Die langjährigen Karstadt-Mitarbeiterinnen Renate Lindner und Petra Vasiliadis sind erleichtert, dass der Standort in Gießen erhalten bleibt. FOTO: SCHEPP
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Die langjährigen Karstadt-Mitarbeiterinnen Renate Lindner und Petra Vasiliadis sind erleichtert, dass der Standort in Gießen erhalten bleibt. FOTO: SCHEPP

Aufatmen im Seltersweg

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Die Karstadt-Filiale am Gießener Selterstor wird nicht schließen. Das teilte Geschäftsführer Lothar Schmidt seinen rund 200 Mitarbeitern am Freitag mit. Die Erleichterung darüber war im gesamten Seltersweg zu spüren. Mit den Gedanken waren viele aber auch bei den Angestellten der 62 Filialen, die insgesamt geschlossen werden sollen.

Um kurz nach 14 Uhr geht am Freitag ein kollektives Aufatmen durch die Gießener Filiale der Warenhauskette Galeria Karstadt Kaufhof. Die rund 200 Mitarbeiter haben soeben von Geschäftsführer Lothar Schmidt und dem Betriebsrat in einer gemeinsamem Versammlung erfahren, dass der Standort am Selterstor nicht von den geplanten Schließungen betroffen ist. Das eigenständige Schnäppchen-Center in der Rodheimer Straße trifft es indes schon.

"Ich bin erleichtert", sagt eine Verkäuferin wenig später. Ihre Augen verraten, dass hinter dem Mundschutz ein Lächeln aufblitzt. Denn auch wenn das Gießener Haus in der Vergangenheit stets zu den erfolgreicheren gehört habe, sei die Verunsicherung groß gewesen. "Wir freuen uns daher", betont die Mitarbeiterin. Euphorisch hätte die Belegschaft jedoch nicht reagiert. "Dafür ist es für die betroffenen Kollegen aus den anderen Filialen viel zu traurig."

Insgesamt sind 47 Städte betroffen

Insgesamt will Deutschlands letzter großer Warenhauskonzern 62 seiner 172 Filialen schließen. 5317 Mitarbeiter werden dadurch nach Angaben des Gesamtbetriebsrates ihre Arbeit verlieren - und viele Innenstädte einen ihrer wichtigsten Anziehungspunkte. Die Gewerkschaft Verdi hatte zuvor sogar von rund 6000 der noch 28 000 Beschäftigten gesprochen, die von dem Kahlschlag betroffen seien. Der angeschlagene Warenhauskonzern wird Filialen in 47 Städten schließen. Allein in Berlin sollen sechs der elf vorhandenen Kaufhäuser dichtgemacht werden, in Hessen trifft es aller Voraussicht nach die Karstadt-Filialen auf der Frankfurter Zeil und im Main-Taunus-Zentrum, die Kaufhof-Filiale im Hessen-Center sowie die Kaufhof-Filiale in Fulda. Zudem werden deutschlandweit 25 Reisebüros geschlossen. Noch offen ist weiterhin das Schicksal der Karstadt-Sports-Häuser. Hier gelten mehr als zwei Drittel der rund 30 Filialen als gefährdet.

Die Geschäftsführung von Galeria Karstadt Kaufhof bezeichnete die Maßnahmen als unvermeidlich. "Wir wissen, was dies für die betroffenen Mitarbeiter bedeutet. Aber dieser Schritt ist ohne Alternative, weil diese Filialen den Gesamtbestand des Unternehmens gefährden", sagte der GKK-Generalbevollmächtigte Arndt Geiwitz. Letztlich gehe es darum, Galeria Karstadt Kaufhof und damit viele Tausend Arbeitsplätze zu sichern.

Der Vizepräsident des Deutschen Städtetages, Markus Lewe, sagte: "Die massenhaften Schließungen von Filialen sind für die betroffenen Städte ein tiefer Einschnitt. Mit diesen Kaufhäusern geht ein Ort der Versorgung und Begegnung verloren."

Erleichterung stellte sich in Gießen nach der Botschaft im gesamten Seltersweg ein. "Mir persönlich, unseren Mitarbeitern und allen mir bekannten Seltersweg-Händlern fällt ein Stein vom Herzen. Karstadt war seit Jahrzehnten einer der engsten, leistungsstärksten und konstruktivsten Partner für die Innenstadt- und Einzelhandelsentwicklung", sagt Heinz-Jörg Ebert vom BID Seltersweg. Dass Gießen heute noch so dastehe, wie es dastehe, und dass sich der Seltersweg Jahr für Jahr als eine der drei am stärksten frequentierten Fußgängerzonen in deutschen Städten unter 100 000 Einwohner behaupte, sei maßgeblich der aktiven Mitwirkung von Karstadt zu verdanken. "Eine positive Perspektive des Selterswegs ohne Karstadt wäre für mich nicht vorstellbar gewesen. Es gibt ein ganzes Paket an Maßnahmen, unsere Einkaufsmeile im Verbund mit den anderen Quartieren zeitgemäß weiterzuentwickeln. Ohne Karstadt hätten wir darüber gar nicht mehr nachdenken müssen", sagt Ebert.

Galeria Karstadt Kaufhof war durch die pandemiebedingte Schließung aller Filialen in eine schwere Krise geraten und hatte Anfang April Rettung in einem Schutzschirmverfahren suchen müssen. Die Kette rechnet durch die Pandemie und den durch sie ausgelösten Konjunkturabschwung bis Ende 2022 mit Umsatzeinbußen von bis zu 1,4 Milliarden Euro.

Weiterer Abbau von Personal vom Tisch

Die Gewerkschaft Verdi hofft jedoch nach wie vor, die Zahl der Schließungen noch weiter senken zu können. "Wir werden mit aller Kraft für den Erhalt der Standorte und die Zukunft der Beschäftigten kämpfen. Da ist das letzte Wort noch nicht gesprochen", sagte das Bundesvorstandsmitglied Stefanie Nutzenberger. Als Erfolg wertete die Gewerkschaft, dass der vom Unternehmen ursprünglich geplante Abbau von zehn Prozent der Stellen in den verbleibenden Filialen vom Tisch sei.

Der Gießener Geschäftsführer Lothar Schmidt hatte auch erst am Freitag von den konkreten Plänen erfahren und gab zu, auch angespannt gewesen zu sein. "Ich hatte zwar schon ein gutes Gefühl, aber ein Gefühl kann auch täuschen", sagte er. Mit den Gedanken sei er trotz der Erleichterung, die sich in Gießen eingestellt habe, nun aber vor allem bei den vielen befreundeten Mitarbeitern in den vielen Filialen, die deutschlandweit von einer Schließung betroffen sind.

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