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Schlange stehen für ein Porträt im »White Cube« von Fotograf Mike Meyer.

Zusammenkommen im Würfel

  • VonKim Luisa Engel
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»Vom Times Square in den Seltersweg«, so bewarb Köhler das Projekt des renommierten Fotografen Mike Meyer. Am Samstag baute dieser dann seinen weißen Würfel vor dem Geschäft auf. Die lange Wartezeit nahmen die Gießener gerne in Kauf.

Eine Frau mit Strohhut und Brille betritt den weißen Würfel. »Hallo, schön, dass du da bist«, sagt Fotograf Mike Meyer zu ihr. »Mit oder ohne Brille?«, fragt sein Modell. »Wenn du sie gerne trägst, dann mit«, antwortet er und legt los. Es blitzt, die Kamera klickt - schon ist das erste Porträt-Foto im Kasten. Weitere Aufnahmen folgen, bevor Meyer die Frau verabschiedet: »Danke, dass du die Wartezeit in Kauf genommen hast.«

Die Schlange vor dem Modehaus »Köhler« ist lang am Samstagnachmittag Sie erstreckt sich vom Haupteingang im Seltersweg über die komplette Schaufenster-Front bis in die Löwengasse hinein. Nicht zu übersehen: der große, weiße Würfel direkt am Anfang der Schlange. In ihm steht der international renommierte Fotograf und schießt im Rahmen seines »The White Cube Art Project« Schwarz-Weiß-Porträts von Passanten.

2018 begann Meyer mit dem Projekt, baute den Würfel bisher an 15 Orten auf der ganzen Welt auf - darunter auch in der Wüste von Marokko. Dass der »White Cube« nun ausgerechnet im Selterweg gelandet ist, ist der langjährigen Freundschaft Meyers mit Köhler-Geschäftsführer Ludwig Vordemfelde geschuldet.

»Es ist eine große Ehre, dass er hierher gekommen ist«, sagt Vordemfelde. Es sei Meyers Idee gewesen, den Ort zu beleben - der während der Corona-Zeit wie tot gewesen sei. »Das ist auch ein Verbeugen vor der Stadt Gießen, dass sowas hier passiert«, sagt der Köhler-Geschäftsführer.

Im Vorfeld haben sich über 200 Interessierte per Website angemeldet. Doch auch »Laufkundschaft« konnte sich am Samstag noch spontan ablichten lassen. Um 7 Uhr begannen die Aufbauarbeiten, ab 8 Uhr wurde bereits fotografiert was das Zeug hielt - obwohl das Projekt offiziell erst ab 10 Uhr startete. »Um 12 Uhr waren schon 100 Gäste abgelichtet«, sagt Vordemfelde.

Und was meint der Fotograf zu dem regen Zuspruch? »Das ist ein Traum«, sagt Meyer. Der Grundgedanke des Projekts, das Zusammenkommen, sei genau getroffen worden. »Come together now«, lautet das Motto des Würfels. Auch bei den Foto-Modellen kommt der »White Cube« gut an. »Es war toll«, schwärmt eine Frau in Ringelshirt. Die enstandenen Bilder wird sie in ein bis zwei Wochen per E-Mail zugeschickt bekommen.

Eine junge Frau aus Wettenberg steigt in den Würfel. Sie hat aus der Zeitung von dem Projekt erfahren und ist mit der ganzen Familie gekommen, erzählt sie. Meyer reagiert spontan und bittet die Eltern ebenfalls auf das Foto. Immer wieder kommen Passanten mit Einkaufstüten beladen am Würfel vorbei. Neugierig schauen sie hinein, und wenn ihnen gefällt was sie sehen, reihen sie sich in die Schlange ein.

»Es dauert mindestens eine halbe Stunde, oder länger«, erläutert eine Köhler-Mitarbeiterin den Interessenten. Doch die stellen sich bereitwillig an. Wann hat man schon einmal die Chance, sich von jemandem fotografieren zu lassen, der sonst Manuel Neuer oder Justin Timberlake vor der Kamera hat? »Wahnsinn«, freut sich Meyer immer wieder mit Blick auf die Schlange. »Es nimmt einfach kein Ende.« So wie es gegen Nachmittag aussieht, muss der Fotograf Überstunden machen.

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