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Zweites Sinfoniekonzert im Zeichen des Barock

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© Agenturfoto

Was haben Wassermusik, Naturhornklang und feine Flötentöne gemeinsam? Das zweite Sinfoniekonzert im Stadttheater im Zeichen des Barock gab die Antwort. Altmeister Michael Schneider glänzte als Dirigent und als Virtuose.

Wenn schon Wassermusik, dann richtig. Als der englische König George I. per Barke auf der Themse lustwandelte, fuhr Georg Friedrich Händel mit seinem Orchester auf Booten dem Regenten hinterher und verzückte ihn mit einer Suite. Der gebauchpinselte Monarch ließ die Stücke auf seinem Weg nach Chelsea mehrfach wiederholen – schon war ein Teil der »Wassermusik« geboren. Die üblicherweise in drei Suiten unterteilte und aus 22 Sätzen bestehende Komposition entstand in den Jahren 1715 bis 1717 als groß angelegte Freiluftmusik, die nicht nur George I. schmeicheln sollte, sondern auch anderen weltlichen Größen gewidmet war, etwa Kronprinz Frederick.

Im Zeichen von Händels »Wassermusik« und des Barock stand am Dienstag das zweite Sinfoniekonzert unter der Leitung von Michael Schneider im ausverkauften Stadttheater. Ihm diente der berühmte Händel nur als Rahmenprogramm für den eigentlichen Höhepunkt des Abends: das Konzert F-Dur für Altblockflöte von Johann Friedrich Fasch. Schneider, langjähriger Professor an der Musikhochschule in Frankfurt und mehrfach ausgezeichneter Flötist, übernahm die Solopartie selbst.

Das kleine dreisätzige Konzert des weithin unbekannten deutschen Komponisten Fasch, der viele Jahre im Städtchen Zerbst in Sachsen-Anhalt wirkte und sich in der Provinz zeitlebens nicht wohlfühlte, ist ein geradezu zirzensisches Kabinettstück für den Solisten. Schneider spielte die Altblockflöte hochvirtuos, mit erstaunlicher Dynamik, pulsierender Frische und beschwingtem Gehalt. Besondern die beiden schnellen Ecksätze verlangen nach ausgefeilter Fingertechnik. Dafür gab es lang anhaltenden Applaus und eine Zugabe: das Largo aus dem C-Dur-Konzert RV 443 für Piccoloflöte von Antonio Vivaldi.

Am Anfang und zum Schluss des Abends der Händel: weich und anschmiegsam, tänzerisch und voller Lebensfreude – so lässt sich die »Wassermusik« hören. Schneider dirigierte mit leichter Hand, das Philharmonische Orchester setzte sich in gewohnter Weise in Szene. Oboen, Querflöte und die Streicher waren ein Gedicht, die den Geist des Barock aufs Schönste transportierten.

Schneider gehört zu jenen Experten, die sich dem Original verpflichtet fühlen. Er setzt auf die historisch informierte Aufführungspraxis. Beim Blech kommen Natur- instrumente zum Einsatz. Dem Naturhorn etwa fehlen im Gegensatz zu seinem modernen Pendant die Ventile, die eine saubere Chromatik ermöglichen. Beim Naturhorn werden die Töne nur mit den Lippen und dem sogenannten Stopfen (eine Hand im Schalltrichter des Instruments) angesteuert. Der Klang ist gedämpfter, weniger voluminös. Der Sound des Orchesters, und darauf kommt es letztlich an, gewinnt durch diese Art der Instrumentierung nur in der Theorie. In der Praxis leidet oft der Hörgenuss.

Manfred Merz

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