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Martin Kirsch ist seit zehn Jahren Mitglied bei den Grünen.

Zwischen zwei Welten

  • Christoph Hoffmann
    VonChristoph Hoffmann
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Gießen (chh). Der Dannenröder Forst ist für die Grünen ein heikles Thema. Die Abholzung eines Waldstücks zur Schaffung von Autobahnkilometern passt nicht wirklich zur DNA einer ökologisch orientierten Partei. Trotzdem haben die hessischen Grünen einen Koalitionsvertrag unterschrieben und so den Bau mitgetragen.

Für Martin Kirsch ist die mit dem Ausbau der A49 einhergehende Abholzung gleich in doppelter Hinsicht ein Zwiespalt. Denn der 37-jährige steht nicht nur für die Gießener Grünen auf Listenplatz 18 für die anstehende Kommunalwahl, er ist auch Polizeioberkommissar bei der Kripo und somit Feindbild vieler »Danni«-Aktivisten. »So gesehen kann ich mich bei diesem Thema nur aufs Glatteis begeben«, sagt Kirsch lächelnd. Das hindert ihn aber nicht daran, Stellung zu beziehen.

Kirsch ist in Mössingen bei Tübingen aufgewachsen. »Mein Vater hat zu Hause im großen Stil Gemüse angebaut.« Das Bewusstsein für ökologische Fußabdrücke hat Kirsch demnach seinen Eltern zu verdanken. Beruflich wollte er jedoch in andere Fußstapfen treten. »Ich komme aus einem Wohlstandshaushalt. Meine Eltern waren beide Lehrer. Mich hat aber schon immer das Abseitige der Gesellschaft interessiert. Ich wollte sehen und spüren, wie es da ist, wo keine heile Welt herrscht.«

Die Polizei schien ihm die richtige Adresse dafür zu sein. Zumal Kirsch von sich sagt, einen ausgeprägten Gerechtigkeitssinn zu haben. Dennoch studierte er zunächst Kognitionswissenschaften in Osnabrück, weil ihm die Eltern vom Polizeidienst abgeraten hatten. »Es hat mich aber weiter in den Fingern gejuckt. Daher habe ich mich doch von Norden nach Süden bei der Polizei für ein Studium beworben.« In Gießen wurde er genommen.

Kirsch lebt seit dem Jahre 2008 in der Universitätsstadt - zusammen mit seiner Frau, die er über soziale Medien kennengelernt hat, und den beiden Töchtern. 2010 war es dann, als er Mitglied bei den Grünen wurde.

Es ist kein Geheimnis, dass Polizisten bei einigen Grünen nicht den besten Ruf genießen. Das dürfte vor allem daran liegen, dass ökologisch bewusste Menschen ihre Anliegen nicht selten bei Protestaktionen und Demonstrationen kundtun, und Polizisten die Aufgabe haben, bei solchen Ereignissen auf Recht und Ordnung zu achten. Mit seinem Eintritt in die Partei habe er versucht, beide Welten zusammenzubringen, sagt Kirsch. »Die Anliegen der Polizei in die Grünen tragen, aber auch grüne Sichtweisen in die Polizei.«

Er selbst habe wegen seines Berufs aber nie Kritik einstecken müssen. »Bei uns in der Partei war das noch nie ein Problem. Mein Beruf wurde eher positiv gesehen.«

Kirsch weiß aber auch, dass viele Aktivisten aus dem Dannenröder Forst ihr Kreuz bei den Grünen machen. Und ein Teil dieser Menschen hat bei der Räumung der Protestcamps mit Mitteln gekämpft, die für große Kritik gesorgt haben. Das Werfen von Exkrementen zum Beispiel. Das Anlegen von Trittfallen. Oder aber in Bäume geschlagene Nägel, die beim Sägen zu gefährlichen Querschlägern werden können.

»Das geht eindeutig zu weit und hat mit demokratischem Protest nichts zu tun«, betont Kirsch und fügt an, dass der Autobahnausbau obendrein »mehrfach gerichtlich entschieden und bestätigt« worden sei.

Mit den Abseilaktionen, die auch in Gießen zu sehen waren, hat Kirsch ebenfalls Probleme. »Auf der anderen Seite haben wir einen Klimawandel und benötigen eine Verkehrswende«, sagt Kirsch. Protest sei daher legitim. »Allerdings dürfen gewisse Grenzen nicht überschritten werden.«

Seine ökologische Denkweise, das betont Kirsch, spiele bei seinen Einsätzen aber keine Rolle. »Ich muss professionell sein und darf mich nicht auf die Ebene einlassen, ob das, wofür die Menschen demonstrieren, mein Ding ist. In dem Moment bin ich Beamter und muss für Recht und Ordnung sorgen.« Polizist und Grünenpolitiker: Zwei Rollen, die nicht nur ein Spannungsfeld erzeugen, sondern auch viel Zeit in Anspruch nehmen - zumal Kirsch noch Landesschatzmeister seiner Partei ist. Nimmt man noch die Familie hinzu, ist es nicht verwunderlich, dass dem Gießener wenig Zeit für Hobbies bleiben. Eine Leidenschaft hat er sich jedoch bewahrt: Heavy Metall. »Ich habe früher sogar für ein Online Magazin Konzertberichte und Interviews mit Bands geschrieben«, sagt Kirsch. »Aber im Moment ruht das leider ein wenig.«

Ob der 37-Jährige künftig noch weniger Freizeit hat? Kirsch schätzt seine Chancen, in das Stadtparlament einzuziehen, als »ziemlich gut« ein. »Sollten wir in die Regierung kommen, fallen einige Kandidaten vor mir auf der Liste weg, da sie in den Magistrat ziehen. Ich denke daher, dass ich durch das Nachrutschen im Parlament landen werde.«

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