Atze Schröder prangert Verweichlichung an

Wetzlar (chl). Bereits zum zweiten Mal hat der Macho-Lockenkopf unter den Comedians, Atze Schröder, am Samstagabend die "Revolution" in der fast ausverkauften Rittal-Arena ausgerufen. Doch seine 3500 Männer und Frauen umfassende Gefolgschaft hat es wie vor einem Jahr nicht auf das Singen von militanten Revolutionsliedern oder einen politischen Diskurs abgesehen.

Nein! Il Commandante Atze prangerte vielmehr die zunehmende Verweichlichung der Männerwelt an. Ziemlich schnell stand sein Fazit fest: "Wir brauchen wieder Eier!" Denn in Zeiten, in denen zwei Frauen die Regierungsspitze bilden (Merkel und Westerwelle), in denen es als Mann erlaubt sei, gut auszusehen (Jogi Löw), ohne schwul zu sein, zudem sämtliche Körperstellen glatt rasiert würden, Männer "gezähmt und domestiziert" freiwillig kuscheln wollen und den Mondkalender auswendig lernen, da wird bei Atze der Ruf nach echten Kerlen laut.

Nach Winnetou, nach Wolfgang "Wolle" Petry und selbstverliebt nach einem strammen und potenten Burschen wie sich selbst. Doch der Blick in den Bundestag zeige eine andere Natur: "Der einzige Kerl mit Eiern ist Angela Merkel."

Im rasanten und schelmisch-derben Pointengalopp zog der frustrierte Ruhrpottler aus Essen-Kray über zahlreiche gegenwärtige Veränderungen her oder trauerte alten Rollenklischees hinterher: Da erzählt er von den heutigen Kindern, die alle irgendwie hochbegabt sind, sein müssen oder geredet werden; von den militanten Talibanmüttern im Öko-Guantanamo-Kindergarten; oder von Lehrern, die schon nach dem Studium ausgebrannt sind.

Weil sein vorheriges Comedyprogramm "Mutterschutz" als Videoversion ohne Altersbeschränkung (FSK 0) erschienen ist, versprach der Pilotenbrillen-Träger etwas härter zu werden ("So was passiert mir nicht noch einmal"). Entsprechend stellte er eine haarige Veränderung bei Frauen fest: "Früher sahen die unten rum aus wie Reinhold Messner, heute denkst du, die hätten 'ne Schusswunde." Das Publikum amüsierte sich köstlich über solche platten Schenkelklopfer, so dass Atze den Anreiz erfuhr, auch sich selbst als tollen Hecht und Frauenversteher zu brüsten. Er schwärmte von reifen Frauen ab 40 wie Simone Thomalla, vom weichen Leder seiner Cowboystiefel, für die sich 284 kanadische Wapitihirsche von ihren Vorhäuten trennen mussten, von seinem Porsche, der die sportwagenähnlichen Rollatoren der Ferrari-Konkurrenz in den Schatten stellt, oder vom Versuch, die Frau seines besten Freundes ins Bett zu kriegen.

Die so oft auf seine teils freche, teils ordinäre Art beäugten alltäglichen Absurditäten bringt die Zuhörer am laufenden Band zum Lachen. Doch auch Schröder ist die Manneskraft im steten Kampf zwischen Sextrieb und Vernunft nicht auf ein unendliches Maß gegönnt. In einer Gesellschaft, in der nur das Motto "schneller, weiter, höher" gelte, Nahrungsergänzungsmittel den Lebensfluss erhalten, und ganze Sätze im SMS-Wahn nicht mehr gefragt seien, sieht sich auch Atze überfordert. Zeit für eine Revolution, auch wenn sie nur auf sexueller Ebene stattfindet. Nach zwei Stunden versprochenem "besten Bauchmuskeltraining des Jahres" forderte das begeisterte Publikum den Evergreen unter Atzes Gags schlechthin ein: Die Geschichte vom Sohnemann, "der den Hebel nicht zieht".

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