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Kennenlernspiele und eine Stadtrallye gehören zum Semesterstart dazu. (Archivfoto: Schepp)

Semesterbeginn

Gießener Studenten zwischen Bierbörse und "Bib"

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Die Einführungswochen von JLU und THM sorgen in der Stadt zum Semesterstart für einen Ausnahmezustand. Was nicht unbedingt etwas Schlechtes bedeuten muss.

Kays Al-Khanak

Menschliche Pyramiden mittags auf dem Kirchenplatz, auf deren Spitze ein junger Mann ein Bier in einem Zug leert? Bei zwölf Grad im Regen nur noch in Unterwäsche vor dem Unihauptgebäude Gruppenfotos machen? Bevor Sie fragen, warum wir Trinkspielen Raum in dieser Zeitung geben, halten Sie für einen Moment inne. Denn einer dieser jungen Menschen könnte in Zukunft Ihr Arzt, Anwalt, der Lehrer Ihrer Kinder, Schwiegersohn oder Schwiegertochter sein. Die Einführungswoche an der Justus-Liebig-Universität (JLU) und der Technischen Hochschule Mittelhessen (THM) bedeutet vor allem eines: Ausnahmezustand.

Montag, 9.58 Uhr. Der Hörsaal 5 des Fachbereichs Rechtswissenschaften an der Licher Straße füllt sich langsam. Wer hineinkommt, blickt sich um. Suchend. Bekannte Gesichter? Eher selten. Unsicherheit und Nervösität sind greifbar. Da hilft auch der Hilfe suchende Blick und das verlegene Wischen übers Smartphone nicht. Für die meisten "Erstis" ist dieser Montag ein weißes Blatt Papier, das darauf wartet, vollgeschrieben zu werden. Nun beginnt ein neues Kapitel im Leben. Ohne Eltern, Geschwister oder Freunde. Frank Uhlmann von der Zentralen Studienberatung der JLU beschreibt das so: "Sie werden feststellen, dass vieles eindeutig anders ist, als Sie es gewohnt sind." Hört sich wie eine Drohung an, ist es aber nicht.

Für manche, die nach Gießen zum Studieren kommen, ist die Stadt keine Herzensangelegenheit. Mal sind sie wegen eines Studiengangs hier, dessen Zulassungshürden niedriger sind als an anderen Universitäten. Oder sie haben über die Stiftung für Hochschulzulassung - ehemals ZVS - einen Studienplatz zugewiesen bekommen. Ein typisches Gespräch in der alten Heimat läuft dann so ab. Er: "Wo studierst du? Berlin? Hamburg? München? Köln? Leipzig?" Sie: "Gießen." Oh. Dieser Ausruf bleibt dann im Raum stehen, gefolgt von Stille.

Dabei muss sich Gießen nicht verstecken. Natürlich hat der 21 Jahre alte Jura-Ersti Simon Bischoff aus Dortmund recht, wenn er sagt: "Ist halt nicht Berlin." Aber dafür hat Gießen beinahe Großstadtflair. Und das liegt auch an den vielen jungen Menschen, die zum Semesterstart in die Stadt gespült werden und dabei helfen, dass sie sich immer wieder erneuern kann. Das Stadtmarketing hat vor einigen Jahren fünf Gründe aufgelistet, warum Gießen gar kein so hässliches Entlein ist. Gießen sei mit der höchsten Studentendichte Deutschlands jung und dynamisch. Mehr als ein Drittel der Bewohner sind in der JLU oder THM eingeschrieben und prägen das Stadtbild. Gießen sei kompakt. Man komme leicht und schnell von A nach B. In Gießen kenne man sich. Anonymität ist hier ein Fremdwort. Gerade Studierende laufen sich immer mehrmals über den Weg - an der Uni, in der Mensa, beim Einkaufen, beim Feiern. Gießen rocke mit seinem breiten Angebot an Kneipen, Clubs und Partys. In Gießen werde Subkultur großgeschrieben. Darunter rubriziert das Stadtmarketing das Diskursfestival der Theaterwissenschaftler genauso wie den WG-Flohmarkt oder das Format "Gießen kocht".

Davon wissen die Erstis noch nichts. Vielleicht ahnen sie aber etwas. Victoria Schaffenbroich und Sofia von Stockhausen kommen aus Köln und Bonn. Die 20- und die 18-Jährige sagen: "Gießen hat den Ruf, hässlich zu sein" und "Man hört viel Schlechtes." Bisher habe sich das nicht bestätigt. Auf die hohe Studentendichte freut sich Max Kruse. Der 18-Jährige aus Recklinghausen will "viele Gleichgesinnte kennenlernen, Spaß haben und mit genauso viel Spaß studieren."

Das wird der Professor für Strafrecht, Bernhard Kretschmer, gerne hören. Bei der Einführungsveranstaltung sagt er: "Die Bierbörse an der Frankfurter Straße ist 23 Stunden geöffnet. So lange sollten sie dort nicht sein. Aber vergessen Sie bei all dem Lernen nicht, zu leben." Um den Eindruck zu vermeiden, den jungen Menschen damit einen Freifahrtsschein gegeben zu haben, schiebt er hinterher: "Ziehen Sie Ihr Studium nicht so schnell wie möglich durch. Erleben Sie etwas." Kunstpause. "Etwas Juristisches!"

Erste Kontakte überdauern

Vorne wirft der Beamer Bilder auf die Leinwand. Junge Menschen beim Lernen in der Bibliothek. Aber auch beim Entspannen auf dem Campus. Die Einführungswoche soll helfen, die ersten Schritte in der universitären Welt zu gehen. Was die Bilder nicht zeigen: das Nachtleben. Darauf weist Uhlmann hin: "Wir wollen, dass Sie ankommen, sich wohlfühlen und untereinander kennenlernen." Der Studienberater weiß: "Die Kontakte aus der Einführungswoche überdauern oft das Studium." Deshalb appelliert er auch an die Erstis, die aus der näheren Umgebung kommen, nachmittags nach dem universitären Teil nicht nach Hause zu fahren.

Dazu rät auch Tutorin Louisa Bender: "Abends mitmachen ist ganz wichtig", sagt sie, "weil man ansonsten gerade zu Beginn den Anschluss verlieren kann." Die 22-Jährige weiß, wovon sie redet. Sie studiert im 7. Semester Jura und betreut zum fünften Mal die Erstis. Als Siegerländerin ist sie Kummer gewöhnt. Deswegen gehört sie zu der Sorte der Studierenden, die sich bereits vor dem Studienbeginn auf Gießen gefreut haben. "Ich war 18, hatte meine erste eigene Wohnung und habe viele Leute kennengelernt." Diese Erfahrung will sie den Neuen mit auf den Weg geben. Unter ihnen werden einige sein, die heute planen, spätestens nach der Zwischenprüfung das Weite zu suchen - und am Ende doch in Gießen bleiben.

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