Aller Lockerungen zum Trotz waren am Wochenende in vielen deutschen Städten Tausende Menschen auf die Straße gegangen, um gegen die Einschränkungen zu protestieren. Allein auf dem Cannstatter Wasen in Stuttgart (Foto) versammelten sich rund 5000 Menschen. FOTOS: DPA/LAACKMAN FOTOSTUDIOS MARBURG
+
Aller Lockerungen zum Trotz waren am Wochenende in vielen deutschen Städten Tausende Menschen auf die Straße gegangen, um gegen die Einschränkungen zu protestieren. Allein auf dem Cannstatter Wasen in Stuttgart (Foto) versammelten sich rund 5000 Menschen. FOTOS: DPA/LAACKMAN FOTOSTUDIOS MARBURG

"Argumente helfen schon"

  • vonGerd Chmeliczek
    schließen

Es ist eine besondere Mischung von Menschen, die sich derzeit auf Deutschlands Straßen trifft, um gegen allerlei zu protestieren: Gegen die Corona-Einschränkungen, gegen "die da oben" oder gegen Bill Gates. Woher kommt diese große Unzufriedenheit? Oder sind die Unzufriedenen nur die lautesten?

Nein, über einen Kamm scheren darf man die Demonstranten nicht. Es sind nicht ausschließlich Anhänger von kruden Ideen oder Extremisten, die auf den gerade unter Volldampf fahrenden Zug aufspringen wollen. Und nicht jede Meinung ist eine Verschwörungstheorie. Trotzdem blicken viele mit Sorge auf das, was sich derzeit auf den Straßen zusammenbraut.

Ulrich Wagner ist Professor für Sozialpsychologie an der Philipps-Universität Marburg. Er rät dazu, dringend zu differenzieren - was die Motive für den Protest angeht und auch was die Einordnung der Menschen betrifft, die derzeit ihrem Unmut Luft machen. Und er ist sich sicher: Miteinander reden ist immer eine gute Idee.

Herr Prof. Wagner, die Corona-Einschränkungen werden doch gerade gelockert. Warum zieht es trotzdem immer mehr Menschen auf die Straße?

Man hat den Eindruck, dass genau dieses größere Maß an Bewegungsfreiheit und entsprechende Gerichtsentscheidungen manchen Menschen mehr Lust zum Protestieren gemacht haben. Und das meine ich überhaupt nicht zynisch. Vorher war das verboten, jetzt darf man wieder. Zwar unter Auflagen, aber man darf.

Das ist ja eine sehr heterogene Gruppe, die da zusammenkommt...

Ja, da sind Leute aus der Umweltbewegung, Menschen, die sich sehr ernsthaft um die Grundrechte sorgen, andere mit eher merkwürdigen Ideen - und leider auch Rechtsextreme, die versuchen, diese Bewegung zu vereinnahmen. Ein Mischmasch, könnte man sagen.

Also eine Gruppe mit verschiedenen Motiven?

Niemand kennt so eine Situation wie die derzeitige Corona-Krise. Das verunsichert. Wie lange dauert das noch? Wie geht es weiter? Die Menschen suchen nach Antworten. Und die finden sie in der Regel in der Kommunikation mit anderen. Das und der Ausdruck der eigenen Unsicherheit ist ein gemeinsamer Nenner.

Aber da ist auch stellenweise viel Wut im Spiel, oder?

Emotionen allgemein werden jetzt, nach Wochen der Corona-Einschränkungen, mehr und mehr bedeutsam. Dazu gehören Wut, aber auch Angst, Enttäuschung und Ratlosigkeit. Manche Menschen sind schon stark verärgert, weil sie eine Maske tragen müssen. Wir dürfen aber nicht vergessen, dass die Einschränkungen viele Menschen wirklich schwer treffen. Menschen in Altenheimen, die isoliert sind, Familien mit Kindern in kleinen Wohnungen. Andere wissen nicht, wie es nach der Krise im Job weitergehen soll. Das sind keine Bagatellen.

Aber wir sind doch in Deutschland bislang recht glimpflich davongekommen, könnte man meinen. Zählt das nicht?

Das kommt darauf an, ob das Glas für Sie halb voll oder halb leer ist. Ist es halb voll, dann vergleicht man die Lage in Deutschland mit der in anderen Ländern, denen es weitaus schlechter geht, wie zum Beispiel Italien oder Spanien. Ist das Glas halb leer, dann drehe ich dieses Argument einfach herum: Guck mal, bei uns ist es doch eigentlich überhaupt nicht so schlimm. Was soll also dieses ganze Theater? Man stellt sich eine ideale Welt vor und vergleicht sie mit dem Ist-Zustand.

Warum konzentriert sich die Wut oft auf eine Person? Aktuell ist es ja Microsoft-Gründer Bill Gates.

