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Angesichts von Schnee und Kälte ist die Situation wohnungsloser Menschen wie hier in Frankfurt derzeit gefährlich.

Auf der Straße wird es einsam

  • vonDPA
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Das Leben auf der Straße ist hart - ganz besonders, wenn draußen Frost und Minusgrade herrschen. Die Corona-Pandemie erschwert die Lage zusätzlich. Manches Hilfsangebot wird jetzt ausgebaut.

Es herrschen Minusgrade, der Atem gefriert, mit jeder Stunde scheint sich die Kälte tiefer im Körper auszubreiten. Doch der Mann, der seine Habseligkeiten vor dem Rollgitter eines Geschäfts in der Frankfurter Innenstadt verstaut hat, hat nur ein paar Müllsäcke als Schutz gegen die Kälte übereinandergestapelt. Er gehört zu denen, die nicht auf die Hilfsangebote der Stadt für Obdachlose zurückgreifen, nicht einmal im Winter und angesichts einer Kältewelle, die noch tagelang andauern könnte.

Seit Jahren waren die Winter in der Rhein-Main-Region mild, doch die aktuellen Frosttemperaturen machen das Leben derjenigen, die auf der Straße leben, nun noch härter. Die Stadt hat zügig reagiert, schon seit dem Wochenende hat die Notschlafstelle in der B-Ebene der U-Bahn-Station Eschenheimer Tor von 20 Uhr an geöffnet statt ab 22 Uhr und schließt am Folgetag eine Stunde später als sonst, um zwölf Uhr mittags. »In unserem Nachtcafé haben wir gemerkt, dass die Leute, die kommen, gar nicht mehr gehen wollten und die ganze Nacht in der Einrichtung verbrachten«, sagte Christine Heinrichs von Frankfurter Verein für soziale Heimstätten. »Unter Pandemiebedingungen ist das natürlich schwierig, weil wir dann keine anderen Menschen einlassen können.«

Kälte, Armut und Corona - diese Bündelung macht das Leben der Betroffenen eben noch schwerer, nicht nur, weil auch bescheidene Einkommen durch Flaschensammeln oder Betteln wegfallen - schließlich ist die sonst so belebte Innenstadt nahezu verwaist. Die Räumlichkeiten am Eschenheimer Tor seien zwar trocken und bieten Sicherheit, doch sonderlich warm ist es dort nicht, erläutert Heinrichs: »Die Fläche, die wir normalerweise für Übernachtungen nutzen, ist beheizt - da können wir im Moment aber nur noch 40 Leute unterbringen, weil wir immer 1,50 Meter Abstand zwischen den Schlafmatten lassen müssen.« Nun wird ein größerer Bereich genutzt, um Isomatten auszubreiten - doch da könne eben nicht geheizt werden. »Wir haben aber zusätzliches Material vor Ort gebracht, damit keiner frieren muss«, versichert Heinrichs.

In der Nacht zu Montag hatten 105 Menschen am Eschenheimer Tor übernachtet, etwa 80 weitere schliefen trotz der Minusgrade unter freiem Himmel, über Heizschächten, in Tordurchgängen. Viele von denen, die im Freien schliefen, seien psychisch krank und nicht in der Lage, sich zu versorgen - um sie herrsche derzeit die größte Sorge, so Heinrichs.

Nachbarn schauen nicht weg

Jede Nacht sind daher die Mitarbeiter des Kältebusses unterwegs, mit Decken, Schlafsäcken und heißem Tee, um sicherzustellen, dass niemand trotz Obdachlosigkeit in eine lebensbedrohliche Lage gerät. »Seit Jahren ist hier kein Mensch erfroren«, betont Heinrichs. Und die Bürger schauten nicht weg von der Armut in ihrer Nachbarschaft, sondern gerade jetzt in der Kälte »auf jeden Fall« genauer hin: »Letzte Nacht haben wir 30 Aufträge abgearbeitet. Das sind Rückmeldungen von Bürgern, die jemanden im öffentlichen Raum gesehen haben und nicht sicher sind, ob der gerüstet ist für die Nacht.«

Mit mehr Schlafsäcken, Spenden warmer Kleidung - und einem Vorrat an FFP2-Masken - sind auch Bruder Michael Wies und die haupt- und ehrenamtlichen Helfer des Franziskustreffs vorbereitet auf die in den Wintermonaten noch spürbarere Not der Obdachlosen. »Wir haben täglich zwischen 60 und 100 Gäste - da ist noch Luft nach oben«, sagt der Kapuzinermönch über das Angebot unweit der Frankfurter Hauptwache.

Im Franziskustreff bekommen Obdachlose, aber auch Wohnungslose und von Altersarmut Betroffene ein Frühstück. Auch hier hat die Pandemie viel verändert. Früher gab es außer Einzeltischen für diejenigen, die ihre Ruhe haben wollten, auch Gemeinschaftstische, die Menschen hielten sich durchschnittlich 45 Minuten auf. »Unter Pandemiebedingungen können wir nur noch zwölf Gäste gleichzeitig aufnehmen, für 15 Minuten.« Dabei gebe es durchaus bei vielen ein Bedürfnis nach Gemeinschaft.

Draußen, im Innenhof, warten schon die Nächsten auf Einlass, auf Brot, Käse und Wurst, um sich für den Tag zu stärken, treten in der eisigen Luft von einem Bein auf das andere. »Bei 15 Minuten, da bleibt keine Zeit für Gespräche«, bedauert Bruder Michael. Mitarbeitern wie Gästen fehle das gleichermaßen.

»Es ist alles schon ein ganzes Stück einsamer geworden«, sagt einer der Männer, der hier gerade sein Frühstück zu sich nimmt. »Auch an den üblichen Treffpunkten sind weniger Leute unterwegs. Viele haben Angst, sich anzustecken, da bricht gerade vieles auseinander.«

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