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Bariton Hartmut Schulz und Gitarrist David Strbac.

Zuhörer von der Musik berührt

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Gießen (usw). Ungewohnt und handwerklich hochwertig war das Musikerlebnis für die Besucher des letzten Konzerts in der Kirche St. Thomas Morus am Samstag. Zu Gast waren Hartmut Schulz (Tenor) und David Štrbac (Gitarre). Musiziert wurde John Dowlands »A Pilgrimes Solace«, ein Werk der englischen Renaissancemusik. Hoch künstlerischer Gesang und fragiler Gitarrenklang machten großen Eindruck auf das Publikum.

Nicht immer kommt Kammermusik in Kirchen ausreichend zur Geltung, aber die Zuhörer in der sehr gut besuchten Kirche mussten sich beim Zuhören nicht anstrengen. Vielmehr wurden sie alsbald von der Musik berührt.

Ein Wiederhören mit der klassischen Gitarre und dem Renaissance-Kunstgesang hatte man schon lange nicht mehr genießen können. Klug präsentierten die Gäste ihre Musik gleichsam »unter« dem Kirchenhall und machten so keine Verluste beim Transponieren ihres fragilen Materials in höhere Lautstärken. Das resultierte in einer ganz natürlichen Spielweise, die der klassischen Atmosphäre ungemein gut tat.

Es handelt sich bei der präsentierten Sammlung um John Dowlands (1563-1626) letztes von eigener Hand publiziertes Werk aus dem Jahr 1612. Zwischen 1594 und 1606 lebte er in Deutschland, Italien, sechs Jahre in Dänemark, dann erhielt er eine Anstellung bei einem Adligen in London. In dieser Zeit entstanden seine großen Werke. 1612 erreichte er das ersehnte Ziel: »Musiker für die Laute« am Hofe von James I.

Kunstgesang der Renaissance

»Es gibt einen roten Faden, nämlich die weltliche Liebe, die Hinwendung zu Gott und schließlich den Weg in die Ewigkeit,« sagte Bariton Schulz eingangs. Das Musikerlebnis begann mit »Disdain me still, that I may ever love«. Man erlebte ein fein reduziertes gesangliches Musizieren, ganz klar, natürlich, mit sehr differenzierter Intonation. Schulz stellte seinen Gesang versiert in den Hall des Hauses und brachte auch leise Passagen sehr gut zur Geltung. Štrbac fand auf der Gitarre genau den angemessenen Ton und lieferte einen hochsauberen, glockenreinen Klang: zarte Prägnanz und sehr gute Transparenz nahmen die Hörer für sich ein.

Ging es hier noch zart zu, fand das Konzert in »To ask for all thy love« dann fast überraschend zu vollem Volumen. Dramaturgisch glänzend umgesetzt, erfuhr hier die Musik mit voller emotionaler Wucht ihre ganze Entfaltung, und das Publikum entdeckte das ganze Spektrum des Genres; ein Glanzlicht.

Ein Genuss war Štrbacs Solo mit »Galliard to Lachrimae«. Er musizierte fein, zart, flüssig, mit sanft perlender Eleganz und schönster Transparenz. Zugleich ist das Werk von einer durchgehenden Melancholie bestimmt, typisch für diese Auswahl des Komponisten. Herausragend sauber realisiert, war das ebenfalls ein Glanzlicht.

Schulz trug im Laufe des Konzerts die deutschen Fassungen der Lieder vor und vermittelte so auch den sprachlichen Duktus der Zeit. Ein wertvolles Hörerlebnis auf handwerklich höchstem Niveau, das die Zuhörer offenkundig zu erreichen vermochte. Kräftiger Beifall folgte, es gab eine Zugabe.

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