Über 100 Suchterkrankte leben und arbeiten gemeinsam auf Hof Fleckenbühl. Sie bewirtschaften einen Biobauernhof. Die Arbeit und die Gemeinschaft helfen ihnen dabei, sich ein abstinentes und selbstbestimmtes Leben aufzubauen. FOTOS: DIE FLECKENBÜHLER

Am Anfang steht die Bank

"…dann bin ich verhaftet worden. Das war meine Rettung, denn sonst wäre ich heute wohl tot". Die Geschichte von Alex*, 37, geht einem durch Mark und Bein. Alex war Teil von Frankfurts Drogenmeile im Bahnhofsviertel, er war schwer abhängig, von Heroin und Kokain. Seit rund drei Monaten ist Alex nun ein "Fleckenbühler".

Zusammen mit über 100 anderen lebt Alex (*Name von der Redaktion geändert) auf dem Hofgut Fleckenbühl in der Gemeinde Cölbe (Landkreis Marburg-Biedenkopf) in einer ungewöhnlichen Wohngemeinschaft. Gemeinsam bewirtschaften sie einen Biobauernhof nach Demeter-Standard, produzieren Käse und Backwaren, bieten Büffet- und Umzugsservice an und betreiben ein Café mit Naturkostladen. Es gibt Ziegen auf dem Hof und Rinder, einen Tagungsraum und eine eigene Käserei.

Es scheint wie eine perfekte heile Welt. Doch so heil und perfekt ist die Welt der Bewohner gar nicht, denn jeder von ihnen hat eine schicksalhafte Geschichte: Alle Fleckenbühler leiden an einer Suchterkrankung. In der Einrichtung helfen sie sich gegenseitig, mit der Sucht abzuschließen und sich ein abstinentes, selbstbestimmtes und zufriedenes Leben aufzubauen. Das funktioniert nur mit eisernen Regeln: Wer sich entscheidet, Teil der Selbsthilfegemeinschaft zu werden, muss Drogen, Alkohol und auch Nikotin von jetzt auf gleich den Rücken kehren, im ersten halben Jahr herrscht außerdem Handy-Verbot.

Alex ist bereits zum zweiten Mal bei den Fleckenbühlern. 2014 kam er erstmals hierher, nachdem er straffällig geworden war und ins Gefängnis sollte. Die Fleckenbühler sind als Therapieeinrichtung im Sinne des Betäubungsmittelgesetzes anerkannt und nehmen Betroffene auf, die sich anstelle einer Freiheitsstrafe einer Drogentherapie unterziehen wollen. Alex lebte zehn Monate clean hier, dann verließ er die Gemeinschaft, heiratete, zeugte eine Tochter. Doch irgendwann wurde er rückfällig. Zusammen mit seiner Frau, die ebenfalls an einer Suchterkrankung leidet, wollte er sich mal wieder was genehmigen - ein fataler Fehler, denn die Sucht ergriff von beiden wieder Besitz. Alex erkannte später: So will ich nicht mehr leben, "ich habe ja auch Verantwortung für meine Tochter". Und so kehrte er vor einigen Monaten zurück zu den Fleckenbühlern.

Bekommt man dort denn eine zweite Chance? "Wir schicken niemanden weg", sagt Johannes Heckmann, der die Presse- und Öffentlichkeitsarbeit der Fleckenbühler betreut. Er selbst kam vor einigen Jahren als Betroffener hierher. "Schreiben Sie ruhig meinen Klarnamen und meine Geschichte. Die Sucht ist ein Teil von mir, ich stehe dazu", sagt der besonnene und aufgeschlossene junge Mann, dem man kaum glauben kann, dass er ein Suchtproblem haben könnte.

Heckmann ist das beste Beispiel dafür, dass eine Suchterkrankung jeden treffen kann. "Ich komme aus einer gut situierten Familie, meine Eltern waren beide Lehrer." Heckmann hat studiert, lebte dann längere Zeit in Berlin, war dort mit einem Skate-Laden selbstständig. Wie es passieren konnte, dass er immer stärker in die Kokainabhängigkeit rutschte, das kann er selbst nicht sagen: "Ich hatte alles."

Irgendwann hatte er nichts mehr: Keine Struktur, keinen Laden, keine Freundin. Nur noch die Droge. "Als ich hierher kam, hatte ich noch nicht einmal eine Krankenversicherung, weil ich die nicht mehr bezahlen konnte." Seine Mutter war es, die ihn auf die Fleckenbühler aufmerksam machte. Und so landete Heckmann auf "der Bank". Die Bank steht in der Aufnahme der Fleckenbühler, bei der man sich rund um die Uhr melden und um Aufnahme bitten kann. "Hier sitzt man, wenn man kommt, und auch, wenn man wieder geht", erklärt Johannes Heckmann.

