33-jährige Mutter wegen Mordes an drei Babys angeklagt

Limburg (dpa). Die drei Babys hatten nur ein kurzes Leben: Die Mutter soll die Säuglinge schon in den ersten Wochen nach ihrer Geburt erstickt haben. Gegen die 33-jährige Altenpflegehelferin aus Villmar begann am Mittwoch der Prozess vor dem Landgericht Limburg.

Die Anklage wirft ihr dreifachen Mord vor. Die Frau hatte nach ihrer Festnahme im September vergangenen Jahres zunächst gestanden, ihre Kinder getötet zu haben. Vor Gericht bestritt sie nun allerdings die Vorwürfe.

"Ich will sagen, dass ich meine Kinder nicht getötet habe", sagte die Angeklagte vor Gericht. Sie wisse nicht, warum sie bei der Polizei die Schuld auf sich genommen habe. Weitere Aussagen wolle sie in dem Verfahren nicht machen.

Die Frau soll die drei Kinder in den Jahren 2004, 2006 und 2009 erstickt haben. Laut Staatsanwaltschaft stopfte sie ihnen ein Spucktuch in den Mund und hielt den Säuglingen die Nase zu. Das Mädchen und die beiden Jungen wurden lediglich zwischen 16 Tagen und drei Monaten alt. Der Staatsanwalt wirft der 33-jährigen in der Anklage vor, dass sie "ihre Ruhe haben" wollte, wenn die Säuglinge schrien.

Die Ermittler waren erst nach dem Tod des dritten Kindes auf die Frau aufmerksam geworden. Es war ihnen wie auch Gerichtsmedizinern rätselhaft vorgekommen, dass ein plötzlicher Kindstod dreimal in derselben Familie vorgekommen sein sollte. Das Gericht vernahm den Ehemann als Zeugen. Er sei erst nach dem Tod des ersten Kindes aus Russland nach Deutschland gekommen, sagte der 30-Jährige aus. Seine deutschstämmige Frau sei 2004 schwanger nach Villmar zu ihrer Mutter gezogen. Von seiner toten Tochter habe ihm seine Schwiegermutter telefonisch berichtet, weil seine Frau nur geweint habe. Vom Tod des zweiten Kindes habe er durch einen Anruf seiner Frau erfahren. "Wir haben nicht geglaubt, dass es sterben kann", sagte der 30-Jährige, dessen Aussage von einer Dolmetscherin übersetzt wurde. Zu Hause sei ihm seine Frau mit den Worten "Das kann doch nicht wahr sein" in die Arme gefallen.

Trotzdem hätten sie sich für ein weiteres Kind entschieden. Ärzte hätten ihnen nach dessen Geburt einen Überwachungsmonitor für daheim empfohlen, der die Atmung des Kindes kontrollierte. Er habe stets Nachtwache bei dem Jungen gehalten und sei von seiner Frau frühmorgens abgelöst worden. Eines Morgens sei seine Frau rund 15 Minuten später zu ihm gekommen und habe gesagt, das Kind atme nicht mehr. Er traue seiner Frau nicht zu, die Kinder getötet zu haben, erklärte der Ehemann der Angeklagten.

Seine Aussage und die seiner Frau gegenüber einem Psychiater machten aber auch erhebliche Eheprobleme deutlich: Alkohol, übermäßige Computernutzung durch ihn und der Vorwurf der Vernachlässigung seiner weinenden Ehefrau, wie der 30-Jährige vor Gericht einräumte. Das Paar hat keine weiteren Kinder.

Fehlende Bindung

Die fehlende Bindung zum Neugeborenen könnte eine Mutter nach Ansicht des Potsdamer Psychologie-Professors Günter Esser dazu bringen, ihren Säugling zu töten. "Sie haben eine massive Abneigung gegenüber dem Kind", sagte er am Mittwoch der Nachrichtenagentur dpa. "Vieles hängt damit zusammen, dass das Mitgefühl für den Säugling nicht existiert und er für die Mütter nicht etwas Beschützenswertes ist, sondern Quell des Ärgers und die Ursache dafür, dass es ihnen schlecht geht", sagte der Experte. Die 33-jährige Frau aus Villmar, die sich vor dem Landgericht Limburg verantworten muss, habe ihre Kinder offensichtlich ähnlich wahrgenommen. Bei ihrer Vernehmung hatte die Frau angegeben, dass ihr die Säuglinge "zur Last gefallen seien".

Anders als im Fall der 33-Jährigen, die ihre Kinder erst Wochen nach der Geburt mit einem Spucktuch erstickt haben soll, verdrängten viele der meist jungen Mütter Essers Angaben zufolge die Schwangerschaft. "Ich kenne eine Reihe von Fällen, für die kam die Geburt deshalb völlig überraschend. Die haben das so lange verdrängt, bis sie das Kind beispielsweise alleine auf der Toilette entbunden haben", sagte der Leiter des Lehrstuhls Klinische Psychologie/Psychotherapie an der Universität Potsdam.

Bei den bekannten Fällen hätten die Frauen auch kaum Rückhalt von der Familie oder ihrem Ehemann erhalten. "Die Frauen haben selber Probleme mit Bindungen und häufig auch mit ihrem Partner. Da ist keine Gemeinsamkeit und keine Unterstützung da."

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