Ernst Eckstein REPRO: UNI-ARCHIV
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Ernst Eckstein REPRO: UNI-ARCHIV

Zwölf Chatten bei Kaiser Nero

  • vonDagmar Klein
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Gießen(dkl). Vor 175 Jahren wurde Ernst Eckstein in Gießen geboren. Beinahe wäre das Jubiläum unbeachtet geblieben, hätte nicht der frühere Gießener Redakteur Manfred Guido Schmitz mit einer kleinen Schrift an Eckstein erinnert. Anlass war seine Entdeckung, dass es in dessen Roman "Nero" einen bislang unbeachteten Gießen-Bezug gibt.

Der Vater Franz Eckstein war Rechtsanwalt in Gießen. Sein Sohn Ernst Eckstein studierte nach dem Schulabschluss am Landgraf-Ludwigs-Gymnasium neue Sprachen, Philosophie, Literatur und Geschichte an den Universitäten Gießen, Bonn und Marburg 1863-67. Mehrere Jahre lebte er als Journalist in Berlin und Paris, bereiste Südeuropa und ab 1872 in Wien. Es folgten Jahre als Journalist in Leipzig, bis er sich 1885 in Dresden niederließ, wo er 1900 starb.

Eckstein publizierte eine große Fülle an Artikeln und Büchern, häufig humoristischen Inhalts. Bekannt und beliebt wurde er mit seinen Schulhumoresken Anspruchsvoll waren seine Historienromane, die sich zumeist mit der römischen Geschichte befassten. Die erfolgreichsten waren: Die Claudier (1881), Prusias (1887) und Nero (1889).

Einige Rezensenten bescheinigen Eckstein ein "flaches Talent", das "nur in der Plauderei und in polyglotten Versspielen" zu Hause sei. Etwas freundlicher formuliert heißt es an anderer Stelle, dass sich sein Talent "durch sprudelnde Laune und große Formgewandheit" auszeichne.

"Besuch im Karzer"

Eckstein und seine Romane gerieten in Vergessenheit. In Gießen ist er einigermaßen bekannt geblieben, eine Straße wurde nach ihm benannt und das Karzer-Anhängsel am Zeughaus-Portal dient bei Stadtführungen als anekdotischer Anlass für Ecksteins bekannteste Erzählung "Ein Besuch im Karzer". Genau genommen gehört dieser real verbliebene Karzer allerdings in die Anfangszeit der Gießener Universität (1605/07). Das Gymnasium des 19. Jahrhunderts, das Eckstein einst besuchte, stand gegenüber dem Neuen Schloss und hatte einen eigenen (Schul)Karzer.

Ein Schüler des LLG, Dr. Friedrich Noack, schrieb in der Festzeitung zum Universitätsjubiläumsjahr 1907 von Ecksteins Foppereien gegenüber dem schrulligen Schuldirektor. Reale Erlebnisse, die ihn zu diversen Schulhumoresken inspiriert haben. Der "Besuch im Karzer" war die beim Lesepublikum beliebteste Geschichte und erschien quasi in Single-Auskopplung als Reclam-Heft. Und sie wurde zum Ideengeber für einen Roman (von Hans Reimann/Heinrich Spoerl) und dessen Verfilmung "Die Feuerzangenbowle" (mit Heinz Rühmann in der Hauptrolle des "Pfeiffer mit drei F").

Nun zum heutigen Autor und Verleger Manfred G. Schmitz, der seinen gleichnamigen Verlag mit nach Norddeutschland genommen hat. Sein besonderes Augenmerk gilt Schriftstellern des 19. Jahrhunderts, die historische Romane schrieben. Romane, die zugleich unterhalten und belehren sollten, die in bibliophilen Ausgaben erschienen. Er plädiert leidenschaftlich für die überarbeitete Wiederauflage einiger Werke. Viele dieser Romane fanden ein großes Publikum, wie der bekannte "Kampf um Rom" von Felix Dahn, wurden aber häufig von Kritikern verrissen.

So erging es auch Ernst Eckstein. Schmitz These lautet nun, dass Eckstein es irgendwann leid war und sich gegen den Vorwurf der Oberflächlichkeit wehren wollte. Daher fügte er dem knapp 500 Seiten umfassenden Roman "Die Claudier" noch 65 Seiten mit hochgelehrten Anmerkungen hinzu. Was natürlich auch nicht auf Gegenliebe stieß.

Anführer Lollarius

Der späte Roman "Nero" (1889) war gemäßigter in dieser Hinsicht, verwies nur im Vorwort auf Fakten und Freiheiten des Dichters. "Nero" erschien noch Jahrzehnte nach Ecksteins Tod und erreichte eine geschätzte Gesamtauflage von 11 000 Exemplaren, wie Schmitz rekonstruiert hat. Und das Buch enthält einen Gießen-Bezug, der bislang nicht beachtet wurde.

Die Geschichte: Zwölf Chatten (= Hessen), unter ihrem Anführer Lollarius, werden von Kaiser Nero zu Gesprächen empfangen. Auf Neros Nachfrage erklärt der Anführer seinen Namen mit Lautharto (= großes Herz), doch Gießenern dürfte eher der Nachbarort Lollar einfallen. Lollarius führt weiter aus, dass er seinen "Edelsitz am Ufer der Lahn hat (latein.: Logana), unweit der Stelle, wo die reißende Wisacha (= Wieseck) in den Fluss mündet." Weiter beschreibt er in altmodischer Satzstellung: "›Den Guß‹ oder ›die Gießen‹ nennt man den Strudel im Volke, und mein Edelsitz heißt danach Burg an den Gießen". Damit hat der gebürtige Gießener Ernst Eckstein seiner Vaterstadt ein literarisches Denkmal gesetzt.

Manfred-Guido Schmitz: Der Chatten-Führer aus Gießen und sein Empfang bei Kaiser Nero. Zum 175. Geburtstag des einstigen Erfolgsautors Ernst Eckstein, reich bebildert, 81 Seiten, Schmitz Verlag Nordstrand, 12,80 Euro.

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