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Zeitreise ins alte Gießen

  • Karola Schepp
    VonKarola Schepp
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Eine Zeitreise in das alte Gießen bietet Stadtführerin Dr. Jutta Failing bei einem eigens für das Oberhessische Museum konzipierten Rundgang. Anhand von Exponaten der aktuellen Sonderausstellung erfahren die Teilnehmer viel über das alltägliche Leben der Gießener in früheren Zeiten. Und auch ein sagenhafter Goldschatz spielt eine Rolle.

Es muss wohl ein reicher Händler gewesen sein, der im 14. Jahrhundert vor den Toren Gießens in der Herberge übernachtete und dabei, warum auch immer, den Tod fand. Sein Grab fand man 1951 bei Bauarbeiten im Seltersweg nahe des späteren Kaufhaus Kerber. In seinem Mantel hatte der Unbekannte zehn Goldmünzen unterschiedlicher Prägungen eingenäht. Für seine Zeit ein riesiges Vermögen. Neun dieser Goldmünzen - die zehnte ist als Finderlohn verschwunden - sind seit Jahren Teil der Dauerausstellung im Oberhessischen Museum. Im Rahmen der aktuellen Sonderausstellung ist der »Gießener Goldschatz« nun eines der Objekte, anhand derer die Schau die Geschichte der archäologischen Ausgrabungen in und um Gießen und damit auch die Geschichte der Stadt erzählt.

Wer durch das Gießen heutiger Zeit bummelt, der sieht nur noch wenig alte Bausubstanz. Schließlich wurde die Innenstadt beim Bombenangriff von 1944 in großen Teilen zerstört und auch dem mo- dernen Architekturgeschmack der Nachkriegsjahre fielen zahlreiche aus heutiger Sicht durchaus wiederaufbauwürdige historische Gebäude zum Opfer. Doch einen spannenden Eindruck, wie das Gießen früherer Zeit ausgesehen hat - von der mittelalterlichen Stadt über die Zeit des Festungsbaus bis hinein in das 19. Jahrhundert - vermittelt Stadtführerin Dr. Jutta Failing dennoch bei ihrem Rundgang »Dicke Säue und enge Gassen«. Sie nimmt dabei Bezug auf all das, was Archäologen in den letzten Jahrzehnten in der Innenstadt entdeckt haben.

2000 Menschen auf einer Fläche wie drei Fußballfelder

Entlang der mittelalterlichen Stadtmauer und im Bereich des früheren Gießener Festungsbaus führt die Tour, die nicht nur für Erwachsene, sondern auch für Familien mit Kindern spannende Erkenntnisse liefert. »Gummistiefel braucht man dafür heute nicht mehr«, scherzt Jutta Failing und spielt auf den schlammigen Untergrund an, auf dem die Anfang des 13. Jahrhunderts erstmals urkundlich erwähnte Siedlung Gießen angelegt wurde. 2000 Menschen lebten hier im Mittelalter auf einer Fläche so groß wie drei Fußballfelder. Vermutlich Ende des 13. Jahrhunderts wurde eine Ringmauer um die Siedlung gezogen, die allerdings im 16. Jahrhundert durch einen fast doppelt so hohen Festungswall mit größeren Dimensionen ersetzt wurde, um die wachsende Stadt zu schützen und wehrhaft zu machen.

Failing erzählt vom ehemaligen Stadttor an der Mäusburg, das wohl als Mautstation an den Handelswegen diente, den ersten Versuchen, den Seltersweg urbar zu machen, von der ersten mittelalterlichen öffentlichen Herberge am Platz der heutigen Maigasse, von der Siedlung Selters, wo später die Soldaten kaserniert waren, von den Leprakranken, die im 1342 erstmals erwähnten Siechenhof (ungefähr dort, wo heute das Commerzbank-Gebäude am Beginn der Frankfurter Straße steht) untergebracht waren. Und auch der verheerende Brand, bei dem 1560 rund 160 Häuser zerstört wurden und der dem Brandplatz zu seinem Namen verholfen hat, ist Thema der zweistündigen Führung.

Schweine, Kühe und Schafe in den Gassen

In der Löwengasse, wo früher die Lohweber lebten und arbeiteten, erzählt Failing von der ersten Straßenbeleuchtung, die ab 1806 mit Öl, ab 1857 mit Gas und erst Anfang des 20. Jahrhunderts mit Strom betrieben wurde. Ein glimmender Kienspan - ein entsprechender Halter aus Eisen ist im Museum ausgestellt - musste in all den Jahren zuvor als Lichtquelle ausreichen.

Der 1817 in Gießen geborene Naturwissenschaftler und Politiker Carl Vogt beschreibt in seinen Schriften, dass sich das Leben im alten Gießen auch noch im 19. Jahrhundert überwiegend auf den Straßen abspielte, weil die Wohnverhältnisse in den Häusern so schwierig waren. Im Tiefenweg - »an Gießens tiefster Stelle«, so Failing - erinnert die Stadtführerin vor der alten Kupferschmiede daran, dass damals allein rund 1200 Schafe, Kühe und Schweine in der Stadt untergebracht waren. Morgens trieb der Hirte die Tiere durch die Stadt auf die Weiden. Geschoren wurden Schafe auf einem Platz an der Lahn und erst mit Errichtung des Schlachthofes an der Lahn gehörten stinkende Schlachtabfälle, die die Metzger zuvor rund um die Sonnenstraße im Abwasser entsorgten, der Vergangenheit an.

Der heutige Marktplatz war einst durchaus kein Marktplatz. »Der Platz war dafür viel zu klein«, weiß Failing zu berichten und gibt zu bedenken, dass bei den Ausgrabungen vor enigen Jahren kaum Münzen dort gefunden worden. Wohl aber die gut erhaltenen Reste eines Lederschuhs, die im Alten Schloss zu besichtigen sind. »Auch hier muss die Stadtgeschichte also neu geschrieben werden.« Erst ab 1894 boten die nahen Marktlauben in ihren Nischen Platz für Verkaufsstände und ab 1928 wurden die gegenüberliegenden Häuser mit festen Verkaufsstationen errichtet.

An den beiden ehemaligen Burgmannenhäusern - der »Keimzelle des alten Gießen«, die heute als Leib’sches und Wallenfels’sches Haus Teil des Oberhessischen Museums sind - endet die Tour. Sie vermittelt ein spannendes Bild des alltäglichen Lebens im Gießen früherer Jahrhunderte von der Wiege bis zur Bahre: Wohnen und Wirtschaften, Religion und Magie, Pilgertourismus und Lepra-Quarantäne. Eine ideale Ergänzung zur Ausstellung im Alten Schloss.

Jutta Failing
Knapp 9000 Einwohner hatte Gießen um 1850. Mehr als 250 von ihnen wurden als sogenannte Arme unterstützt.
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