lucretia-khp-rkw-210830-_4c
+
Blut wird fließen: Während die hochschwangere Lucretia (Evelyn Krahe) schläft, naht ihr Peiniger Tarquinius (Grga Peroš).

Zum Auftakt eine Vergewaltigung

  • Manfred Merz
    VonManfred Merz
    schließen

Nach zehnmonatiger Pandemie-Zwangspause startet die Opernspielzeit am Stadttheater mit einem herben Stück. »The rape of Lucretia« von Benjamin Britten lässt zum Ausklang des Sommers finstere Wolken aufziehen.

Alle Frauen sind Huren. Und alle Männer Vergewaltiger. Nicht immer ist der kleinste gemeinsame Nenner sinnstiftend. In der 1946 uraufgeführten Kammeroper »The rape of Lucretia« (Die Vergewaltigung der Lucretia) aus der Feder von Benjamin Britten nach einem Libretto von Ronald Duncan geht es um die Macht des Mannes über die Frau. »Schon die erste Szene wirkt testosteronschwanger«, beschreibt Generalmusikdirektor Florian Ludwig am Dienstag beim Pressegespräch den Konflikt der Geschlechter. Premiere feiert das knapp zweistündige Werk in englischer Sprache mit deutschen Übertiteln am Samstag, 4. September, um 19.30 Uhr im Großen Haus.

Brittens erste Kammeroper beruht auf einer bekannten Episode aus der römischen Frühgeschichte. Lucretia, die Frau von General Collatinus, ist für ihre Tugendhaftigkeit bekannt. Das reizt Tarquinius, den Sohn des etruskischen Königs, der über Rom herrscht. Er hält alle Frauen für Huren. Als Lucretia ihm gegenüber standhaft bleibt, vergewaltigt er die Hochschwangere, die danach aus Scham Selbstmord begeht.

Das Philharmonische Orchester Gießen spielt in 14-köpfiger Besetzung auf. Mit seinen vier Sängerinnen und vier Sängern erzeugt der Komponist eine »verblüffende Klangvielfalt« (Ludwig). Sinnlich und suggestiv geht es dabei zu, wie die Kostproben am Sonntag im Großen Haus während der Soiree verrieten.

Regisseur Christian von Götz legt in seiner zeitlosen Inszenierung, die er als »Traumstück« bezeichnet, den Fokus auf die Frage, wie es zu solchen Gräueltaten kommt und wie die Gesellschaft damit umgehen soll. Seine Inszenierung rückt die weibliche Erzählerin (Female Chorus) weiter in den Mittelpunkt. Zudem verpasst von Götz der Lucretia eine dem Ursprungsstück fremde Schwangerschaft.

Reduzierte Ästhetik trifft auf Traumata

In den fünf schwarz-weißen Räumen von Bühnenbildner Lukas Noll werden die Fragen nach den Ursachen von Traumata und ihrer Bewältigung immer wieder aufgegriffen und Antworten für die heutige Zeit gesucht. Die reduzierte Ästhetik der Bühne soll helfen, Brittens Intention zu verdeutlichen. Das Fazit der Bühnenfiguren könnte lauten: »Wir alle sind Lucretia.«

Zum ersten Mal in Gießen zu erleben sind Altistin Evelyn Krahe in der Titelpartie, Anna Magdalena Rauer (Lucia), Anna Gabler (Female Chorus) sowie Kay Stiefermann (Junius). Bernhard Berchtold ist dem Publikum bereits bekannt und gibt den Male Chorus, Ensemblemitglied Grga Peroš den Vergewaltiger Tarquinius. Christian Tschelebiew verleiht dem Collatinus Format, Mezzosopranistin Sofia Pavone der Bianca.

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare