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Die beiden Frauenhäuser in Gießen bieten zusammen 24 Plätze an. Für die 270 000 Einwohner des Landkreises sind das zu wenige, wenn man der Empfehlung des Europarats folgt. ARCHIVFOTO: DPA

Häusliche Gewalt

Zwölf Frauenhausplätze in Gießen zu wenig

Der Europarat empfiehlt einen Frauennhausplatz pro 7500 Einwohner. Gießen scheint diese Anforderung zu erfüllen - aber nur auf den ersten Blick.

Gießen – Wohin fliehen, wenn der eigene Partner zuschlägt? Zu Freunden oder der Familie? Aber da kann der Schläger sein Opfer leicht finden. Deswegen ist das Netzwerk der Frauenhäuser oft der einzig sichere Zufluchtsort. Frauenhausplätze sind aber auch drei Jahre, nachdem Deutschland die Istanbul Konvention (IK) unterzeichnet hat, Mangelware. Dabei wurde die IK bereits vor zehn Jahren ausgearbeitet. Mit diesem Vertrag versprachen die unterzeichnenden Länder, Gewalt gegen Frauen zu unterbinden und zu bekämpfen. Trotzdem stellt Kerstin Pfeiffer vom Autonomen Frauenhaus Gießen fest: »Es ist immer noch ein Glücksspiel, einen freien Frauenhausplatz zu bekommen.«

Der Europarat empfiehlt einen Frauenhausplatz pro 7500 Einwohner. In einer gemeinsamen Kooperation von CORRECTIV.Lokal und dieser Zeitung wurde jetzt untersucht, wie Deutschland bei den Frauenhausplätzen aufgestellt ist. Wenn man die einzelnen Bundesländer betrachtet, fällt auf, dass die drei Stadtstaaten ihren Einwohnern am meisten Plätze bereitstellen. Berlin hat 1,57 Plätze pro 7500 Einwohner, Bremen hat 1,34 und Hamburg immerhin noch 0,98 Plätze. Das Schlusslicht unter den Bundesländern bildet das Saarland mit 0,42 Plätzen.

Gießen: Nur zwei Frauenhäuser im gesamten Landkreis

In Hessen gibt es 0,87 Frauenhausplätze pro 7 500 Einwohner. Die Versorgungslage unterscheidet sich jedoch von Landkreis zu Landkreis und von Stadt zu Stadt. Gießen ist in diesem Bereich auf den ersten Blick gut aufgestellt. Das Frauenhaus des Sozialdienstes katholischer Frauen (SkF) bietet acht Plätze an, das Autonome Frauenhaus 16. Mit 24 Plätzen für rund 90 000 Einwohner, erfüllt Gießen die Empfehlung des Europarates überdurchschnittlich.

Mit dieser Sichtweise gibt es aber zwei Probleme, wie Pfeiffer erklärt. Das offensichtliche ist: Die beiden Frauenhäuser sind nicht nur für die Stadt Gießen zuständig, sondern die einzigen Frauenhäuser im gesamten Landkreis.

Die 24 Frauenhausplätze stehen damit nicht 90 000 sondern 270 000 Einwohnern gegenüber. Es gibt also einen Platz für 11 250 anstatt 7 500 Menschen. Laut Europarat-Empfehlung fehlen zwölf Plätze im Landkreis. Die vorhandenen Plätze müssen nicht nur für die schutzsuchenden Frauen, sondern auch für deren Kinder ausreichen.

Das zweite Problem ist: Frauenhäuser nehmen meist nicht nur Frauen aus ihrer Stadt oder ihrem Landkreis auf. »Das ist in vielen Fällen zu gefährlich«, sagt Pfeiffer. Die Männer würden den Frauen in der Innenstadt nachstellen oder versuchen, die geheimen Orte der Frauenhäuser herauszufinden. Deswegen werden Frauen oft an Frauenhäuser in anderen Landkreisen vermittelt. Das geschieht auch, wenn eine Frau Schutz sucht, es aber vor Ort keine freien Plätze gibt.

Knappe Plätze in Frauenhäusern: Landkreis Gießen kennt die Situation

Die Aufrechnung Landkreis gegen Landkreis oder Bundesland gegen Bundesland gibt deswegen keinen Aufschluss darüber, ob genug Frauenhäuser vor Ort existieren. Die Zahlen erzählen aber eine andere Geschichte: Werden vor Ort genügend Frauenhausplätze finanziert? »Der Landkreis Gießen ist sich bewusst, dass die Ausstattung mit Frauenhausplätzen auf Landkreisebene gesehen nicht der Empfehlung des Europarates entspricht«, sagt eine Pressesprecherin des Kreises.

Der Landkreis habe zuletzt 2016 versucht, drei weitere Frauenhausplätze über das Land Hessen zu finanzieren. Die Sprecherin sagt: »Diese Anfrage wurde abgelehnt mit der Begründung, dass die Anzahl der Frauenhausplätze ausreichend sei.« Grundlage für die Entscheidung des Sozialministeriums sei eine Berechnung, der die Frauenhausplätze von 2014 und Hessens Bevölkerungszahl von 2016 zugrunde lag. Danach habe es einen Frauenhausplatz pro 8546 Einwohner gegeben. Seit dem weise der Landkreis das Ministerium regelmäßig darauf hin, »dass die Anpassung der Frauenhausplätze an die steigende Bevölkerungszahl bislang nicht erfolgt ist«, sagt sie.

Probleme in Gießener Frauenhäusern: Nicht nur Räume, auch Personal

Bis 2023 stehen laut Sozialministerium nun 2,1 Millionen Euro an Bundesmitteln zusätzlich bereit und werden durch Landesmittel ergänzt. Wie das Sozialministerium gegenüber der Frankfurter Rundschau angibt, sollen geplante Investitionen insbesondere der Senkung von Barrieren, der Modernisierung und dem Ausbau von Familienzimmern und damit auch der Kapazitätserweiterung zugutekommen. Mit mehr Zimmern alleine wird es aber nicht getan sein, betont Pfeiffer: »Wir brauchen auch das nötige Personal, um die Frauen und deren Kinder zu begleiten.« (Sebastian Schmidt)

Kooperation mit CORRECTIV.Lokal

Diese Recherche ist Teil einer Kooperation der Gießener Allgemeinen Zeitung mit CORRECTIV.Lokal, einem Netzwerk für Lokaljournalismus, das datengetriebene und investigative Recherchen gemeinsam mit Lokalredaktionen umsetzt. CORRECTIV.Lokal ist Teil des gemeinnützigen Recherchezentrums CORRECTIV, das sich durch Spenden von Bürgern und Stiftungen finanziert. Mehr unter correctiv.org.

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