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Christian Thöndel und seine Kollegen werden derzeit in allen Lebenslagen um Rat gefragt. Foto: pm

Im Zweifel fragt man die Polizei…

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Gießen(cg). Schlägerei in der Kneipe, zu laute Musik auf einer Party, Verkehrsunfälle: Vor einigen Wochen sah der Alltag von Christian Thöndel noch anders aus.

Das geht zwar allen so, doch bei dem Dienstgruppenleiter der Polizeistation Gießen Nord und seinem 16-köpfigen Team ist es besonders krass, sie erleben die Corona-Ausnahmesituation in der ersten Reihe. Dass sich das soziale Leben fast nur noch in den eigenen vier Wänden abspielt, hat auf die Tätigkeit der Polizei erheblichen Einfluss. "Wir bekommen derzeit Dutzende Anrufe von Ratsuchenden", sagt der 44-Jährige. Dabei fielen die Themen, um die es gehe, oft gar nicht in den Zuständigkeitsbereich der Polizei. "Die Unsicherheit der Leute ist groß, das spüren wir alle", sagt der Hauptkommissar. Da gehe es um unbezahlte Rechnungen, Fahrgemeinschaften zum Arbeitsplatz oder Reisebeschränkungen - offenbar ist die Polizei in der Krise für viele Menschen kompetent in allen Lebenslagen. Das ist angesichts des sonst oft spürbaren Respektverlustes eine wohltuende Erkenntnis - auch wenn die Beamten nicht immer helfen können. "Wir bemühen uns nach Kräften, Tipps zu geben oder Anlaufstellen zu nennen", sagt Thöndel.

Angst spürbar

Bei vielen Anrufern gehe es derzeit um die Kontaktsperre und die Abstandswahrung. "Gerade eben hatten wir eine Beschwerde, dass der Schornsteinfeger von Haus zu Haus geht. Der Anrufer wollte, dass wir das unterbinden", berichtet er. Es komme auch vor, dass Leute melden, wenn sie eine kleine Gruppe in der Stadt entdecken oder wenn sich Menschen per Handschlag begrüßt haben. In seinen Augen sei das kein Denunziantentum, sondern ein Ausdruck großer Sorge. "Die Situation macht einfach Angst. Deshalb nehmen wir jeden ernst." Dass die Polizei in Parks, in der Stadt oder auf Spielplätzen einschreiten müsse, komme so gut wie nicht mehr vor. In Gießen hielte sich die Bevölkerung weitgehend an die Verordnung.

Sozialer Sprengstoff

Thöndel mag seinen Job. Er schätzt die Vielseitigkeit des Dienstes und den Kontakt mit vielen unterschiedlichen Menschen. "Man muss sich schnell auf neue Situationen einstellen und rasche Entscheidungen fällen können, das ist immer eine Herausforderung", erklärt er. Er mag auch den Wechsel zwischen der Arbeit am Schreibtisch und den Einsätzen vor Ort. "Eine gute Kombination." Der Dillenburger ist keiner von denen, die sich schon als Kind in den Job als Polizist in Uniform hineinträumten, er kam per Zufall durch einen Freund auf die Idee, sich zu bewerben. Heute kann er sich keinen anderen Beruf vorstellen.

Der 44-Jährige und sein Team machen sich auf arbeitsreiche Wochen gefasst. Die Krise berge jede Menge sozialen Sprengstoff. Wie alle Experten befürchtet er einen Anstieg häuslicher Gewalt. Überhaupt seien jene Menschen, die sonst in vielfältiger Weise Unterstützung erführen, jetzt weitgehend auf sich gestellt.

Auch die Menschen ohne festen Wohnsitz müsse man im Blick haben. Zum Glück funktioniere die Zusammenarbeit mit den zuständigen Behörden und Einrichtungen in Gießen gut. "Wir müssen schauen, wie wir das jetzt gemeinsam stemmen."

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