1970 berichtet die Gießener Allgemeine Zeitung erstmals über die "Langhaarigen", die am Uniklinikum gute Arbeit leisten. Untergebracht waren Zivildienstleistende dort allerdings in einer schimmligen Baracke mit Mäusen als "Mitbewohner". (Montage: GAZ-Grafik)
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1970 berichtet die Gießener Allgemeine Zeitung erstmals über die "Langhaarigen", die am Uniklinikum gute Arbeit leisten. Untergebracht waren Zivildienstleistende dort allerdings in einer schimmligen Baracke mit Mäusen als "Mitbewohner". (Montage: GAZ-Grafik)

50 Jahre Zivildienst

Als die "Zivis" nach Gießen kamen

  • Karen Werner
    vonKaren Werner
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Langhaarig und unangepasst: Vor 50 Jahren traten die ersten "Pazifisten" in Gießen ihren Ersatzdienst als Zivildienstleistende an. Wir wecken Erinnerungen an sie.

Das war die beste Zeit in meinem Leben." Andreas Raab bekommt leuchtende Augen, wenn er von seinem Zivildienst erzählt. Rasch schränkt der 45-Jährige ein: Diese Aussage galt jedenfalls bis zur Geburt seines Sohnes vor zwei Jahren, "er toppt alles". Dann schwelgt der Förderschullehrer weiter in Erinnerungen an die 15 Monate, in denen er bei der Gießener Arbeiterwohlfahrt tätig war. "Man musste und wollte erwachsen sein, das war ein gutes Gefühl. Ich wusste das erste Mal im Leben, was mein Beruf wird." 50 Jahre ist es her, dass die ersten Kriegsdienstverweigerer in Gießen ihren "Ersatzdienst" antraten. Zunächst als "Drückeberger" beschimpft, wurden sie im Laufe der Jahrzehnte zu Lieblingen der Nation. Als der Wehrdienst und damit auch der Zivildienst 2011 ausgesetzt wurde, war das Bedauern groß, auch in Gießen.

Kurz nach Wiedereinführung der Wehrpflicht ist die Verweigerung noch die seltene Ausnahme. 1961 berichtet die Gießener Freie Presse vom neu eingeführten "Ersatzdienst für Pazifisten". Von über einer Million Wehrpflichtigen der drei Geburtsjahrgänge 1937 bis 1939 hätten 9000 den Antrag gestellt, aus Gewissensgründen dem Militär fernzubleiben. Nur 2000 von ihnen werden nach der strengen Befragung anerkannt. Alle anderen müssen "zum Bund".

Das gesellschaftspolitisch bewegte Jahr 1968 bringt eine Trendwende: Die Zahl der Anträge schnellt - in einem einzigen Geburtsjahrgang - auf 12 000 hoch, doppelt so viele wie im Jahr zuvor. Entsprechend mehr Stellen werden geschaffen, auch in Gießen, zunächst etwa bei der Awo, die 1969 mit drei jungen Männern beginnt, und im Universitätsklinikum.

Über den Einsatz im Krankenhaus berichtet diese Zeitung erstmals im Frühjahr 1970. "Obwohl als Gammler, Anarchisten und Utopisten verschrien, leisten die jungen Männer (...) gute Arbeit", heißt es wohlwollend. Das sei auch den "Gruppenleitern" am Klinikum zu verdanken, die nachsichtig "größtmögliche Freiheiten" gewährten. Beispielsweise verbieten sie weder lange Haare noch Jeans, obwohl sie das äußere Erscheinungsbild "mit Rücksicht auf die Gemeinschaft" regulieren könnten. Nachts dürfen die jungen Männer unbegrenzt ausgehen, außer wenn es "Anlass zur Klage" gebe.

Es sind jedoch die Ersatzdienstleistenden, die Grund zu Beschwerden sehen. 1971 fordern alle 26 am Klinikum eingesetzten Männer eine "menschenwürdige Unterkunft". Seit zwei Jahren hausen sie auf dem Gelände Schubertstraße 89 in einer Bundeswehrbaracke, die eigentlich als Provisorium gedacht war. Sie kritisieren unzumutbare sanitäre Einrichtungen, Schimmel, eine defekte Heizung und Mäuse als "Mitbewohner". Erst eine Streikdrohung bringt Verbesserungen.

Solche Auseinandersetzungen sind von der Awo nicht bekannt. "Ich treffe oft Ehemalige. Fast alle sagen: Das war eine Erfahrung fürs Leben, die ich nicht missen möchte", erzählt Kornelia Steller-Nass, die bei dem Wohlfahrtsverband seit 1975 mehr als 500 Zivis betreut hat. Hautnah erlebte sie den Imagewandel mit und sah, wie die jungen Männer Vorurteile etwa der Senioren entkräfteten. "Wir hatten alles. Lange Haare, Piercings, schwarzer Lackmantel... Aber das waren die tollsten Jungs. Sie haben den Perspektivwechsel im Umgang mit Menschen mit Behinderung eingeläutet." Mit der Bundeswehr vor Ort pflegte man freundschaftliche Kontakte, erzählt Steller-Nass und nimmt eine Plakette des Verteidigungsbezirkskommandos 47 von der Wand: "Zur Erinnerung an das Fußballspiel Wehrdienstpflichtige - Zivildienstleistende am 3. September 2001." Da war der "Ersatz" längst zum Massenphänomen geworden, die liebevolle Kurzform "Zivi" gang und gäbe.

"Viele wären ohne Druck nie bei uns gelandet", weiß die heutige Ehrenamtskoordinatorin. Trotzdem sieht sie eine Dienstpflicht skeptisch: Freiwilligkeit passe besser zur Demokratie. Andreas Raab wiegt den Kopf: Mancher würde davon profitieren, wenn er "zu seinem Glück gezwungen" würde. Er selbst sei in einem entscheidenden Lebensabschnitt in der "fantastischen Atmosphäre" gereift und verlängerte freiwillig seinen Zivildienst. "Ich kann jedem nur dazu raten", ein Freiwilliges Soziales Jahr oder den Bundesfreiwilligendienst abzuleisten. Alle, denen das entgeht, tun mir Leid." Die Wehrpflicht ist nicht abgeschafft, nur ausgesetzt. Die Kriegsdienstverweigerung ist nach wie vor möglich für jeden, der sicherstellen möchte, dass er im Spannungs- oder Verteidigungsfall nicht zur Waffe greifen muss. Er wäre in diesen Situationen dann zum Ersatzdienst verpflichtet.

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