Fahrlehrer Eberhard Dietz von der Fahrschule Deusch erklärt, wie man das Lenkradschloss öffnet. Nach zehn Jahren ohne Auto zu fahren, ist die Erklärung auch nötig. FOTO: SCHEPP
+
Fahrlehrer Eberhard Dietz von der Fahrschule Deusch erklärt, wie man das Lenkradschloss öffnet. Nach zehn Jahren ohne Auto zu fahren, ist die Erklärung auch nötig. FOTO: SCHEPP

Zurück ans Steuer

  • vonSebastian Schmidt
    schließen

Zehn Jahre ohne Auto. Das soll sich ändern. Um wieder Selbstvertrauen für das Fahren zu bekommen, mache ich einen Auffrischungskurs bei einer Fahrschule. Bis auf zwei "brenzlige" Situationen verläuft der Kurs besser als erwartet.

Auf dem Weg zum Ludwigsplatz klopft mein Herz schneller. Nach zehn Jahren, ohne selbst ein Auto gefahren zu sein, steige ich gleich hinter das Steuer. Um zu schauen, ob es noch geht. Denn je länger ich nicht gefahren bin, desto größer ist die Frage geworden: "Kann ich das überhaupt noch?" Ein Auffrischungskurs soll es zeigen. Auf dem Parkplatz wartet Fahrlehrer Eberhard Dietz von der Fahrschule Deusch. Der Profi merkt mir meine Nervosität an und versucht, zu beruhigen: "Keine Panik. Nach der ersten halben Stunde ist die Aufregung verschwunden." Hoffentlich.

Kein Bedarf, Auto zu fahren

Es gab keinen dramatischen Unfall oder sonst ein schlimmes Ereignis, weswegen ich zehn Jahre nicht gefahren bin. Ich habe nach dem Umzug in eine Großstadt kein Auto gebraucht. Fast alles war fußläufig erreichbar, und für den Rest hat es gute Busverbindungen und eine Straßenbahn gegeben. In Gießen gibt es zwar keine Straßenbahn, aber auch hier ist vieles mit dem Fahrrad oder zu Fuß zu erreichen.

Trotzdem ist in den letzten Monaten immer mal wieder eine Situation entstanden, in der ich gedacht habe: "Es wäre einfacher, wenn ich Auto fahren könnte." Ein Umzug, bei dem Freunde für mich hin und her gefahren sind. Oder der Einkauf bei Ikea mit dem Zug von Wetzlar nach Gießen. "Kann man ja tragen." Auch bei der Planung des Corona-Urlaubs wäre etwas Unabhängigkeit von öffentlichen Verkehrsmitteln schön gewesen.

Aber sind Fahrstunden der richtige Weg, um wieder ins Autofahren reinzukommen? Alexandro Melus vom ADAC Frankfurt sagt Ja. Er rät mir, ein oder zwei Stunden zu nehmen. "Was Sie brauchen, ist eine fachliche Anleitung, die Ihnen zeigt: Worauf achten Sie, was haben Sie vergessen?" Der Rest sei Praxis und komme mit den Jahren.

Viel Praxis als Fahrlehrer hat Eberhard Dietz. "Ich glaube, ich bin mittlerweile der dienstälteste Fahrlehrer in Gießen." Im August 1977 habe er angefangen und mit Wiedereinsteigern sei er schon öfter gefahren. Er erinnert sich an eine Frau, die 31 Jahre kein Auto mehr gefahren sei. Die habe ein paar mehr Stunden gebraucht, aber am Ende habe es auch bei ihr geklappt. Das beruhigt mich etwas.

Anschnallen, Sitz nach vorne, Spiegel einstellen. Das funktioniert ohne Probleme. Dietz muss aber erklären, wie sich das Lenkradschloss öffnet. Dass ich das nicht mehr im Kopf habe, ist mir unangenehm. Es gehört doch zum Anfängerwissen. Damit es mir bei den Verkehrszeichen nicht auch so geht, habe ich die am Tag vorher im Internet nachgesehen. Kupplung drücken, ersten Gang einlegen und den Zündschlüssel umlegen. Das Starten des Motors sitzt, genauso wie das Anfahren.

Unter der Anleitung von Dietz lenke ich auf die Grünberger Straße. "Weiter rechts fahren", kommt direkt die erste Ermahnung. Der Fehler ärgert mich. Während der Fahrt wird mir noch öfter auffallen, dass ich die Dimensionen des Autos nicht gut abschätzen kann. Und Dietz wird mich noch einige Male darauf hinweisen, dass ich weiter rechts fahren kann. Das muss ich besser machen. Aber ansonsten verläuft die Fahrt unaufgeregt. Und tatsächlich hat Dietz recht behalten. Nach 30 Minuten sitze ich entspannt im Sitz und denke: "Ich kann es doch noch."

Die ruhige Fahrt hört in der Marburger Straße auf. Ein Auto in der Parallelspur zieht, ohne zu blinken, mit wenig Abstand erst vor mich, dann wieder zurück. Ich schaue in den Rückspiegel und werde langsamer, weil ich der Situation nicht traue. "Gut gemacht", lobt Dietz. "Der war sich wohl nicht sicher, wo er hin will." Wenig später: Eine Gruppe Fahrradfahrer kommt mir in einer Kurve entgegen. Plötzlich setzt eine ältere Frau im Gegenverkehr zum Überholen der Fahrradfahrer an. Ich denke mir: "Was macht die denn da?" und muss abbremsen, damit sie genügend Platz zwischen den Fahrradfahrern und mir hat. Die geforderten 1,50 Meter zu den Radlern hat sie trotzdem nicht. Wieder gibt es ein Lob. "Schon die zweite Situation, in der du gut reagiert hast", sagt Dietz. Das macht mich ein bisschen stolz.

Zum Abschluss geht es auf die Autobahn. Der Endgegner. Autobahn bin ich nie gerne gefahren. Es fällt mir schwer, die Geschwindigkeit der Autos im Spiegel einzuschätzen. Auf dem Weg zur Auffahrt bin ich angespannt und zweifle an mir. Und gleich bei der ersten Auffahrt muss Dietz dann auch eingreifen. Ich fahre zu zaghaft an und beschleunige nicht genug. Dietz hilft mit seinem Gaspedal nach. Ich ärgere mich wieder und bin verunsichert.

Zum Schluss bietet Dietz an, noch eine Stunde zu nehmen. Wir könnten Einparken üben. "Und Autobahn", sage ich. Er lacht. "Autofahren ist eben nicht wie Schwimmen, auch wenn das die Leute immer sagen. Man kann Autofahren auch verlernen." Mehr Übung im Auffahren hätte ich schon gerne. Ansonsten war ich überrascht, dass die meisten Handgriffe trotz der Jahre ohne Auto noch gesessen haben.

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare