Handy-Nutzung

Abkehr von Smartphones?

  • vonDPA
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Nachrichten schreiben, Fotos schießen, »daddeln« – Smartphones sind ständig überall. Der Umgang mit den Handys wird sich künftig ändern, sind Zukunftsforscher überzeugt.

In der Schule, in der Sauna und in mancher Arztpraxis sind Smartphones verboten. In Bussen und Bahnen, Theatern und Kirchen ist ein dezenter Umgang erwünscht. In manchem Restaurant sind Mobiltelefone als schlechter Stil verpönt, im Freibad und auch in der Wahlkabine bei der Bundestagswahl dürfen sie nicht zum Fotografieren und Filmen genutzt werden. Gesellschaftliche Trendsetter hätten die ständige »Daddelei« aber längst eingestellt und gingen achtsam und reflektiert mit ihren elektronischen Geräten um, sagt Zukunftsforscher Andreas Steinle.

Zugleich greifen immer mehr Menschen in allen Lebenslagen zum Handy – auch am Steuer, in der Umkleidekabine, beim Rendezvous oder im Kino. Steinle, Geschäftsführer der Zukunftsinstitut Workshop GmbH in Liederbach bei Frankfurt, spricht von einer »merkwürdigen Gleichzeitigkeit« zweier Entwicklungen. Er ist aber überzeugt, dass sich in den nächsten Jahren der bewusste, achtsame Umgang mit dem Smartphone durchsetzt. Dieser werde als sozial erstrebenswert sowie als Ausdruck von Respekt und gutem Stil gelten. Forscher wie Steinle und Matthias Horx sprechen von »Omline« – in Anlehnung an die Meditationssilbe »Om«.

Zu diesem Wandel werde auch die Generation »Z» (Jahrgänge ab 1995 oder 2000 bis 2015 – je nach Definition) beitragen, ist Steinle überzeugt. Sie sei anders als die digitalen Natives der Generation »Y» (1980 bis 1999 geboren) wieder an Struktur interessiert und wolle Arbeit, Freizeit, Privates, on- und offline nicht mehr so vermischen.

Permanent abgelenkt »Die Leute sind zu abgelenkt«, sagt Steinle. Der permanente Blick auf das Handy führe zu Stressempfinden und tue den Nutzern auf Dauer nicht gut. Dazu hat der Forscher Zahlen parat: Durchschnittlich alle 18 Minuten schaue ein Handybesitzer auf sein Gerät. Um einen komplexen Sachverhalt voll zu erfassen und sich darauf einzustellen, brauche er aber 20 Minuten.

Intensive Handy-Nutzer nerven oft ihre Mitmenschen. Viele Bus- und Bahnfahrer etwa fühlen sich von telefonierenden Fahrgästen belästigt und empfinden die öffentlich gemachten Privat- oder Dienstgespräche als schlechten Stil. »In der Praxis funktioniert es, dass die Fahrgäste untereinander Rücksicht üben«, meint der Sprecher des Rhein-Main-Verkehrsverbunds (RMV), Sven Hirschler. »Wenn dann mal jemand zu laut telefoniert, weisen ihn die anderen Fahrgäste darauf hin, dass dies stört.« Fahrer oder Sicherheitspersonal könnten die lauten Telefonierer ebenfalls bitten, dies zu unterlassen. Wenn sie trotzdem weiter stören, dürften sie auf Grundlage der Beförderungsbedingungen des Zuges oder Busses verwiesen werden.

Auch in Gerichtssälen sorgen Handyfotos oder Mitschnitte gelegentlich für Ärger. Grundsätzlich sind die Geräte während einer Verhandlung zwar erlaubt. Allerdings kann der Sitzungsleiter im Rahmen seines Hausrechts etwa Mitschnitte, Tonaufnahmen und Fotos verbieten. Da sich nicht alle daran halten, werden – wie in der Schule – immer mal wieder Handys kassiert.

Klingeln in der Oper In der Frankfurter Oper werden die Musikliebhaber vor Beginn der Aufführungen über eine Leinwand gebeten, den Ton ihrer Mobiltelefone auszustellen. »Trotzdem klingelt immer mal wieder ein Handy während der Vorstellung«, sagt der Sprecher der Oper, Holger Engelhart. Zum Schlussapplaus zückten dann viele ihre Smartphones und machten Fotos.

»In den regulären Gottesdiensten ist das Thema Smartphone noch kaum ein Problem«, erzählt der Sprecher der Evangelischen Kirche in Hessen und Nassau (EKHN), Volker Rahn. »Fast alle Besucher wissen instinktiv, dass unter der Kanzel wirklich einmal Ruhe angesagt ist.« Allerdings: Bei besonderen Feiern wie Hochzeiten oder Konfirmationen werde regelmäßig darauf hingewiesen, sensibel mit elektronischem Geräten und der Fotofunktion umzugehen.

An Handy-Verbote halten sich eben viele nicht. Eine Sauna in Frankfurt hat eine Lösung gefunden und vergibt spezielle rote Punkte, mit denen Kameras von Smartphones oder Tablets verklebt werden müssen. So sollen unerwünschte Aufnahmen unmöglich werden, die Geräte können in den Ruheräumen aber trotzdem zum Lesen, Musik hören oder zum schriftlichen Kommunizieren verwendet werden.

Die Allgegenwart der Smartphones wird auch gezielt genutzt, um Jugendliche anzusprechen. Einige Pfarrer bauten Mobiltelefone ausdrücklich in einen Gottesdienst mit ein, sagt Rahn von der EKHN. Die Besucher der Eröffnungsfeier zum Rheinland-Pfalz-Tag in Alzey seien beispielsweise ausdrücklich aufgefordert worden, Grußbotschaften per SMS zu senden. Diese erschienen live auf einer Spezial-Leinwand, die mit Hilfe einer Drohne über dem Altar schwebte.

Der multimediale Einsatz ist im Sinne der Landesschülervertretung. Sie fordert eine gezielte Einbindung der Smartphones in den Unterricht. Landesschulsprecher André Ponzi formuliert es so: »Immer mehr Jobs werden digitaler, warum nicht auch die Schule?«

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