Patrick Schubert forscht an Korallen. Dafür steigt er auch selbst in den Taucheranzug. 	FOTO: CHH
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Patrick Schubert forscht an Korallen. Dafür steigt er auch selbst in den Taucheranzug. FOTO: CHH

Korallensammlung

Zoologen der Universität erforschen Riff-Bewohner

  • Christoph Hoffmann
    vonChristoph Hoffmann
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In zwei Schau-Aquarien simulieren Zoologen der Universität Meeresbedingungen. Untersucht wird etwa, welchen Einfluss Mikroplastik und steigende Temperaturen auf Korallen haben.

Gießen (chh). Gießen liegt rund 500 Kilometer vom nächsten Meer entfernt. Eigentlich. Denn im zweiten Stock der »Alten Chemie« im Heinrich-Buff-Ring branden im Minutentakt Wellen ans Ufer. Es gibt einen kleinen Strand, an dem Mangroven wachsen, und eine Seegraslagune, durch die Anemonenfische schwimmen. Vor allem aber gibt es hier unzählige Steinkorallen. Was sich in der freien Natur auf große Distanzen erstreckt, nimmt im Institut für Tierökologie und Spezielle Zoologie nur einige Meter ein. »In diesen beiden Schau-Aquarien mit Wellenanlage können wir die typischen Habitate des Meeres gut veranschaulichen«, sagt Dr. Patrick Schubert. Zusammen mit dem Team um Prof. Thomas Wilke untersucht der Biologe zum Beispiel, welche Einflüsse Mikroplastik, steigende Temperaturen oder die Veränderung des pH-Werts auf Korallen haben. Für diesen Zweck hat die Universität in den letzten Jahren eine beeindruckende Sammlung dieser farbenprächtigen Nesseltiere angelegt.

Job als Glücksfall

Für Schubert ist der Job ein Glücksfall. Schon als Kind hat er Meerwasseraquarien besessen. Später fing er an zu tauchen. Einige Korallen der Sammlung hat er sogar eigenhändig aus dem Roten Meer in Saudi-Arabien geholt. Selbstverständlich mit Erlaubnis der zuständigen Behörden. Es gibt aber auch Menschen, die sich Korallen illegal besorgen. Aber davon profitiert die Arbeitsgruppe der JLU ebenfalls.

»Einige Korallen, besonders große farbenprächtige Einzelstücke, erhalten wir regelmäßig vom Frankfurter Zoll«, sagt Schubert. Denn Steinkorallen seien durch das Washingtoner Artenschutzabkommen streng geschützt und dürften nur mit den entsprechenden Papieren gehandelt werden. Fehlten diese, würden die Korallen von den Zollbeamten konfisziert und an Partnereinrichtungen übergeben. Zum Beispiel die Gießener Uni.

»Dabei handelt sich aber eher um Schaustücke. Für die Forschung nutzen wir andere«, sagt Schubert und öffnet die Tür zum eigentlichen Arbeitsbereich der Forscher. Die gesamte Wand des Labors ist mit Versuchsaquarien bestückt, in jedem sind etliche Korallenkolonien zu finden. »Wir haben hier knapp 50 verschiedene Arten, an denen wir unsere Versuche vornehmen«, sagt Schubert. Zum Beispiel mit Blick auf den Klimawandel.

Tauchtourismus: Fluch oder Segen?

Korallen leben in einer Symbiose mit kleinen einzelligen Algen, wie der Biologe erklärt. »Diese Lebensgemeinschaft brauchen die Korallen, um ihr Kalkskelett aufbauen zu können.« Erhöhte Wassertemperaturen könnten diese Symbiose jedoch nachhaltig stören - mit dramatischen Auswirkungen auf das gesamte Ökosystem. »Korallen sind sehr artenreiche Gebilde. Viele Fische verbringen hier Lebensabschnitte oder sind anderweitig auf die Riffe angewiesen.« Aber auch für den Menschen sei das Absterben der Korallenriffe fatal. Als Wellenbrecher vor den Küsten verhinderten sie zum Beispiel Überschwemmungen.

Dem Tauchtourismus wird oft nachgesagt, er schade Korallenriffen. Die Taucher und Schnorchler würden etwa die Fische vertreiben, außerdem seien Inhaltsstoffe einiger Sonnencremes schädlich für die Korallen. Schubert sieht das ein wenig differenzierter.

»Der Tauchtourismus führt oft dazu, dass die Korallenriffe von den Einheimischen extrem geschützt werden. Weil sie genau wissen, dass sie ihre finanzielle Absicherung sind.« Die Bewohner würden zum Beispiel dafür sorgen, dass in den Riffregionen nicht intensiv gefischt werde. Schubert sagt, er habe im Roten Meer in Ägypten unglaublich tolle und intakte Riffe gesehen, obwohl es wohl kaum einen Ort gebe, der stärker betaucht werde. In Saudi-Arabien hingegen seien die Riffe oft in einem traurigen Zustand, obwohl hier Tourismus keine Rolle spiele. Schubert ist daher überzeugt: »Naturschutz funktioniert nur, wenn die oft armen Menschen vor Ort auch profitieren.«

Die wissenschaftlichen Grundlagen dafür können jedoch auch andernorts erforscht werden. Dafür braucht es nicht einmal ein echtes Meer.

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