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Gießener Feierabendverkehr in der Licher Straße vor der Corona-Pandemie.

Ziel ist die »urbane Mobilität«

  • Burkhard Möller
    VonBurkhard Möller
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In rund einem Jahr wissen die Gießener, wie der Stadtverkehr im Jahr 2035 aussehen soll. Bis zum Juni 2022 sollen im Rahmen der Verkehrsentwicklungsplanung »Maßnahmenpakete« und ein »Handlungskonzept« vorliegen. Rund 60 Teilnehmer haben deshalb in einem Online- Forum über den Gießener Verkehrsentwicklungsplan diskutiert. Klar wurde dabei: Das Auto wird künftig seine Dominanz im Straßenverkehr einbüßen.

Es ist nicht alles schlecht in der Corona-Pandemie. Die digitale Kommunikation erspart Wege und vermeidet so auch Verkehr. Insofern passte es durchaus zum Thema, dass sich keiner der rund 60 Teilnehmer am Online-Forum zum Gießener Verkehrsentwicklungsplan am frühen Mittwochabend ins Gießener Rathaus am Berliner Platz aufmachen musste. Aus ihren Büros oder Arbeitszimmern in Dortmund, Hamburg, Gießen oder Heuchelheim hatten sich die Moderatoren, Experten und Kommunalpolitiker zugeschaltet, um über den Stand der Verkehrsentwicklungsplanung zu informieren und einen Ausblick zu geben, wohin die Reise im Stadtverkehr bis 2035 gehen soll. Zugeschaltet hatten sich rund 50 Interessierte, die in einem Chat Fragen stellen und Meinungen äußern konnten.

Obwohl es noch rund ein Jahr dauern wird, bis konkrete Vorschläge im Rahmen der von fast allen Parteien in Gießen propagierten Verkehrswende vorliegen werden, ist die Richtung klar: Ziel für Städte wie Gießen müsse die »urbane Mobilität« sein, sagte David Madden von der Planersocietät aus Dortmund. Das Büro ist von der Stadt beauftragt worden, den neuen VEP gemeinsam mit dem Hamburger Büro Gertz, Gutsche Rümenapp zu erstellen.

Was urbane Mobilität bedeutet, wurde in einer Darstellung sichtbar, in der die Transportmittel als Logos abgebildet waren. Der Pkw hat darin auch seinen Platz, aber eben nur noch als eines von vielen Transportmitteln - neben Bus, Fahrrad, Lastenrad, Straßenbahn, E-Roller oder den eigenen zwei Beinen. Die urbane Mobilität schränke die Bewegungsfreiheit der Menschen nicht ein, sie setzte sich nur anders zusammen, erklärte Madden. Das Auto, so wie es heutzutage genutzt werde, sei für den begrenzten Stadtraum halt die »unverträglichste Fortbewegungsart«.

Die Gutachter von außerhalb sind in Gießen laut Madden »hunderte Kilometer« Rad, Bus und Auto gefahren, um eine »qualitative Einschätzung« zu den Gießener Verhältnissen geben zu können. In der Bestandsaufnahme zum Stadtverkehr, den die Planer im Frühjahr vorgelegt haben (die GAZ berichtete), kommt das Auto am besten weg. Dem Motorisierten Individualverkehr (MIV) stehen in Gießen eine »gute Struktur« und »ausreichende Kapazitäten« zur Verfügung. Diese Stärke des Autos indes sei eine »Schwäche für alle anderen« und hemme durch die Inanspruchnahme großer Verkehrsflächen wie am Anlagenring die städtebauliche Fortentwicklung mit der Schaffung von mehr Grünflächen oder Bereichen für Gastronomie und Geschäfte.

Dass die Stadt einen VEP auflegt, hat laut Planungsamtsleiter Dr. Holger Hölscher mit »veränderten Rahmenbedingungen« wie Klimaschutz und einem Zuwachs von 12 000 Einwohnern in den letzten Jahren zu tun. Gießen habe fast 90 000 Einwohner, tagsüber halte sich schätzungsweise die doppelte Anzahl an Menschen in der Stadt auf - mit den entsprechenden Folgen für das Verkehrsgeschehen.

Den vielen Ansprüchen aus der Bevölkerung versuche die Stadt von Quartier zu Quartier schon jetzt gerecht zu werden, sagte Bürgermeister Peter Neidel mit Blick auf Forderungen nach mehr Anwohnerparkzonen oder sicheren Radrouten. »Der Raum, der zur Verfügung steht, wird nicht mehr«, beschrieb der Verkehrsdezernent die Schwierigkeiten.

So wechselte die Diskussionsrunde mit den Beiträgen aus dem Chat immer wieder zwischen mittel- und langfristigen Erfordernissen und Alltagsproblemen. Oberbürgermeisterin Dietlind Grabe-Bolz sprach von »großen Zielen« und »kleinschrittigem« Vorgehen. Es liege aber auf der Hand, »dass wir eine große Transformation vor uns haben«, sagte die OB.

Die wird noch viele Kontroversen produzieren. THM-Verkehrsforscher Prof. Jörg Pfister weiß, wie Debatten um Verkehrspolitik oft laufen: »Es muss viel passieren, aber es soll sich nichts ändern.«

Autoanteil ist nicht bekannt

Unter den bis zu 50 Zuhörern, die sich eingeloggt hatten, waren die, die wollen, dass viel passiert, offenbar klar in der Mehrheit. Der digitale Wunschzettel füllte sich schnell mit Aussagen wie »viel weniger Autos«, »mehr Bahnhaltepunkte«, »fahrradfreundlich«, »klimaneutral« oder »barrierefrei«. Die beiden Aussagen »Innenstadt kaputt« und »unternehmerfreundlich« dürften eher von Zuhörern gekommen sein, die wirtschaftlich negative Folgen befürchten, wenn der Autoverkehr stark reduziert wird.

Welchen Anteil der MIV in Gießen hat, ist übrigens nicht bekannt. Der sogenannte Modal Split, der zuletzt 2018 ermittelt wurde, gilt nur für die Gießener selbst. Danach nutzen sie zu 40 Prozent das Auto. In der Tagbevölkerung dürfte dieser Anteil durch die vielen Berufspendler viel höher sein, denn sie verursachen 70 Prozent des Autoverkehrs.

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