Im Aufnahmehaus bleibt man zunächst, bis man nüchtern ist - es gibt Gruppenzimmer, in denen man schlafen kann, auch gespendete Klamotten stehen zur Verfügung: "Viele, die bei uns landen, kommen mit nichts", weiß der Presseverantwortliche. Sind die Neuankömmlinge erst mal nüchtern, gilt hundertprozentige Abstinenz von allen Suchtmitteln - anders geht es nicht.

Anders als andere Einrichtungen, sind die Fleckenbühler aber keine Entzugsklinik. Hier gibt es Hilfe zur Selbsthilfe, aber keine Ärzte, keine Therapeuten und keine Psychologen. "Hier hast du lauter Betroffene", sagt Alex, "die wissen genau, was in dir vorgeht. Denen kannst du auch nichts vormachen, wenn du den ganzen Tag hier in der Gemeinschaft bist. Zu einem Therapeuten gehst du einmal die Woche, erzählst dem irgendwas, was der hören will, und machst weiter wie bisher", sagt er. Lügen und Scheinwelten aufzubauen, das gehört für Menschen mit Suchtproblemen zum Alltag. "Irgendwann regiert dich die Sucht. Du bist nur noch auf der Suche nach Stoff. Alles andere ist einfach weggeblendet."

"Hier hat jeder sein Päckchen zu tragen", sagt er mit Blick auf die Gruppe, "die Leute verstehen, was du durchmachst, und verurteilen dich nicht." Einen Rat hat er jedoch: "Wer einen harten Entzug vor sich hat, dem empfehle ich, vorher eine Entgiftung zu machen." Ein harter Entzug liegt jenseits der Vorstellungskraft der meisten. "Das ist wie eine schlimme Grippe, mit Magen-Darm-Virus und allem zusammen", sagt der 37-Jährige. Alex ist heute gesund: "Ich habe wieder gute Werte. Hätte ich so weitergemacht, hätte meine Leber oder ein anderes Organ irgendwann versagt". Das Leben in der Gemeinschaft gibt dem jungen Vater Halt - und Struktur.

Der Tagesablauf ist für jeden klar geregelt. Die Mahlzeiten werden zusammen eingenommen. Neuankömmlinge bekommen zunächst kleinere Aufgaben im Haushalt, um sie an das Thema Arbeit heranzuführen - sie müssen Putzen oder haben Küchendienst. Nach einigen Wochen können sie in die verschiedenen Arbeitsbereiche auf dem Hof in einem zweiwöchigen Praktikum hineinschnuppern - sie arbeiten im Stall, in der Käserei, in der Küche, beim Umzugsunternehmen oder auch in der Verwaltung. Ziel ist es, die Menschen, die oft ohne Ausbildung dastehen, zu qualifizieren und in den Beruf zu bringen. Derzeit sind an den Standorten - die Fleckenbühler betreiben ein weiteres Haus in Frankfurt und eine Jugendhilfeeinrichtung in Leimbach - Ausbildungen in rund zwölf Berufen möglich.

Alex arbeitet derzeit im Umzugsunternehmen. Zweimal die Woche geht er mit anderen aus der Gemeinschaft zum Fußballspielen beim örtlichen Verein - allerdings nicht alleine, denn in der ersten Zeit dürfen die Bewohner nicht alleine Außenkontakte pflegen. Alex will irgendwann wieder ausziehen und sich um seine Tochter kümmern, die derzeit bei seiner Schwiegermutter aufwächst. Regelmäßig bekommt er von der Kleinen Besuch, dann zeigt er ihr auch die Tiere auf dem Hof - die kleinen Kälbchen und Zicklein, die jetzt im Frühjahr zur Welt kommen, sind eine echte Augenweide.

Alex hofft, dass auch seine Frau einsehen wird, dass sie Hilfe braucht. "Ich würde mir wünschen, sie käme hierher." Er hat beschlossen, diesmal länger zu bleiben, damit er nicht wieder rückfällig wird. "Beim letzten Mal bin ich zu früh gegangen." Die Sucht sei etwas, das immer da bleibe - erst neulich habe allein der Blick auf die Frankfurter Skyline massives Kopfkino bei ihm ausgelöst. "Das muss man sofort durchbrechen. Ich denke dann immer an meine Tochter."

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