Unter anderem im Neubaugebiet Schlangenzahl haben Unbekannte in der Nacht zum Dienstag zahlreiche Autos mit roter Lackfarbe besprüht. FOTO: SCHEPP
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Unter anderem im Neubaugebiet Schlangenzahl haben Unbekannte in der Nacht zum Dienstag zahlreiche Autos mit roter Lackfarbe besprüht. FOTO: SCHEPP

Zum "Abfackeln" markiert

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Ungläubig und verärgert reagieren einige der etwa 150 Gießener, die am Dienstagmorgen eine rote Markierung auf ihrem Auto vorfinden. Selbst wenn die Fahrzeuge nicht wie angedroht in Flammen aufgehen - den Schaden zu beheben, wird teuer. Die A 49-Gegner haben Sympathien verspielt.

Wie - ich bin auch betroffen? Ich sitze im Homeoffice und habe nichts mitgekriegt." Entgeistert blickt die Tulpenweg-Bewohnerin die Reporterin vor ihrer Tür an und dann um die Ecke zu ihrem Auto. Es stimmt, worüber die Nachbarn auf der Straße reden: Am Heck prangt ein roter, mit Lackfarbe aufgesprühter Strich. An etwa 150 Fahrzeugen im Stadtgebiet haben A 49-Gegner eine "Freigabemarkierung zum Abfackeln" angebracht, so ein anonymes Bekennerschreiben. Bei den Betroffenen lösen sie damit viel Ärger aus - auch bei solchen, die den Kampf um den Dannenröder Forst bisher durchaus mit einer gewissen Sympathie verfolgt haben.

Am Dienstagmorgen rufen die ersten empörten Autofahrer bei der Polizei an. Den ganzen Tag über folgen weitere Meldungen und Anzeigen, und mutmaßlich werden manche den Schaden erst in den nächsten Tagen bemerken.

Mit nicht abwaschbaren Kreuzen oder Strichen "markiert" wurden über Nacht hochwertige Autos oder Modelle der oberen Mittelklasse, die in bürgerlichen Vierteln stehen; etwa im Gebiet Schlangenzahl, im Blumenviertel, an der Bergkaserne, im Wie- secker Neubaugebiet, im Altenfeldsweg oder am Kugelberg. Was zunächst wie zufälliger Vandalismus wirkt, erweist sich bald als geplante Aktion von Gegnern des Weiterbaus der Autobahn 49 im Vogelsberg. Bei mehreren Medien geht eine E-Mail ein, in der sich eine "solidarische autonome Kleingruppe" zu den Sachbeschädigungen bekennt. Die besprühten Fahrzeuge würden als erste "plattgemacht", sobald die Polizei den Dannenröder Forst für die Rodung räumt. "Wir möchten die Räumung verhindern oder den Preis hochtreiben."

Die Nummernschilder der Fahrzeuge seien notiert, heißt es weiter. Es nütze nichts, sie anderswo zu parken. Die Polizei nimmt diese Drohung zum Anlass einer "Gefährdungsbewertung und Betreuung der Betroffenen". Es werde geprüft, ob über die Sachbeschädigungen hinaus weitere Straftatbestände erfüllt seien.

Handelt es sich "nur" um eine symbolische Drohung - oder müssen die Autobesitzer und ihre Nachbarn nächtliche Brandanschläge nahe ihren Häusern fürchten? Es wird lebhaft spekuliert, zum Beispiel im Tulpenweg, wo die Autos eng zusammen direkt neben Gärten stehen.

"Die tun sich keinen Gefallen", meint ein Mann, dessen BMW besprüht wurde. "Sie erreichen nur, dass die Leute jetzt gegen sie sind." Angst habe er nicht, und der rote Strich stört ihn nicht besonders. "Ich versuche, ihn selbst zu entfernen, auch wenn die Polizei mir gesagt hat, dass das wohl nicht geht."

Symbolische oder reale Drohung?

Aufgebracht reagiert eine Selbstständige, deren schwarzer Volvo geleast ist. "Also muss ich ihn an der Stelle neu lackieren lassen. Das wird richtig teuer. Und ich habe gerade von der Versicherung gehört, dass ich 300 Euro Selbstbeteiligung zahlen muss." Noch ärgerlicher sei der Stress und Zeitaufwand. "Ich kann ja den Protest verstehen gegen die Baumfällungen. Aber das ist eine Frechheit."

Auch die eingangs erwähnte Ford-Besitzerin findet die Aktion sinnlos und kindisch. "Als könnte ich was dafür, dass ein Wald gerodet wird. Nicht jeder SUV ist ein Spritfresser. Unserer hat einen ganz niedrigen CO2-Ausstoß." Getroffen würden nicht etwa "die Reichen", sondern ganz normale Menschen ohne Garage. Die Polizei konnte die Höhe des Gesamtschadens bis zum Dienstagabend nicht beziffern. Die Ermittlungen laufen.

Unterdessen hat das Bundesverfassungsgericht in Karlsruhe zur Frage von Übernachtungen in Protestcamps gegen den Weiterbau der A 49 entschieden. Auflagen des Regierungspräsidiums Gießen wurden aufgehoben. Ab Donnerstag ist das Übernachten erlaubt. Aus Karlsruhe wurde die Frist gegeben, um dem RP Zeit für mögliche Auflagen etwa wegen Corona zu lassen.

Die Entscheidung betrifft formal nur das wegen dem Schlafverbot noch nicht errichtete Camp in Schweinsberg, ist aber aus Sicht der Aktivisten inhaltsgleich auf andere laufende Verfahren um das Protestcamp auf dem Sportplatz Dannenrod und auf weitere Camps zu übertragen.

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