Bill Gates ist eine mächtige Person, auch eine ambivalente. Er ist nicht unumstritten. Erst waren es Computer und Software, mittlerweile macht er durch die Stiftung mit seiner Frau Schlagzeilen - und wird dadurch mit der Entwicklung von Impfstoffen in Verbindung gebracht. Er ist eine schillernde Figur, um die sich Mythen ranken, die immer weitergesponnen werden. Die Gerüchte verbreiten sich als "stille Post". Sie steigern sich immer mehr. In diesem Fall ins Negative.

Ist die Unzufriedenheit in der Bevölkerung so groß, oder sind die Unzufriedenen die Lautesten?

Ich denke Letzteres. Wir sind alle nicht glücklich mit der derzeitigen Situation. Aber die Unzufriedenen artikulieren sich im Moment halt in besonderem Maße. Dazu kommt, dass in den Medien kaum ein anderes Thema als Corona vorkommt. Und deshalb finden diese Menschen auch in besonderem Maße Gehör.

Kann eine solche Bewegung gefährlich werden?

Ja, das kann sie. Es besteht ja relativ große Einigkeit darin, dass wir nach der Corona-Pandemie in eine schwere Rezession geraten werden. Und das betrifft nicht nur die großen Unternehmen und deren Aktionäre. Viele Menschen werden Einbußen beim Gehalt haben oder gar arbeitslos werden. In diesem Klima kann eine solche Bewegung noch einmal eine ganz andere Dynamik entwickeln.

Welche Rolle spielen soziale Medien?

Eine sehr große. Und dabei geht es nicht nur darum, sich inhaltlich auszutauschen, sondern vor allem darum, sich zu organisieren.

Woran erkenne ich eigentlich eine Verschwörungstheorie?

Wie dürfen nicht den Fehler machen und jede Meinung jenseits der eigenen als Verschwörungstheorie abtun. Der Übergang zwischen neuen und manchmal innovativen Ideen und destruktivem Blödsinn ist allerdings fließend. Ich erinnere daran, dass die Grünen mit einer Umweltidee groß geworden sind. Das war damals in den Augen vieler auch eine Verschwörungstheorie. Im selben Umfeld wurde am Anfang auch Greta Thunberg verortet. Und das nur, weil es etwas Neues, Quergedachtes war.

Und aktuell?

Für mich liegt eine Verschwörungstheorie vor, wenn jeder Bezug zur Realität fehlt. "Corona ist nur erfunden" - das wäre ein solches Beispiel.

Warum mögen Radikale solche Bewegungen?

Neue Protestbewegungen sind für Vertreterinnen und Vertreter extremistischer politischer Ideen besonders reizvoll. Sie mischen sich unters Volk und versuchen, ihre Ideen an den Mann oder an die Frau zu bringen. Dabei ist es dann auch relativ egal, dass ihre Ideen mit dem Thema Corona nur wenig zu tun haben. Man kommt ins Gespräch und knüpft Kontakte mit der Absicht, Werbung in eigener Sache zu machen, die Bewegung zu instrumentalisieren.

Was ist mit den wirklichen Querdenkern? Gehen die in dieser sehr heterogenen Gruppe nicht unter?

Das scheint fast so. Produktives, nach vorne gerichtetes Querdenken ist wichtig. Wir dürfen nicht vergessen, dass viele heute geschätzte gesellschaftliche Innovationen durch völlig neue Denkansätze entstanden sind, auf die vorher niemand gekommen war. Ich erinnere erneut an die Umweltbewegung, deren Ideen heute breiter Konsens sind. Aber auch hier muss man differenzieren: Man sollte auch nicht jeden Blödsinn glauben.

Wie begegne ich Menschen am besten, die hinter jeder Ecke eine Verschwörung wittern?

Am besten mit Argumenten. Gerade im Zusammenhang mit Corona können wir auf wissenschaftliche Fakten zurückgreifen, um die eigene Argumentation zu stärken. Das ist zumindest eine gute Grundlage. Man darf aber auch nicht unbedingt damit rechnen, mit dem ersten vorgetragenen Argument direkt erfolgreich zu sein. Spricht man aber länger und häufiger miteinander, besteht durchaus die Chance, das Gegenüber zu überzeugen. Man braucht viel Ausdauer.

Die nicht jeder hat...

Aus psychologischer Forschung wissen wir: Menschen neigen dazu, eher die Bestätigung zu suchen, als eine kritische Auseinandersetzung. Wenn wir mit anderen reden, wollen wir in erster Linie bestätigt bekommen, dass wir recht haben, und wir wollen oft gar nicht wissen, ob wir recht haben. Aber: Menschen sind trotzdem zumindest teil-rationale Wesen und Argumente helfen schon. Problematisch wird es, wenn Gespräche abbrechen und wenn dann der Gesprächspartner andauernd nur von Gleichgesinnten in seinen Ansichten bestärkt wird. Ein Beispiel: Extremistische Gewalttäter sind häufig in solche Überzeugungsnetzwerke eingebunden und pflegen kaum weitere Kontakte und Auseinandersetzungen. Deshalb hören und sehen sie nichts anderes als ihr extremistisches Weltbild. Ist die Kommunikation mit dem Rest der Welt erst einmal abgebrochen, dann wird es schwierig, solche Leute noch zu erreichen.

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare