Valerie A. Schury Sozialpsychologin
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Valerie A. Schury Sozialpsychologin

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  • Annette Spiller
    vonAnnette Spiller
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Normalität war gestern. Um es mit ein paar schon fast gängigen Anglizismen zu sagen: Homeschooling, Homeoffice, Homestory. Unser Tag findet, soweit möglich, daheim statt. Das rückt unser Zusammenleben ganz neu in den Fokus. Sozialpsychologin Valerie A. Schury von der Universität Gießen blickt mit uns auf Stressfaktoren und Chancen der häuslichen Gemeinschaft in Corona-Zeiten.

Wie oft wünschen wir uns mehr Zeit mit der Familie. Jetzt haben wir sie. Aber so haben wir uns das nicht vorgestellt, oder?

Nein, sicher nicht. Wenn wir sagen, dass wir uns mehr Zeit mit der Familie wünschen, dann wünschen wir uns damit gleichzeitig meist auch die Gelegenheit, diese Zeit mit gemeinsamen Unternehmungen wie einem Ausflug, einem Besuch im Kino oder einem Urlaub verbringen zu können. Das ist momentan nicht möglich. Wir denken dabei auch eher an einen fest definierten Zeitraum wie einen Spieleabend pro Woche, nicht an sieben Spieleabende die Woche. Oder an einen auf zwei Wochen begrenzten Familienurlaub, nicht an gemeinsam zu Hause bleiben über einen unabsehbaren Zeitraum.

Ständig zusammen zu sein kennen wir ja sonst meist nur vom Urlaub. Und nicht selten brechen gerade dann unterschwellige Konflikte auf. Ist die Situation jetzt vergleichbar?

Der gemeinsame Nenner ist hier, dass man sowohl im Urlaub als auch in der jetzigen Situation als Familie deutlich mehr Zeit als gewöhnlich miteinander verbringt. Da fällt uns schon mal eher auf, was uns an anderen Familienmitgliedern stört. Zusätzlich können sich jetzt weitere Konfliktanlässe herausbilden - beispielsweise, wer wann für die Betreuung der Kinder zuständig ist. Hinzu kommt, dass gewohnte Strategien im Umgang mit Konflikten jetzt nur eingeschränkt zur Verfügung stehen. Man kann sich schlechter aus dem Weg gehen, weil die gewohnten Ablenkungsmöglichkeiten wie ein Besuch im Fitnessstudio oder ein Treffen mit Freunden nicht zur Verfügung stehen. Das kann dazu führen, dass es mehr oder intensiver Streit gibt als bisher.

Was stresst uns besonders an unserem neuen Alltag?

Da kommen mehrere Aspekte zusammen. Bei Stress fällt es uns schwerer, Verständnis für andere zu zeigen oder nachsichtig zu sein. Sicherlich spielt eine große Rolle, dass wir in unserem Alltag weniger selbstbestimmt sind, vor allem, was das Pflegen sozialer Kontakte und das Gestalten der eigenen Freizeit angeht. Ein viel grundlegenderer Stressauslöser ist aber, dass viele Familien ihren Alltag jetzt erst mal neu organisieren müssen. Dazukommen weitere Dinge wie beispielsweise finanzielle Sorgen und/oder Ängste um die eigene Gesundheit und die uns nahestehender Personen. Zusätzlich stresst uns die Ungewissheit, wie lange dieser Zustand noch anhalten wird.

Es kursieren ja im Moment viele Witze à la "Habe mich heute mit meiner Frau unterhalten. Sie scheint ganz nett zu sein". Was sagt das über uns aus?

Dieser Witz spielt darauf an, dass wir uns im normalen Alltag zu wenig Zeit für unsere Partner oder Familien nehmen. Jetzt verbringen Paare und Familien plötzlich gezwungenermaßen mehr Zeit zu Hause und beginnen wahrscheinlich, sich vermehrt miteinander zu beschäftigen. Das bietet allen Parteien tatsächlich auch die Möglichkeit, sich besser oder sogar noch einmal neue Seiten voneinander kennenzulernen. Inwieweit der Ausbruch des Coronavirus und die sich daraus ergebenden Konsequenzen den familiären, aber auch den zwischenmenschlichen Zusammenhalt zwischen Freunden und Nachbarn stärken, untersuchen wir derzeit an der JLU Gießen in einer großen Studie in enger Kooperation mit vielen Kollegen aus dem In- und Ausland.

Was macht das mit unseren gewohnten Rollen?

