Adebar stakst schon wieder SERIE

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Wer derzeit in den Wiesen und der Ackerlandschaft der Ohmaue, der Wieseck- oder Lahnaue oder im Bereich der Horloffaue unterwegs ist, traut seinen Augen nicht. Allein, paarweise, manchmal gar zu neunt sind dort Weißstörche in der Landschaft unterwegs. Jedes Kind weiß aber doch, dass Störche im Winter "in den Süden" fliegen – wie sind dann solche Beobachtungen zu erklären?

Wer derzeit in den Wiesen und der Ackerlandschaft der Ohmaue, der Wieseck- oder Lahnaue oder im Bereich der Horloffaue unterwegs ist, traut seinen Augen nicht. Allein, paarweise, manchmal gar zu neunt sind dort Weißstörche in der Landschaft unterwegs. Jedes Kind weiß aber doch, dass Störche im Winter "in den Süden" fliegen – wie sind dann solche Beobachtungen zu erklären?

Diese winterlichen Weißstörche sind ein besonders auffälliges, weithin sichtbares Zeichen des Klimawandels. Die zunehmend milderen Winter eröffnen ihnen und auch anderen Zugvögeln die Möglichkeit, länger hier zu bleiben, da sie nun auch in den Wintermonaten ausreichend Nahrung vorfinden. Während bei den meisten anderen Vogelarten nur Einzeltiere die Überwinterung in unseren Breiten riskieren, handelt es sich bei den Störchen um eine gut dokumentierte Entwicklung, an der in Südwestdeutschland und Nordfrankreich mittlerweile schon einige Hundert Vögel beteiligt sind.

Ausgang der Entwicklung sind die Storchenvorkommen im klimatisch besonders begünstigten Rheingraben, wo schon seit vielen Jahren zunächst einzelne, dann immer mehr Störche den Winter verbrachten. In den letzten Jahren hat sich dieses Verhalten auf die Wetterau und zuletzt auch auf die Brutstörche in Mittelhessen ausgedehnt. Dafür ausschlaggebend ist der in diesem Winter bisher sehr milde Witterungsverlauf und die im Vergleich zu den letzten Jahren bessere Nahrungssituation durch das stärkere Auftreten von Feldmäusen, einer Lieblingsnahrung der Störche. Auch mögen die zahlreichen überfluteten Auengebiete besonders attraktiv wirken und eine hohe Anziehungskraft auf die Tiere besitzen. Durch die Beringung vieler Weißstörche konnte inzwischen wissenschaftlich eindeutig belegt werden, dass es sich bei den überwinternden Störchen keineswegs um freigelassene Tiere aus Volieren handelt. Im Gegenteil: Beobachtungen stets derselben beringten Tiere zeigen, dass die Entwicklung ihren Ursprung in Spanien nahm.

Füttern wäre falsch

Dort haben sich die Störche in Reisfeldern und auf Mülldeponien neue Nahrungsquellen erschlossen, woraufhin viele nicht mehr zum Überwintern nach Westafrika weitergezogen sind. Beringte Störche, die als Jungvögel in Spanien überwintert hatten, verbrachten mit zunehmendem Alter und damit auch zunehmender Erfahrung bei der Nahrungssuche den Winter immer weiter nördlich. Zuerst in Süd-, dann in Mittelfrankreich und zuletzt im Rheingebiet.

Der Grund dafür ist leicht auszumachen: Je näher am Brutgebiet die Überwinterung gelingt, desto kürzer ist der Rückweg zum Nest. Und wer zuerst im Brutgebiet eintrifft, kann die besten Nester besetzen, die fittesten Weibchen für sich gewinnen und die meisten Jungvögel aufziehen. Aus Storchensicht ist der Druck daher groß, sich den überwinternden Artgenossen in unseren Breiten anzuschließen – was nützt ein warmes Urlaubsquartier, wenn bei der Rückkehr das eigene Heim in andere Hände gegangen ist?

Dabei bleiben die großen Vögel aber spontan und flexibel genug, um bei Wintereinbrüchen oder Versiegen der Nahrungsquellen doch noch Richtung Süden abzuziehen, zumal der Weg zum Rhein nicht weit ist. So hat sich in Süd- und Mittelhessen bei Kälteeinbrüchen noch im Dezember gezeigt, dass ein kurzfristiger Abzug für nur wenige Tage oder Wochen stattfindet, die Tiere aber mit Wetterbesserung sofort zurückkehren. Dieses Verhalten ist eigentlich typisch für sogenannte Kurzstreckenzieher, also Arten wie die Bachstelze, die Singdrossel oder Heckenbraunelle, die aktuell alle ebenfalls an einzelnen Stellen in unseren Kreisen überwintern. Es ist daher nicht zu befürchten, dass die Weißstörche umkommen könnten oder gar eine Fütterung nötig wäre. Im Gegenteil: Eine Fütterung wäre genau der falsche Weg, weil den Vögeln damit ihre Flexibilität im Verhalten genommen würde.

Aktuell halten sich in ganz Hessen rund 100 bis 150 Weißstörche auf. In den mittelhessischen Kreisen außerhalb der Wetterau sind es aktuell etwa 20 Störche, die sich zumeist in überfluteten Auen und in der Nähe ihrer letztjährigen Horste aufhalten.

Stefan Stübing und Matthias Korn

Singen, fliegen, Nester bauen: In loser Folge stellen wir seltene und weniger seltene Vogelarten aus unserer Heimat vor.

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