Pragmatiker: Ärztekammerpräsident Edgar Pinkowski plädiert dafür, die auf Eindämmung ausgerichtete Strategie um den Schutz gefährdeter Gruppen zu ergänzen. FOTO: PETER JÜLICH
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Pragmatiker: Ärztekammerpräsident Edgar Pinkowski plädiert dafür, die auf Eindämmung ausgerichtete Strategie um den Schutz gefährdeter Gruppen zu ergänzen. FOTO: PETER JÜLICH

"Akzeptanz ist das Wichtigste"

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Ärztekammerpräsident Edgar Pinkowski hält nichts von Panikmache angesichts der steigenden Corona-Zahlen. Er plädiert für pragmatische Lösungen und sagt: "Viele Leute werden grundlos in Quarantäne geschickt."

Die Landesärztekammer Hessen residiert in der Hanauer Landstraße in Frankfurt. Die Stadt ist Corona-Hotspot, Soldaten helfen bei der Suche von Kontaktpersonen. Präsident Edgar Pinkowski plädiert dafür, den Schutz der Risikogruppen stärker in den Fokus zu nehmen.

Herr Pinkowski, wo stehen wir im beginnenden Corona-Herbst?

Das Virus ist nicht auf die leichte Schulter zu nehmen. Doch es wird uns über Jahre begleiten. Deshalb müssen die Schutzmaßnahmen so pragmatisch und vernünftig sein, dass sie von der Bevölkerung akzeptiert und eingehalten werden können. Akzeptanz ist das Wichtigste. Dazu gehört auch, nicht permanent seine Strategie zu ändern. Und auch nicht, aus medizinischer Sicht unlogische Maßnahmen zu ergreifen.

Was sind unlogische Maßnahmen?

Maskenpflicht im Freien, zum Beispiel. Oder das Beherbergungsverbot. Man kann Deutschland nicht über einen Kamm scheren, muss auch innerhalb der Bundesländer die Lage individuell beurteilen. Aber wenn jetzt wieder der Blick auf die reinen Infektionszahlen fällt, wird erneut Panik geschürt und wir haben das gleiche Problem wie im Frühjahr. Bei der normalen Grippe haben wir auch nicht anlasslos getestet. Auch da wissen wir nicht, wie viele Leute asymptomatische Virusträger waren oder sind. Wir testen jetzt viele, viele Leute und finden deshalb auch mehr Virusträger. Wir wissen aber nicht, ob sie falsch positiv sind oder wirklich infektiös. Viele Leute werden in Quarantäne geschickt, obwohl nichts passiert, wenn sie Mund-Nase-Schutz tragen und Abstand halten.

Was ist sinnvoll?

Wenn man seriös und vernünftig für den Bürger verständliche akzeptable Handlungsempfehlungen aufstellt und sie auch durchsetzt. Und nicht so lange zögert, bis man einschreitet. So wie das bei den wilden Freiluftpartys oder illegalen Clubpartys war. Die AHA-Regel ist sinnvoll, lüften auch. Wir können uns keinen zweiten Lockdown leisten.

Zurück zum Zustand von April - wäre das nicht die beste Strategie, um das Virus einzudämmen?

Nein. Wir werden viele Kollateralschäden durch den Lockdown erst in den nächsten Jahren sehen. Was Bildung angeht, die soziale Isolation der Alten. Im schlimmsten Fall wird es keinen Impfstoff geben und Corona begleitet uns über eine lange Zeit. Man müsste das soziale und öffentliche Leben so lange runterfahren, um die Zahl zu halten. Die Wirtschaft muss laufen. Irgendwoher muss ja auch das Geld für die Unterstützung jener kommen, die besonders unter den Maßnahmen leiden. Deshalb ist der bislang nur auf die sogenannte Containment-Strategie ausgerichtete Fokus nicht mehr alleine zielführend.

Sie stimmen dem Leiter des Frankfurter Gesundheitsamts, René Gottschalk, und seiner Ex-Stellvertreterin Ursel Heudorf zu? Die beiden sehen die Zeit gekommen, die Kräfte auf die Erkrankten und Risikogruppen zu konzentrieren und die asymptomatisch Infizierten zu vernachlässigen?

