Christopher Schacht ist schon viel auf der Welt herumgekommen. In der Pandemie hat er aber auch die Heimat schätzen gelernt.	FOTO: PM
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Christopher Schacht ist schon viel auf der Welt herumgekommen. In der Pandemie hat er aber auch die Heimat schätzen gelernt. FOTO: PM

Abenteuer vor der Haustür

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Er ist um die Welt gereist, über die Ozeane gesegelt - dieses Jahr jedoch war der hessische Buchautor Christopher Schacht (»Mit 50 Euro um die Welt«) von Reisebeschränkungen ebenso betroffen wie alle anderen auch. Wie er dieses Jahr erlebt hat und was er vor der Haustür entdeckte, schildert er im Interview.

Herr Schacht, durch Ihre vierjährige Weltreise haben Sie zum Glauben gefunden und Ihre jetzige Frau kennengelernt. Abgesehen von diesen großen Veränderungen: Woran denken Sie im Rückblick am häufigsten?

An die Menschen. Es gab so viele schöne Begebenheiten. Ich habe noch zu einigen Kontakt, die ich damals kennengelernt habe.

Was ist es denn Ihrer Meinung nach, das die Menschen weltweit verbindet?

Unglaublich viel. Das Dorfleben etwa, wo man über die Nachbarn tratscht, ist in Schleswig-Holstein nicht viel anders als im Iran oder bei den Ureinwohnern in Venezuela. Wir Menschen haben riesige Gemeinsamkeiten - die Kultur und Sprache bringen das nur manchmal anders zum Ausdruck.

Nun gibt es ja, nicht erst seit Corona, auch die Gegenbewegung zur Globalisierung: Staaten, die sich abschotten, Nationalismus. Was glauben Sie, wie sich das entwickelt?

Ich glaube, dass die Menschen weltweit durch die Globalisierung, das Internet und die Medien immer mehr zusammenrücken werden. Die Gegenbewegungen sind da, die sehe ich aber eher als kleinere Wellenschläge. Der Fluss bewegt sich ganz klar Richtung Verknüpfung und Zusammenarbeit. Wir werden durch mehr Austausch auch mehr Verständnis füreinander entwickeln.

Sie sind also Optimist?

Ich glaube, dass Optimismus der wahre Realismus ist. Mit seiner Erwartungshaltung beeinflusst man auch die Zukunft. Wenn ich eine positive Erwartungshaltung habe, erhöhe ich die Wahrscheinlichkeit, dass es gut wird.

Was ist Ihre Erwartungshaltung für 2021?

Viele Leute werden ihren Reisedrang wieder ausleben. Hoffentlich werden sie auch richtig gut drauf sein, wenn sie diese Krise überstanden haben, und auch die Chancen sehen, die sich ergeben haben. Natürlich ist es schlecht, dass viele kleine Betriebe schließen müssen. Aber die Digitalisierung und die Möglichkeit zu mehr Homeoffice sind eine Chance, etwa für die Vereinbarkeit von Beruf und Familie.

Wie war es für Sie in der Krise mit Kontakten?

Die haben wir natürlich stark eingeschränkt. Aber wir haben andererseits mit wenigen Menschen viel mehr unternommen, das war auch sehr schön. Einige Nachbarn zum Beispiel haben wir wesentlich besser kennengelernt.

Die Pandemie hat ja einerseits gezeigt, wie klein die Welt ist. Andererseits wurden selbst kleine Entfernungen fast unüberbrückbar. Haben sich Distanz und Nähe verändert?

Ich glaube, die sind immer relativ. Es gibt zwar objektive Maßeinheiten, aber man nimmt sie unterschiedlich wahr. Auf meiner Weltreise habe ich die Welt oft als kleiner empfunden, weil ich so viel Spaß daran hatte. Dagegen können zweistündige Autofahrten einem manchmal lang vorkommen.

Haben die Menschen besser gelernt, sich auch allein mit etwas zu beschäftigen?

Ich habe die Erfahrung gemacht, dass Menschen sich unheimlich schnell an etwas gewöhnen. Wenn die Restriktionen nach der Pandemie vorbei sind, wird es für viele so sein, als wäre nie etwas gewesen. Wir kommen wahrscheinlich schneller in den Vor-Corona-Alltag wieder rein, als uns an der einen oder anderen Stelle lieb ist. Und gute Vorsätze, mehr in der regionalen Umgebung zu erkunden oder uns mehr Zeit für uns selbst zu nehmen, werden dann vielleicht nicht mehr umgesetzt.

Was haben Sie in diesem Jahr in Ihrer Region erkundet?

Ich habe die Heimat neu entdeckt - etwa dass um die Autobahn A5 herum viele Seen ausgehoben wurden. Die habe ich alle erkundet und zum ersten Mal in meinem Leben Geocaching gemacht. In Hessen habe ich tolle Ecken auf Radtouren und Spaziergängen kennengelernt. Man muss nicht weit unterwegs sein, um Abenteuer zu entdecken. Die liegen auch direkt vor der Haustür, wenn man das Altbekannte mit neuen Augen sieht. Es war ein wunderbares Jahr, um genau das zu erleben.

Wie kann man sich den Alltag auch sonst zum Abenteuer machen?

Das ist individuell verschieden und kommt natürlich auf die Lebenssituation an. Mein Tipp wäre, sich ganz bewusst Zeiträume dafür einzuplanen. In Deutschland ist es so: Entweder verplanen die Menschen ihre Freizeit komplett oder lassen sich durch Fernsehen oder soziale Medien ständig ablenken. Man kann aber einfach mal andere Routen nehmen und etwas Neues ausprobieren. Manchmal reicht es schon, wenn man auf einem Waldweg anders abbiegt.

Haben Sie für das neue Jahr gute Vorsätze gefasst?

Ich will mir viel Zeit für solche Alltagsabenteuer und persönliche Weiterbildung nehmen. Weil wir sonst vom Lebensfluss mitgerissen werden, ohne das Gefühl zu haben, das Boot zu steuern. Corona hat diesen Fluss unterbrochen - und viele mussten sich fragen: Welche Alternativen habe ich? Und die positiven sollten wir uns auf jeden Fall mitnehmen für den Nach-Corona-Alltag.

Und wohin geht die nächste große Tour, wenn das Reisen wieder ohne Einschränkungen möglich ist?

Auf die Philippinen. Und ich beginne bald meinen Busführerschein. Dann wollen wir einen Bus ausbauen und damit in Afrika unterwegs sein.

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