Wenn Eltern und Kinder sich plötzlich in den Rollen Lehrer/Schüler wiederfinden, erleben alle Parteien sich selbst und andere neu. Eine besondere Herausforderung ist es, wenn man nicht mehr wie bisher vormittags die Rolle "Berufstätiger" und nach Feierabend die Rolle "Elternteil" einnimmt, sondern im Homeoffice gegebenenfalls zeitgleich beide Rollen erfüllen muss. Da merkt man schnell: Ich kann nicht alle Erwartungen, die mein Beruf und die Betreuung der Kinder stellt, zeitgleich erfüllen. Unsere Partner und/oder Kinder in anderen Rollen zu sehen, kann aber auch positiv sein. Man kann andere Seiten kennenlernen oder Stärken entdecken, die einem sonst vielleicht verborgen geblieben wären.

Was können Eltern tun, wenn ihre Nerven immer mehr blank liegen im Umgang mit ihren womöglich dauernörgelnden Kindern?

Wichtig ist: Bei Konflikten eine Streitpause zu vereinbaren. Dadurch gewinnen wir Abstand und es fällt uns leichter, den Konflikt sachlich statt emotional zu bewerten. Wir können dann eher erkennen, ob und wenn ja wie der Konfliktauslöser behoben werden kann. Mit kühlem Kopf gelingt es uns auch leichter, Kritik anzunehmen oder eigene Fehler einzusehen. Es hilft, sich bewusst zu machen, dass es mit Sicherheit vielen Familien aktuell genauso geht - und man sich nicht schlecht fühlen muss, weil man vermeintlich das einzige entnervte Elternteil mit nörgelnden Kindern ist. Wichtig ist, gemeinsam über den Ärger zu sprechen und zu überlegen, wie man am besten akut damit umgehen kann und wodurch er eigentlich konkret ausgelöst wurde. In den meisten Fällen gibt es mit ein wenig Kreativität eine Lösung.

Wie können Eltern ihren Kindern jetzt helfen, mit der neuen Struktur daheim zurechtzukommen?

Jedes Familienmitglied hat verschiedene Aufgaben und Bedürfnisse. Zielführend ist es, diese miteinander zu besprechen und gemeinsam einen Plan zu erstellen, wie man das für alle Familienmitglieder unter einen Hut bringen und umsetzen kann. Um unseren Alltag zu strukturieren, brauchen wir Routinen. Wenn wir morgens wissen, wie der Tag in etwa ablaufen wird, gibt das nicht nur den Kindern, sondern auch uns Erwachsenen Sicherheit - und das reduziert Stress. Arbeits-, Lern-, Schlafens- und Mahlzeiten sollten wie bisher eingehalten und möglichst wenig verändert werden. Wer normalerweise morgens um 8 Uhr mit der Arbeit beginnt, sollte das auch im Homeoffice tun. Auch für Zeitfenster, in denen die Familienmitglieder jetzt auf einmal ungewohnterweise zu Hause sind - etwa, weil Wegstrecken zur Arbeit und wieder nach Hause entfallen oder weil Freizeitaktivitäten pausieren müssen - sollte man sich vorab Tätigkeiten überlegen.

Teenager sind bestimmt nicht sehr erpicht darauf, ständig mit ihren Eltern statt mit ihren Freunden zusammen zu sein...

Teenager brauchen ihre Freiräume, und die sollten sie auch jetzt weiterhin bekommen. Wenn man erwartet, dass Jugendliche jetzt auf einmal ihre gesamte Freizeit mit der Familie verbringen, ist Streit programmiert. Auf Austausch mit Freunden muss aber niemand verzichten, man muss sich jetzt eben zum Beispiel zum Videoanruf verabreden. Aber auch hier gilt die Empfehlung, einen geregelten Tagesablauf einzuhalten. Dadurch ergibt sich die Möglichkeit, jeweils am Alltag der anderen Familienmitglieder teilzuhaben: Jugendliche, die ihre Freizeit sonst im Sportverein verbringen würden, können sich gemeinsam mit den Eltern oder Geschwistern sportlich betätigen. Eltern können sich nicht nur berichten lassen, welches Computerspiel gerade für Begeisterung sorgt, sondern sich das zeigen lassen und gemeinsam spielen.

Kommen wir zum Spaß an der Freude. Was stärkt unser Zusammenleben?

Ein harmonisches, friedliches Zusammenleben ist ein gemeinsames Ziel, das nur erreicht werden kann, wenn alle Beteiligten aktiv mitarbeiten und sich dabei gegenseitig unterstützen. Gemeinsam Zeit miteinander zu verbringen und Schönes zu erleben, baut Stress ab. Beides ist vor allem in Krisenzeiten wichtig. "Familienzeit" heißt übrigens nicht nur, dass die ganze Familie gleichzeitig Zeit miteinander verbringen muss. Exklusivzeiten zwischen Kindern und nur einem Elternteil, nur unter Geschwistern oder als Elternpaar zu verbringen sind meist einfacher umzusetzen und genauso nötig. Ganz wichtig ist übrigens auch: Viel und - wenn auch aktuell mit räumlichem Abstand zueinander - möglichst mit anderen Menschen zu lachen!

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