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Im Zwischenraum

  • vonDagmar Klein
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Die Tanzcompagnie hat ihr Bühnenprogramm wieder gestartet. Nun wurde auch die Kooperation mit der Kunsthalle fortgesetzt - zur Freude aller.

Die Idee zur "De-Konstruktionen" genannten Reihe ist es, die Pause zwischen zwei Ausstellungen für Performances zu nutzen, ruft Kunsthallenleiterin Nadia Ismael in Erinnerung. Dazu sollen die TCG-Mitglieder eigene Choreografien entwickeln und Bezug auf die bisherige und die kommende Ausstellung nehmen.

Ein hoher Anspruch also, wie Ballettdirektor Tarek Assam sagte. Der neue Tanzabend bot mehr als eine Performance, es war ein einstündiger faszinierender Tanzabend, erarbeitet von den beiden neuen Tänzern Oskar Eon (l. im Bild) und Giovanni Fumarola (r.). Die Vorstellung fand zweimal hintereinander statt, weil coronabedingt nur 40 Gäste in der Kunsthalle Platz nehmen durften.

Die vorherige Ausstellung "Turning Points" zeigte Werke aus der Sammlung von Kelterborn, die sich mit politischen Umbruchsituationen befassten. Werke, die von Veränderungen auch unter Gewaltaspekten erzählten. Die kommende Ausstellung präsentiert Christian Eisenberger, der die Land-Art der 1960er Jahre neu interpretiert. Dabei spielen Spinnweben eine Rolle und ein solches war in groß auf eine der mobilen Stellwände in der Kunsthalle geheftet. Den Titel "Gekauft" haben die beiden Tänzer erst kurzfristig gefunden. Er meint: "Ist ok, nehmen wir", gepasst hätte auch "Permanenter Wandel".

Die Kunsthalle war wie eine Bühne mit dem Spinnweb-Bild als Zentrum angelegt, die herumliegenden Blätterzweige werden von den beiden zum Einstieg eingesammelt, bei noch lieblicher Musik. Dann beginnt der treibende Rhythmus, der Fumarola zu zwingen scheint, konzentriert auf der Stelle zu laufen, ehe es ihm gelingt aus der Binnenbewegung auszubrechen. Fliegender Wechsel zum Solo von Eon, der zu sphärischen Klängen Verzweiflungsmomente darstellt, wenn er sich mit lahmen Beinen über den Boden zieht oder in Krampfattacken windet. Hier wird der Bezug zu körperverletzenden Momenten aus der vorherigen Ausstellung am deutlichsten.

Diese beiden Solos können im Übrigen in den variablen Tanzabenden "Colours & Specials" auf der taT-Studiobühne noch mal erlebt werden. Wobei die Wirkung in der großen hellen Kunsthalle noch eindringlicher erscheint.

Musikauswahl weckt Neugier

Die beiden treiben den Wandel ihrer Figuren voran. Das Miteinander findet in gebührendem Abstand statt, mal tanzen sie parallel, mal spiegelbildlich, dann macht einer was vor und der andere folgt in Variationen. Ihre Kleidung ist erzählerisch integriert: der eine im smarten Anzug, der andere im Arbeitsoverall, erst in der Stretchhose des Tanzes sind sie gleichwertig, erproben neue Klamotten, mit Glöckchen besetzt. Dieses akustische Moment erinnerte an die Ausstellung des letzten Jahres, als Neuseeländer Matthew Cohan Ergebnisse seiner ethnologischen Forschung zu Volkstraditionen in Mitteleuropa vorstellte. Aber die Schau können die Tänzer nicht kennen - ein Beleg, dass Kulturtraditionen verbreitet sind und immer wieder hochkommen.

Die ungewöhnliche Musikauswahl erzeugte atmosphärische Stimmungen, von Zersplitterung und Zerstörung, über groovige Wiederholungsschleifen, beschwörende Gesänge bis zu einer ruhigen Sprechstimme vor zunehmend lauter werdenden Wettergeräuschen. Was die männliche Stimme sagte, das war bis auf das ständig wiederholte "What if" nicht zu verstehen, machte einige Besucher aber so neugierig, dass sie um den Text baten. Hier der Hinweis: Komponist Davidson Jaconello lässt sich online finden. FOTO: DKL

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