Ja. Wir müssen die bisherige allein auf Eindämmung ausgerichtete Strategie endlich um die Strategie der Protektion, das heißt des Schutzes der vulnerablen Gruppen ergänzen. Gott sei Dank verlaufen die meisten Infektionen im Moment ganz harmlos und viele würden davon gar nichts merken, wenn sie nicht getestet würden. Es handelt sich nicht um ein Ebolavirus und auch kein Norovirus. Es ist ein Coronavirus. Um pragmatische Maßnahmen auszuarbeiten, braucht man die Experten des öffentlichen Gesundheitsdienstes. Ab einer gewissen Zahl von Infizierten wird es immer schwieriger für die Gesundheitsämter, die Eindämmungsstrategie, das Containment, vollständig verfolgen zu können. Dann sollten die Entdeckung und Verfolgung von Infektionsclustern vorrangig erfolgen.

Schutz der Risikogruppen? Sollen die Altenheime wieder dichtgemacht werden?

Auf keinen Fall. Es darf nicht wieder zum Wegsperren der Alten kommen, wie im Frühjahr. Obwohl die entsprechende hessische Verordnung längst aufgehoben ist, machen das manche Altenheime immer noch. Das geht so weit, dass den Bewohnern noch nicht einmal die gemeinsame Mahlzeit ermöglicht wird. Die haben Einzelhaft in ihrem Zimmer.

Was ist die Alternative?

Das Umdenken in der Politik hat ja schon begonnen. Personal in den Heimen muss regelmäßig getestet werden. Das geht nur mit dem Schnelltest, die PCR-Tests dauern ja in der Regel schon 48 Stunden. Das war ja das Absurde mit dem Beherbergungsverbot. Da braucht man das Laborsystem nicht zu belasten, denn das Ergebnis ist wertlos für meine Reise. Alles ist endlich. Daran muss man die Teststrategie anpassen, um gut über den Winter zu kommen. Auch das medizinische Personal muss getestete werden, die Physiotherapeuten.

Die Folgeschäden betreffen nicht nur die Alten. Nicht wenige meiden aus Angst vor Ansteckung und Besuchsverboten noch jetzt die Krankenhäuser. Kommt da noch was auf uns zu in den nächsten Jahren?

Mit Sicherheit. Wenn jetzt wieder Panik geschürt wird, werden wieder notwendige medizinische Eingriffe verschoben, weil die Leute Angst haben, isoliert und alleine zu sein. Das Besuchsverbot wird auch jetzt noch ganz unterschiedlich von den Krankenhäusern gehandhabt. Auch da könnte man pragmatischer agieren.

Die Landesärztekammer sitzt als beratendes Mitglied im Krisenstab der Landesregierung. Kommen Sie mit solchen Argumenten dort nicht an?

Ich nenne die Argumente. Die andere Frage ist, ob sie gehört und umgesetzt werden.

Aktuell wird viel über die Grippeimpfung gesprochen. Eine Influenza in Kombination mit Corona kann sehr gefährlich sein. Freuen Sie sich über diesen Boom?

Bedingt. Wir machen mit dem Stadtgesundheitsamt Frankfurt und der Kassenärztlichen Vereinigung Hessen eine Impfkampagne. Darin definieren wir klar, wer sich möglichst impfen lassen sollte: Menschen aus Risikogruppen und die viel mit Menschen in Kontakt kommen - in Kindergarten, Schulen oder Kliniken. Wir werben nicht dafür, dass jeder sich impfen lassen soll. Das macht keinen Sinn, weil es nicht so viel Impfstoff gibt. Wenn gewisse Krankenkassen jetzt sämtliche Mitglieder dazu auffordern, ist das reines Marketing. Das ist kontraproduktiv, weil es dann jener Gruppe fehlt, für die die Ständige Impfkommission des Robert-Koch-Instituts es empfiehlt. Es gibt nicht die Möglichkeit der Nachproduktion des Impfstoffes. Jeder Arzt sollte sich dessen bewusst sein. Für die Kollegen ist es jetzt schwierig. Es kostet Zeit, den Patienten diese Zusammenhänge zu erklären.

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