeit agiert.

Welches Ziel verfolgt die Familie?

Zum einen möchten Frau Braun-Lübcke und ihre beiden Söhne zur Aufklärung beitragen. Dazu haben sie etwa vor Gericht die örtliche Situation rund um ihr Haus geschildert. Sie möchten aber auch Haltung zeigen

Was erhofft sich die Familie von der Nebenklage?

Zu erfahren, was in den letzten Sekunden vor dem Schuss auf ihrer Terrasse passiert ist. Sehr wichtig ist es der Familie aber auch, zu signalisieren, dass sie sich den sozialen, christlichen und rechtsstaatlichen Werten des Ehemanns und Vaters verbunden fühlt, für die er eingetreten ist. Das ist für die Familie sicher auch nicht mit dem Urteil zu Ende. Sie werden weiterhin für diese Werte eintreten.

Die Familie kritisierte im Prozessverlauf den Umgang des Gerichts mit dem mutmaßlichen Mittäter Markus H. als zu freundlich. Warum?

Es war ein Schock, als Markus H. am 1. Oktober auf freien Fuß gesetzt wurde, denn die Familie ist fest davon überzeugt, dass er gemeinsam mit Stephan E. die Tat in der Nacht verübt hat. Dafür sprechen viele Indizien, aber es gibt eben keinen Beweis dafür, dass auch Markus H. am Tatort war. Familie und Rettungskräfte gingen ja in der Tatnacht zunächst von einem Sturz auf der Terrasse aus, die Schusswunde fiel erst im Krankenhaus auf, und da war der Tatort schon gereinigt. Es war Glück, dass wenigstens noch die DNA von Stephan E. auf der Kleidung gefunden wurde.

Sie kritisieren also das Gericht?

Meine Aufgabe ist es nicht, das Gericht zu kritisieren, sondern der Familie Lübcke eine Stimme zu verleihen. Sie möchte zur Wahrheitsfindung beitragen, aber keine öffentliche Auseinandersetzung. Mir ist wichtig, dass es in diesem Prozess gelungen ist, die Opfer, die Hinterbliebenen ins Blickfeld zu rücken. Häufig stehen immer nur die Täter im Mittelpunkt, zum Beispiel unter Hinweis auf eine mögliche schwere Kindheit.

Wie geht die Familie damit um, dass im Prozess nicht geklärt werden konnte, was in der Tatnacht genau passiert ist?

Den Angeklagten steht immer ein Schlusswort zu. Es gibt also noch Hoffnung. Die Familie hat auch gewürdigt, dass Stephan E. nach dem Appell von Frau Braun-Lübcke sehr ausführlich Stellung genommen hat. Aus dieser Präzision schließt die Familie, dass seine Aussagen glaubwürdig waren. Und er ist der Zeuge, der sagt: H. war mit dabei. Die Familie ist davon überzeugt, dass Walter Lübcke in den letzten Sekunden in das Gesicht von H. geguckt hat, während Stephan E. geschossen hat.

Kann die Familie so mit dem Prozess abschließen?

Frau Lübcke und ihre Söhne haben in diesem Prozess Haltung gezeigt und ihren Beitrag geleistet, um zur Aufklärung der Tat beizutragen. Die Familie wird mit dem Gerichtsverfahren abschließen müssen. Für sie muss das Leben weitergehen und es geht weiter - auch mit erfreulichen Ereignissen, wie der Geburt des zweiten Enkelkindes im vergangenen Jahr. Eine solche Tat kann man aber sicher nie ganz hinter sich lassen.

Will die Familie eventuell gegen das zu erwartende Urteil vorgehen?

Das ist prinzipiell denkbar, aber derzeit überhaupt kein Thema. Im Augenblick hoffen wir auf ein gerechtes Urteil und werden uns in den nächsten Tagen auch mit der Frage beschäftigen, wie je nach Ausgang zum Urteil Stellung zu nehmen ist.

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