Viel Hin und Her: Schulen müssen ständig auf veränderte Regelungen in der Corona-Pandemie reagieren. FOTO: DPA/PRIVAT
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Viel Hin und Her: Schulen müssen ständig auf veränderte Regelungen in der Corona-Pandemie reagieren. FOTO: DPA/PRIVAT

Ärger über "blinden Aktionismus"

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Wenn Stefan Wesselmann kurz vor den Weihnachtsferien nach der Stimmung an den durch die Corona-Maßnahmen besonders gebeutelten Schulen befragt wird, fallen schnell Bezeichnungen wie "Galgenhumor", "am Anschlag" oder "nur schwer zu ertragen". Der Landesvorsitzende des Lehrerverbandes sagt im Interview, das größte Ärgernis sei das ständige Hin und Her.

Stefan Wesselmann, Leiter der Trinkborn-Schule in Rödermark und Landesvorsitzende des Verbandes Bildung und Erziehung (VBE) in Hessen beklagt "blinden Aktionismus":

Herr Wesselmann, was halten Sie von den neuen Regeln für Schulen, die Bund und Länder beschlossen haben?

Es ist bezeichnend für die Zeit und das Handeln der politisch Verantwortlichen: In der letzten Woche hat unser Kultusminister den flächendeckenden Wechselunterricht noch kategorisch ausgeschlossen. Nur ein paar Tage später wurde jetzt das Aussetzen der verpflichtenden Teilnahme am Präsenzunterricht beschlossen und verkündet. In seinem Schreiben teilt Kultusminister Alexander Lorz gleichzeitig mit, dass ein Wechselunterricht in der Zeit ausgeschlossen ist. Weitsichtiges Handeln sieht aus unserer Sicht anders aus.

Schulen werden auch nach den Weihnachtsferien hart von den Corona-Einschnitten getroffen. Wie ist die Stimmung bei den Lehrern?

Da, wo die Stimmung gut ist, handelt es sich in der Regel um Galgenhumor. Die Kolleginnen und Kollegen sind aufgerieben von all den Unsicherheiten, Unwägbarkeiten und der kaum vorhandenen Planbarkeit in den letzten Monaten, im Dienstlichen wie im Privaten. Das größte Ärgernis ist dabei das ständige Hin und Her der umzusetzenden Vorgaben und die mangelhafte Abstimmung zwischen Gesundheitsämtern, Schulträgern und Staatlichen Schulämtern.

Was kritisieren Lehrkräfte besonders?

Was uns alle besonders belastet, ist die Tatsache, dass die Politik den Präsenzunterricht für alle wie eine Monstranz vor sich herträgt und dabei zum Beispiel die Empfehlungen des Robert-Koch-Instituts - ab einer Inzidenz von 50 die Gruppen zu teilen - und damit die Gesundheit aller Beteiligten hinten anstellt. Wir Lehrkräfte wissen natürlich genau, dass das Distanzlernen den Präsenzunterricht nicht ersetzen kann und es viele benachteiligte Kinder und Jugendliche gibt. Aber deshalb bei der Fürsorge gravierende Abstriche zu machen, das ist für viele nur schwer zu ertragen.

Auf welche Stellschrauben kommt es jetzt an - was sollte sich unbedingt an den Schulen ändern?

Wichtige Themenfelder sind der Schutz aller Beteiligten, Verlässlichkeit in Maßnahmen, Unterstützung der Schulen und durchdachtes Vorgehen durch Schulträger und Bildungsverwaltung. Vor Kurzem wurde ja vom Kultusminister erklärt, dass zum Schutz aller Beteiligten ab einer Inzidenz von 200 Wechselunterricht stattfinden werde. Allerdings wurde auch da gleich wieder eingeschränkt, dass das individuell entschieden werden müsse.

Der VBE fordert doch schon seit längerer Zeit, dass es klarer Richtwerte und Vorgaben bedarf, wann wer was entscheidet.

Genau! Richtwerte an sich sind ja nutzlos, wenn sie nach Belieben oder politischen Interessen ständig ausgedehnt werden. Auch muss es einheitliche Kriterien geben, nach denen Gesundheitsämter im Umgang mit positiv Infizierten oder Verdachtsfällen an Schulen entscheiden, statt eines nicht nachvollziehbaren Flickenteppichs. Außerdem benötigen die Schulen Unterstützung, nicht nur, aber besonders mit Blick auf die mangelnde digitale Infrastruktur. Wir erleben das eher als zusätzliche Belastung. Die Notebooks für Schüler, die diese für das Distanzlernen dringend benötigen, werden einfach an der Schule abgeladen. Um Kriterien der Verteilung und die Ausleihe müssen sich die Schulen selbst kümmern. Das Land Hessen betreibt mit den Schulträgern gemeinsam Medienzentren, die dafür prädestiniert wären. Stattdessen bekommen die Schulen wieder neue Aufgaben. Auch hier: blinder Aktionismus statt durchdachtem Vorgehen. Den Vogel hat dabei der Kreis Offenbach abgeschossen. Hier wurden die Notebooks ohne jeglichen Schutz an den Schulen abgeladen. Eltern unterschreiben den sorgfältigen Umgang mit den Geräten, die Kinder transportieren das Gerät dann zwischen Leberwurstbrot und Trinkflasche im Ranzen.

Viele Kinder haben zu Hause keine guten Bedingungen zum Lernen. Und viele Mütter und Väter können sie beim Lernen nicht unterstützen. Wird es ein Schuljahr, das langfristig mit massiven Rückschlägen in der Bildung verbunden bleibt?

Da sprechen Sie ein ständiges Dilemma an, in dem wir uns befinden: Einerseits sehen wir, dass der Gesundheitsschutz Wechselunterricht erfordert, auf der anderen Seite wissen wir, was das für viele bedeutet. Wir wissen schon lange um die ungleich verteilten Bildungschancen unserer Schüler. Die Schulschließungen ab März haben deutlich gezeigt, dass im Distanzlernen die Schere zwischen den begabten und geförderten Kindern und Jugendlichen auf der einen Seite und den benachteiligten auf der anderen noch deutlich weiter auseinandergeht. Die digitalen Endgeräte, die vielen jetzt zur Verfügung gestellt werden können, werden das Problem nicht lösen, wenn die häusliche Situation schwierig ist und Unterstützung beim Lernen fehlt. Gerade hier besteht natürlich die besondere Gefahr für massive Rückschläge und einen negativen Einfluss auf Beruf und Leben. Aber es bedeutet nicht für eine ganze Generation den Untergang des Abendlandes! Die Generation meiner Eltern hat bei der Umstellung des Schuljahresbeginns von Ostern auf August in den 1960er Jahren zwei Kurzschuljahre von jeweils acht Monaten erlebt - und aus ihnen ist auch etwas geworden.

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